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Ostholstein Anklage fordert hohe Haftstrafe für Mutter aus Lensahn
Lokales Ostholstein Anklage fordert hohe Haftstrafe für Mutter aus Lensahn
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17:57 04.11.2019
Die angeklagte Mutter aus Lensahn verbirgt im Gerichtssaal ihr Gesicht hinter einem Aktenordner. Ihr Verteidiger Frank-Eckhard Brand aus Lübeck hält am Montag das Plädoyer. Quelle: 54°/Felix König
Lübeck/Lensahn

Im Verfahren gegen eine Mutter aus Lensahn vor dem Lübecker Landgericht hat die Staatsanwaltschaft am Montag eine Haftstrafe von zehn Jahren beantragt. Die Staatsanwältinnen Renate Hansen und Dorothea Röhl sagten in ihren Plädoyers, dass die Hauptverhandlung den Beweis für die der Frau vorgeworfenen Taten erbracht habe. Angeklagt waren Misshandlung Schutzbefohlener und erwerbsmäßiger Betrug. Verteidiger Frank-Eckhard Brand bat das Gericht um ein mildes Urteil.

Die Mutter soll vier ihrer fünf Kinder über Jahre in den Rollstuhl gezwungen und ihnen schwere Krankheiten, unter anderem die Glasknochenkrankheit, die Bluterkrankheit, Rheuma und Asthma angedichtet haben. Staatsanwältin Renate Hansen, Abteilungsleiterin für Kinderschutz, hob in ihrem Plädoyer darauf ab, was die Mutter ihren Kindern damit zugefügt habe. „Die Kinder wurden in Angstzustände versetzt“, sagte Hansen.

Selbstmordpläne der Tochter

Zeugen, darunter Lehrerinnen und Schulbegleiterinnen, hätten die Jungen als unglücklich, depressiv, sozial isoliert und in sich selbst zurückgezogen beschrieben. Die Tochter, mit 14 Jahren erstmals und dann für eineinhalb Jahre in den Rollstuhl gesetzt, sei gewarnt worden, dass sie sonst querschnittsgelähmt werden könnte. „Seit sie im Rollstuhl saß, habe sie keine Freunde mehr gehabt“, referierte Hansen eine Aussage aus dem Prozess. Dass sie geschlagen worden sei, dass ihr die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt angedroht worden sei, all das habe das Mädchen schließlich daran denken lassen, sich vor einen Zug zu werfen.

Der Prozess hatte gezeigt, dass die Kinder im Alter von heute elf bis 19 Jahren nicht nur unter den dauernden Arztbesuchen, unter Spritzen und Infusionen und unter dem Wissen, schwer krank zu sein, gelitten haben müssen. Ihre Schullaufbahnen wurden zudem durch häufige Fehlzeiten ausgebremst. So soll eines der Kinder am Ende der dritten Klasse noch nicht richtig lesen gekonnt haben.

Das Vertrauen ausgenutzt

In ihrer Bewertung der Hauptverhandlung prüfte Hansen zwei Fragen: Haben die Beweise die angeklagte Misshandlung Schutzbefohlener ergeben? Ist das im Straftatbestand als Voraussetzung angeführte Quälen erfüllt? Das deklinierte Hansen für alle vier betroffenen Kinder durch. Sie hätten zwischen eineinhalb und sechseinhalb Jahre lang im Rollstuhl sitzen müssen, der Jüngste bereits im Kindergartenalter. Ein Alter, in dem keine Gegenwehr möglich gewesen sei. „Die Angeklagte hat das Vertrauen ihrer Kinder schamlos ausgenutzt“, so Hansens Fazit.

Die Staatsanwältinnen Renate Hansen (rechts) und Dorothea Röhl sehen die Schuld der Angeklagten als erwiesen an. Quelle: 54° / John Garve

Staatsanwältin Dorothea Röhl, Abteilungsleiterin für Abrechnungsbetrug, widmete sich in ihren Ausführungen dem finanziellen Schaden, den die Angeklagte mit ihrem Tun angerichtet habe. So wurden bei einer Hausdurchsuchung im Wohnhaus der Familie Medikamente im Wert von mehr als einer Million Euro gefunden. Der Kreis Ostholstein bezahlte Schulbegleiter für die Kinder, die gar keine gebraucht hätten. Außerdem, auch das war im Verfahren Thema, hatte die Mutter Freundinnen mit Verhinderungspflege beauftragt, die gar nicht geleistet wurde. Das Geld strich die Angeklagte ein. 17 Fälle des gewerbsmäßigen Betrugs seien nachweisbar, sagte Röhl, die feststellte: „Die kriminelle Energie der Angeklagten ist erheblich.“ Der Schaden belaufe sich auf 135 000 Euro.

