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Ostholstein Stockelsdorf und Ratekau zeigen Flagge gegen häusliche Gewalt
Lokales Ostholstein Stockelsdorf und Ratekau zeigen Flagge gegen häusliche Gewalt
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15:01 25.11.2019
Brötchentüten-Aktion gegen Gewalt in Ratekau - unterstützt von Bürgermeister Thomas Keller (Mitte). Quelle: Doreen Dankert
Stockelsdorf/Ratekau

„Schaut hin! Gewalt kommt nicht in die Tüte!“ – so lautet das Motto der am Montag gestarteten Aktionswoche schleswig-holsteinischer Bäckereien gegen häusliche Gewalt. Ratekau ist seit vielen Jahren schon dabei mit der Brötchentütenaktion der Bäckerei Puck, die am Montag auch von Bürgermeister Thomas Keller (parteilos) unterstützt wurde. „Das ist ein wichtiges Thema“, erklärt Bürgermeister Keller, „deswegen unterstützen wir das, damit das in den Fokus rückt.“

Wegschauen spielt den Tätern in die Hände

Stockelsdorf nimmt jetzt zum ersten Mal an der Kampagne teil – auch mit einer Brötchentütenaktion der Feinbäckerei Schüler. Auf dieser Brötchentüte steht die Notrufnummer.

„Viele wissen nicht, wie man mit dem Thema umgeht“, erklärt Stockelsdorfs Bürgermeisterin Julia Samtleben (SPD), „und viele neigen dazu, wegzuschauen. Aber man kann häusliche Gewalt nur verhindern, wenn nicht wegschaut wird.“

81 Prozent der Opfer sind Frauen, aber knapp 20 Prozent auch Männer

Bundesfrauenministerin Franziska Giffey erklärte am Montag, dass im vergangenen Jahr bundesweit rund 140 000 Fälle von Partnerschaftsgewalt aktenkundig geworden seien und Frauen in 81 Prozent der Fälle sich in der Opferrolle wiederfinden. „Es gibt aber auch etliche Fälle, in denen Männer Opfer häuslicher Gewalt werden“, erklärt Martin Bergmann, Präventionsbeauftragter der Polizeidirektion Lübeck.

Gewalt beginnt nicht erst bei Körperverletzung

Häusliche Gewalt beginnt nicht erst dann, wenn die Eskalation zu Körperverletzung, Mord oder Totschlag führt. Gewalt hat viele Gesichter – so, wie dieses: Sie kommt eine halbe Stunde später nach Hause als üblich. In einem scharfen, mit spürbarem Misstrauen vermengten Tonfall fragt er sie, wo sie sich denn rumgetrieben habe. Ihre Erklärung, dass sie unterwegs eine Freundin getroffen und mit ihr geplauscht hat, wird von ihm umgehend torpediert von paranoiden und vor allem abwertenden und lautstarken Unterstellungen und Beschimpfungen weit unter der Gürtellinie. Sie weiß, der Tag ist gelaufen. Er hat das Fass der Gewalt aufgemacht. Trotzdem schiebt er ihr die Schuld dafür in die Schuhe. Wieder einmal. Jede Verteidigungsversuch ihrerseits bringt ihn nur noch mehr in Rage – bis er handgreiflich wird und sie an den Haaren durch die Wohnung schleift.

Dunkelziffer sehr hoch

Was hier nach Leinwanddrama aussieht, ist tagtäglich Realität in dem Bereich des Lebens, wo man sich eigentlich am sichersten aufgehoben fühlen sollte: der eigenen Wohnung. „Häusliche Gewalt kommt viel häufiger vor als man denkt“, erklärt Martin Bergmann. „Die Dunkelziffer ist sehr hoch“, so Bergmann, „und diese Einsätze sind die schlimmsten Einsätze, die man sich vorstellen kann, denn da brechen dann oft Konflikte auf, die sich über Jahre aufgestaut haben.“ Besonders tragisch sei so etwas, wenn Kinder zwischen die Fronten der häuslichen Gewalt geraten.

Viele Täter wirken nach außen harmlos

„Innere Ambivalenzen, die im Verhalten sichtbar werden, spielen da oft eine große Rolle“, sagt Julia Dabelstein vom Frauennotruf in Ostholstein, „und es braucht eine Zeit, dem auf die Spur zu kommen. Und ganz oft ist es so, dass viele Täter nach außen hin ganz harmlos wirken. Es gibt Fälle, wo die ganze Beziehung ein einziges Machtkonstrukt ist.“ Anwendung von – nicht nur körperlicher, sondern auch psychischer – Gewalt, habe immer die Intention, Macht und Kontrolle über die Situation und eine anderen Person haben zu wollen. Doch wo beginnt eigentlich die Kontrolle über den Partner? „Beim Überwachen der Konten und mit wem der Partner über was telefoniert zum Beispiel“, sagt Julia Dabelstein.

213 Notrufe in Ostholstein 2018

Im vergangenen Jahr sind in Ostholstein 213 Anrufe beim Frauennotruf eingegangen – aus allen gesellschaftlichen Schichten.

Die Brötchentüten-Aktion, bei der 360 000 Tüten mit der Notrufnummer in ganz Schleswig-Holstein verteilt werden, läuft die gesamte Woche.

Definition von Gewalt und Notrufnummer

Der Gewaltbegriff (im Lexikon der Psychologie unter www.spektrum.de) rechtfertigt die Ausgrenzung der psychischen Gewalt nicht, „da deren Wirkung oft sehr schwerwiegend und psychische Gewalt häufig mit physischer Gewalt vergesellschaftet ist. Psychische wie körperliche Gewalt haben Folgen im seelischen Bereich, und oft erreicht ein physisch oder rechtlich Überlegener sein Ziel bereits mit der Androhung von Gewalt. Psychischer Gewalt liegt meistens die Drohung physischer Gewalt zugrunde: die Drohung, die Existenzgrundlagen aufgrund körperlicher Überlegenheit oder Macht zu entziehen. Jedoch kann schon allein die Androhung eines Entzugs von Liebe und Aufmerksamkeit zum gleichen Ziel führen.“

08000 116 016 ist die bundesweite Notrufnummer bei häuslicher Gewalt. Mehr unter www.hilfetelefon.de

Am Sonnabend, 30. November, wird es in Stockelsdorf von 10 bis 12 Uhr einen Info-Tisch vor Rewe/Aldi geben.

Die Laufgruppe der Gemeindeverwaltung Ratekau zeigt mit den ihren neuen Laufshirts Flagge gegen häusliche Gewalt. Die Shirts will die  Laufgruppegruppe ein ganzes Jahr tragen. Präsentiert von: Lars Löhndorf (v.l.), Bürgermeister Thomas Keller, Sonja Sesko, Julia Dabelstein vom Frauennotruf und Dennis Böttcher.  Quelle: hfr

Und in Ratekau wird ab sofort die Laufgruppe der Verwaltung beim Training und bei Wettkämpfen Shirt zu dieser Aktion mit der Notrufnummer tragen – ohne Zeitlimit. „Wenn die Shirts auf sind, dann gibt es neue“, heißt es aus dem Ratekauer Rathaus.

Von Doreen Dankert

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