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Ostholstein Tödliche Strömung: Lebensretter klagen über leichtsinnige Schwimmer
Lokales Ostholstein Tödliche Strömung: Lebensretter klagen über leichtsinnige Schwimmer
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08:13 30.07.2019
Auch am Sonntag wehte am Strand von Scharbeutz die rote DLRG-Flagge. Quelle: Peyronnet
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Scharbeutz/Neustadt

Die Ostsee hat sich am Wochenende als tödliches Meer entpuppt. Starker Wind aus Nordost löste eine gefährliche Unterströmung aus, die zwei Menschen das Leben kostete. Etliche weitere mussten aus den tosenden Fluten gerettet, viele davon reanimiert werden. Eine Herausforderung für DLRG und Rettungsdienst. Dabei erwies sich die sogenannte Kammer, Strand und Meer an der Ostsee-Therme in Scharbeutz, als besonders gefährlich.

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In Seenot geriet ein 43-jähriger Surfer aus Hamburg vor Pelzerhaken. Um 17.15 Uhr am Sonnabend hörte ein anderer Surfer dessen Hilferufe. Der Helfer eilte dem entkräfteten Mann zu Hilfe und versuchte, diesen auf sein Surfbrett zu ziehen. Weil dies nicht gelang, zog der Helfer den 43-Jährigen rücklings auf sein Segel und zog ihn in Richtung Strand, wobei er durch Rufe und Gesten auf sich aufmerksam machte.

Reanimation war vergebens

Dadurch wurden Retter der DLRG auf ihn aufmerksam, eilten zu Hilfe, zogen den Mann in ein Boot und begannen sofort mit der Reanimation. Am Strand und auf der Fahrt in ein Krankenhaus wurde die Wiederbelebung durch einen Notarzt fortgesetzt. Im Krankenhaus konnte jedoch nur noch der Tod des Surfers festgestellt werden.

Starke Nordostwind machte das Schwimmen am Wochenende lebensgefährlich. Zwei Menschen starben.

Um 17.57 Uhr wurde in der Ostsee vor Scharbeutz eine leblose Person im Wasser treibend entdeckt. DLRG und Feuerwehr holten den 31-jährigen Mann aus dem Kreis Stormarn aus dem Wasser, am Strand wurde sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen. Der Verunglückte wurde mit einem Rettungswagen in eine Lübecker Klinik gefahren und auf der Fahrt weiterhin vom Notarzt reanimiert. In der Klinik ist der Mann am Sonntag gestorben.

Scheitelpunkt zweier Strömungen

Er war an einem der gefährlichsten Strände der Ostsee ins Wasser gegangen, an der sogenannten Kammer, dem Strandabschnitt an der Ostseetherme in Scharbeutz. Dr. Kersten Jungk, Heimatforscher, Arzt und Taucher aus Scharbeutz, erklärt, was die Kammer so gefährlich macht. In der Bucht liege der Scheitelpunkt von zwei starken Strömungen, einer Ostströmung, die von Mecklenburg und Travemünde bis in die Kammer führt, eine weitere, die von Fehmarn über Haffkrug dorthin fließt. „Das Wasser staut sich in der Bucht, deshalb kommt es am Punkt, an dem die Strömungen zusammentreffen, zu starken Unterströmungen von zwei bis drei Knoten“, berichtet Jung.

Vor Neustadt und vor Scharbeutz starb je ein Mann in der Ostsee. Die Scharbeutzer Kammer ist bei Ostwind besonders gefährlich. Quelle: Jochen Wenzel

Nicht in Panik verfallen

„Selbst gute Schwimmer haben es nicht geschafft, wieder an Land zu kommen“, weiß Jungk von etlichen tödlichen Badeunfällen in den vergangenen Jahrzehnten an dieser Stelle. Sein Rat: „Man kann nur mit der Strömung schwimmen. Dann wird man zwar 1000 oder 1500 Meter abgetrieben, kann sich aber über Wasser halten und gerettet werden.“ Ähnliche Empfehlungen gibt DLRG-Abschnittsleiter Peter Franz: „Nicht gegen die Strömung ankämpfen, Ruhe bewahren, die Panik ist die größte Gefahr.“ Dann solle man versuchen, seitlich aus der Strömung herauszuschwimmen und sich bei Kontakt mit dem Boden zur Seite hin abzustoßen.

Lebensretter im Dauereinsatz

Für die Retter war es ein Wochenende voller Herausforderungen, nicht nur für die Profis. DLRG-Rettungsschwimmer, Notärzte und Rettungsassistenten, ganz normale Badegäste und sogar der Hubschrauber „Christoph 12“ und seine Besatzung retteten fortlaufend Leben. Durchatmen war fast nicht möglich.

Einer der Retter war Sven (26, seinen Nachnamen möchte er nicht nennen), Bundespolizist mit DLRG-Rettungsschwimmer-Abzeichen in Silber, der am Sonnabend zwischen 14 und 15 Uhr einen Mann vor Timmendorfer Strand aus beinahe aussichtsloser Lage rettete. Sven und zwei Freunde standen bis zur Brust im Wasser, als ihnen eine Frau vom Strand aus zurief, dass ihr Freund Probleme habe, sich über Wasser zu halten. Kein Wunder, bei der starken Strömung. „Selbst wir drei erwachsenen Männer hatten Probleme, uns auf den Beinen zu halten“, berichtet Sven.