Viele Taten, viele Opfer

Jede der Taten an sich ist ein Verbrechen. Für die Taten an jedem Kind beantragte Hansen eine extra Freiheitsstrafe, zwei Mal fünf Jahre, ein Mal drei Jahre und ein Mal vier Jahre, je nachdem, wie lange ihr Leiden gedauert hat. Hinzu kommen die Betrugsfälle, für die jeweils eine Einzelstrafe zwischen sechs Monaten und einem Jahr beantragt wurde. Macht eine juristische Gesamtstrafe von zehn Jahren, so beantragt von den Anklägerinnen.

Verteidiger Frank-Eckhard Brand plädierte für eine milde Strafe. Er hob auf ein zweifelhaftes Gesundheitssystem und ein insuffizientes System der Kindeswohlbetrachtung ab. „Das System hat ein Problem“, stellte der Anwalt fest. Und weiter: „Man muss sich fragen: Wer sitzt hier auf der Anklagebank?“ Es habe ja Diagnosen gegeben, die den Kindern Krankheiten bescheinigten.

Wem nützt das alles?

Etwa die des Kinder-Rheumatologe Dr. Nikolay Tzaribachev, der den Kindern jetzt wieder wegen angeblichen Rheumas Medikamente gibt. „Was ist das für ein Arzt, der in Kenntnis der Problematik dieses Verfahrens die Kinder wieder behandelt?“, fragte Brand. Zu den im Haus der Familie gehorteten Medikamenten fragte der Verteidiger: „Wem nützt das etwas? Wer verschreibt die? Irgendjemand wird die in Rechnung gestellt und daran verdient haben.“

Für die Mutter hieße das: „Sie geht davon aus, dass ihre Kinder krank sind.“ Er glaube nicht, dass die Angeklagte die Einsichtsfähigkeit in ihr Tun habe. Das sei für sie nicht zugänglich, sei abgespalten. Brands Fazit: „Sie möchte als perfekte Mutter dastehen. Die Tat ist das Gegenteil von dem, was sie darstellen will. Das ist eine extreme Störung. Das hat ihr Leben bestimmt, da hat etwas anderes die Kontrolle übernommen.“ Das würde er mit einem Wahn gleichsetzen, von dem man nicht loskomme.

Brand beantragte lediglich eine milde Strafe, ohne eine konkrete Zahl zu nennen. Danach hatte die Angeklagte das letzte Wort, auf das sie aber verzichtete. Das Urteil wird am 13. November verkündet.

Berichte über den Prozess und einen ähnlichen Fall

Der Prozess um die Ostholsteiner Mutter, die ihre Kinder in den Rollstuhl gezwungen haben soll, ist Dauerthema. Hier gibt es einen Überblick:

Der Prozessbeginn:
So lief der erste Tag vor dem Lübecker Landgericht.

Für Aufregung sorgte die Nachricht, dass einige der Kinder noch bei der Mutter leben. Warum das Jugendamt dies nicht verhindern konnte, steht hier.

Lehrkräfte und Schulbegleiter haben ausgesagt:
Die Mutter geriet bereits 2014 ins Visier der Ermittlungsbehörden.

Am dritten Prozesstagsagte der medizinische Gutachter aus: Keine krankhaften Befunde.

Die Odyssee der Kinder nach der Inobhutnahme ist hier beschrieben.

Alles, was am Anfang bekannt ist, ist hier zusammengefasst.

Kommentar zum Prozess:
Kinder dürfen nicht zum zweiten Mal zu Opfern werden

Welche merkwürdigen Randnotizen es bei dem Prozess gibt,lesen Sie hier.

Drohungen und Manipulation?
Zeugen berichten vom Schreckensregime der Mutter

Zeugen belasten Mutter schwer:
Kinder wurden gedemütigt.

Am sechsten Verhandlungstag zeigt die Mutter zum ersten Mal Emotionen.

Gutachten wird mit Spannung erwartet: Wie tickt die Mutter?

Am 7. Verhandlungstag nennt eine Expertin die Mutter mitleidslos.

Warum das Jugendamt
jetzt nicht reagiert.

Am 8. Verhandlungstag wurde ein interessanter Zeuge gehört.

Ein ähnlicher Fall wurde 2015 vor dem Hamburger Landgericht verhandelt. Eine Mutter hatte ihrem dreijährigen Kind monatelang Fäkalien, Speichel und Blumenwasser gespritzt.

Von Susanne Peyronnet

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