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Ostholstein Todeszug durch Ostholstein
Lokales Ostholstein Todeszug durch Ostholstein
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20:10 05.05.2015
Es gibt nur wenige Bücher zum Lübberstedter-Häftlingszug. Käthe Birkenfeldt hat den Transport in eine Dorfchronik (vorn) mit aufgenommen.
Timmdorf

An die großenMetallkisten erinnert sich Käthe Birkenfeldt noch genau. Soldaten hätten sie vom Zug zum Dieksee geschleppt und von einer Brücke aus versenkt. „Im nächsten Sommer haben wir Kinder darauf gespielt“, sagt Birkenfeldt, „mit der Zeit sind sie dann immer weiter versackt.“ Zwölf Jahre alt war Käthe Birkenfeldt damals. Und sie erinnert sich nicht nur an den Zug, der im Mai 1945, kurz vor Kriegsende, einige Tage auf dem Gleis in Timmdorf (Gemeinde Malente) unweit ihres Elternhauses stand und aus dem Soldaten Kiste um Kiste schleppten. „Auf dem hinteren Gleis fuhr noch ein Zug ein“, sagt die heute 82-Jährige, „aber der hielt nur kurz.“

Einige der größeren Jungs aus dem Dorf seien darauf geklettert. „Sie erzählten, dass sie Frauen in Häftlingskleidung gesehen hatten“: Ungarische Jüdinnen aus dem Konzentrationslager Lübberstedt bei Bremen, die zu Hunderten in Viehwaggons eingepfercht waren. Vermutlich sollten die Frauen auf Schiffe in der Lübecker Bucht gebracht werden. Dass sie wie tausende andere Häftlinge nicht dem Untergang der „Cap Arcona“ und „Thielbeck“ zum Opfer fielen, „verdanken sie der Tatsache, dass sie mit einem Güterzug tagelang in Norddeutschland unterwegs waren“, heißt es in einem Buch zur Muna Lübberstedt (siehe Extra-Text).

Den Tod fanden dennoch viele der 300 Frauen. Der Verlauf des Lübberstedter Transportes lässt sich zwar nicht mehr genau rekonstruieren. Es ist aber anzunehmen, dass er Ende April 1945 in Bremen startete. Sicher ist, dass es von Lübeck nach Plön weiterging. Am 2. Mai wurde der Zug von britischen Tieffliegern bei Bockholt kurz vor Eutin bombardiert. Etwa 40 Frauen fanden dabei den Tod. Auch Käthe Birkenfeldt hörte, wie Bomben über dem Zug abgeworfen wurden — zwischen Timmdorf und Plön gab es einen weiteren Angriff. „In Höhe des Badestrandes am Behler See wurde der Zug funktionsunfähig geschossen“, sagt sie. Nachdem eine neue Lok besorgt wurde, habe er aber weiterfahren können. „Jungs aus dem Dorf haben später einen Blindgänger gefunden“, weiß Birkenfeldt weiter zu berichten, und dass die Bombentrichter noch erkennbar seien. Nach einem Protokoll der Engländer wurden bei dem Angriff am 3. Mai 16 Personen getötet.

Einen Tag später marschierten die Engländer in Plön ein. Rund 200 Frauen sollen laut rekonstruiertem Transportverlauf dort angekommen sein, wobei ein Teil nach dem Angriff in Eutin offenbar zu Fuß

nach Plön gehen musste. Nachdem sie zunächst in einer Baracke im Steinbergwald in Plön untergebracht wurden, kamen die Frauen später in Flüchtlingslager in Sierksdorf und Haffkrug.

An die Toten erinnern heute eine Grabanlage in Lübeck und Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Eutin. In das Gemeinschaftsgrab auf den jüdischen Friedhof in Lübeck-Moisling waren die bei den Bombenangriffen Getöteten aus Sammelgräbern in Eutin und Plön umgebettet worden. Am Kleinen Eutiner See wurden Emöne Daskel, Clara und Margot Fried, Elli Gardos und Rebekka Gerpel bestattet. Sie zählten zu den rund zwanzig Verletzten, die nach dem Beschuss bei Bockholt in Lazarette nach Eutin, unter anderem in der Voss-Schule, gebracht wurden. Ihre schweren Bombensplitterverletzungen überlebten sich nicht.

Käthe Birkenfeldt erhielt überraschenderweise vor vier Jahren Besuch vom Minenräumkommando aus Kiel. Die Kisten im Dieksee, in denen sich wohl Munition befunden hat, konnten aber auch mit ihrer Hilfe nicht mehr gefunden werden. Die Ereignisse rund um den Lübberstedter Häftlingstransport fasste die Timmdorferin wenig später aus Recherchen des Arbeitskreises Muna Lübberstedt sowie Zeitzeugenbefragungen zusammen. Besonders viel Auskunft erhielt sie allerdings nicht. „Da redete man damals nicht drüber“, erinnert sich Birkenfeldt, wie sie schon zu Beginn der 70-er Jahre bei Timmdorfern nachfragte. Aber auch jetzt sei das Thema noch schwierig. Sie hofft dennoch, auf einer der nächsten Dorfschaftsversammlungen darüber berichten zu dürfen.

Die Muna Lübberstedt — Zwangsarbeit für den Krieg
1600 Zwangsarbeiter mussten Dienst in der Lufthauptmunitionsanstalt (Muna) Lübberstedt leisten. Es waren Ostarbeiter, Kriegsgefangene sowie 500 jüdische Frauen aus Ungarn, die von Auschwitz nach Lübberstedt gebracht wurden. Von 1944 bis 1945 war die Muna Außenlager des KZ Neuengamme, die Nutzung als Lufthauptmunitionsanstalt begann bereits 1941 — produziert wurden Seeminen und Flak-Munition. 1996 gründete sich der Arbeitskreis Muna Lübberstedt, einige Mitglieder waren am Buch „Lw. 2/XI — Muna Lübberstedt: Zwangsarbeit für den Krieg“
(Edition Temmen, Bremen 1996, ISBN 3-86108-254-3), beteiligt.

Britta Kessing

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