Zwei von ihnen machten sich auf den Weg zu dem Mann, der unterzugehen drohte. Einer musste aufgeben, Sven wendete seine bei der DLRG gelernten Abschlepptechniken an, um den Mann so weit in Richtung Land zu bringen, dass beide stehen konnten. Dann begann der lange Weg zurück: „Ich habe ihn mit jeder Welle ein Stückchen weiter Richtung Strand geschoben und dabei die Füße in den Boden gestemmt“, berichtet der Lebensretter.

Viele gingen trotzdem ins Wasser

Zwei andere Badegäste trieben am Sonnabend um kurz nach 14 Uhr bei Großenbrode leblos in der Ostsee. Sie konnten von der DLRG, freiwilligen Helfern und Notarzt Alexander Schmuck aus Bad Schwartau wieder zurück ins Leben geholt werden. Schmuck schildert seine Eindrücke von der Rettung und von der gesamten Einsatzsituation am Sonnabend. „Wir hatten ständig neue Meldungen, dass Menschen in Not waren. Wir sahen aber auch, wie viele noch im Wasser waren.“

Einerseits lobt Schmuck die DLRG und die Helfer, viele von ihnen mit medizinischem Hintergrund, die bei der Wiederbelebung mithalfen. Andere hätten dagegen überhaupt nicht reagiert. Mehr noch: Während die beinahe Ertrunkenen wiederbelebt wurden, gingen zehn Meter davon entfernt die Menschen ungeachtet der Gefahr ins Wasser. Die Retter wurden bei ihren Einsätzen am Sonnabend sogar angepöbelt, etwas, das immer häufiger vorkomme, berichtet DLRG-Abschnittsleiter Peter Franz. „Auch wir hatten in den letzten Wochen verbale Attacken zu ertragen.“ So etwas würge die Motivation ab. „Da verliere ich meine Rettungsschwimmer.“

Warn-Flaggen kaum sichtbar

Ob die, die trotz aller Warnungen ins Wasser gingen, nicht wussten, dass wegen der Gefahr Badeverbot herrschte? Ob sie die roten Flaggen, die die DLRG zur Warnung gehisst hatte, nicht gesehen haben? Das könnte sein, vermutet die sicherheitspolitische Sprecherin der CDU-Kreistagsfraktion, Petra Kirner. Sie findet, dass die roten Flaggen zu klein seien, vor dem Hintergrund vieler und größerer Werbeflaggen beinahe unsichtbar sind. „Die gehen unter, da müssen wir ran.“

Der Abstand zwischen den DLRG-Wachstationen komme ihr zudem recht weit vor. Sie stehen maximal 400 bis 600 Meter voneinander entfernt, berichtet Franz. Das sei die Distanz, damit die Rettungsschwimmer innerhalb von 90 Sekunden einen Menschen im Wasser erreichen und ihn rechtzeitig für eine erfolgreiche Wiederbelebung an Land bringen können.

Suche mit neun Booten

Eine Zeitspanne, die weit überschritten wurde, als am späten Sonntagabend ein vermisster Schwimmer in Scharbeutz gesucht wurde. Passanten hatten den Notruf gewählt, da eine Person in die aufgewühlte Ostsee gegangen war, aber nicht wieder herauskam. Die Feuerwehr, die DLRG und die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger suchten mit insgesamt neun Booten die Ostsee ab. Nach etwa einer Stunde brachen die Einsatzkräfte in Rücksprache mit der Polizei den Einsatz am Strand von Scharbeutz ab.

Ein vermisster Schwimmer löst einen Großeinsatz in Scharbeutz aus. Nach etwa einer Stunde wird die Suche erfolglos abgebrochen. Quelle: Arne Jappe

Nach Angaben des Scharbeutzer Gemeindewehrführers Patrick Bönig gab es keine Vermisstenmeldung, es wurden auch keine Kleidungsstücke am Strand gefunden. Dass Passanten die Rettungskräfte alarmiert hätten, sei aber richtig gewesen, sagt er.

Auf geraden Strecken ausweichen

Notarzt Alexander Schmuck hat noch eine Bitte an alle Autofahrer, die dem Notarzt- oder Rettungswagen ausweichen, um ihn vorbei zu lassen: „Auf geraden Strecken langsam fahren und uns passieren lassen, nicht in Kurven. Das bringt nichts.“

Am Montag war der Spuk aus Wind und Strömung wieder vorbei. Die DLRG hatte alle roten Flaggen eingeholt, das Baden war wieder gefahrlos möglich.

Der Sturm hat etliche Quallen an den Strand gespült, die dort verendeten. Quelle: Peyronnet

Das hat die Quallen nicht mehr gerettet. Bei Wind und Wellen waren etliche von ihnen an den Strand geweht worden und verendeten dort.

Susanne Peyronnet und Arne Jappe