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Ostholstein Vom Teilzeit- zum Vollzeitbauern: Warum ein Sarkwitzer ganz auf die Landwirtschaft setzt
Lokales Ostholstein Vom Teilzeit- zum Vollzeitbauern: Warum ein Sarkwitzer ganz auf die Landwirtschaft setzt
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07:04 26.11.2019
Niko Rahn bei seinen Ochsen auf der Weide in Sarkwitz. Erst im Alter von drei Jahren lässt der Landwirt die Tiere schlachten und verkauft das Fleisch direkt an Kunden vor Ort. Quelle: Lutz Roeßler
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Sarkwitz

Mit dem Gehen klappt das an diesem Morgen nicht so gut. „Lieselotte“ macht es sich lieber auf dem Arm von Verena Bosslet auf dem Bauernhof Rahn gemütlich. Ganz ruhig kuschelt sich das weiße Huhn an die 50-Jährige. „Sie hat beim Einstallen wohl einen Schlaganfall erlitten“, erzählt Bosslet. Auf einem Auge ist „Lieselotte“ blind, sie kann nur im Kreis laufen.

Ein Dreivierteljahr ist das Huhn jetzt alt, aber ein Ei hat es noch nie gelegt. Im Suppentopf landet „Lieselotte“ deshalb aber noch lange nicht. Landwirt Niko Rahn und seine Freundin Verena Bosslet haben ein Herz für besondere Tiere – so wie „Polly“. Das braune Huhn stolziert einsam über den Hof. „Sie hat ein Problem“, erklärt der Bauer. „Sie mag keine Hühner.“ Schlecht, wenn man selbst ein Huhn ist.

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160 Hühner leben mittlerweile auf dem 80 Hektar großen Betrieb von Niko Rahn. Der Sarkwitzer Bauer ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Der gelernte Landwirt und Industriekaufmann hatte den Hof eigentlich nur im Nebenerwerb bewirtschaft – so wie sein Vater früher. „Doch das ging zeitlich einfach nicht mehr“, sagt Rahn. Vor drei Jahren gab er seinen Job im Marketing eines Saatgroßhändlers auf und kümmert sich seitdem Vollzeit um seinen Hof. „Ich kenne niemanden, der das so gemacht hat“, erzählt Rahn.

Verena Bosslet inmitten der Hühnerschar. Im Hintergrund ist das neue Hühnermobil zu sehen, in dem die Tiere nachts schlafen. Quelle: Lutz Roeßler

Die Eier werden an der Straße verkauft

Die Entscheidung hat der 43-Jährige nicht bereut. Nicht nur, wenn er von den Hühner spricht, ist ihm anzumerken, wie viel ihm die Tiere und die Arbeit auf dem Hof bedeuten. 80 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet er mit dem Ackerbau. „Aber wir hatten schon immer Tiere“, sagt Rahn. „Das macht einfach Spaß.“ Mit 30 Hühnern hat er angefangen. „Es waren aber immer zu wenig Eier“, sagt der Sarkwitzer. Der Landwirt setzt beim Verkauf ganz auf den Direktvertrieb. Unten an der Dorfstraße steht die „Eierbude“ mit Vertrauenskasse. „Das klappt sehr gut“, berichtet Rahn. „Die meisten geben sogar mehr.“

Aus dieser Bude können die Kunden die Eier kaufen – die Bezahlung läuft über eine Vertrauenskassen. Das klappt laut Verena Bosslet aber sehr gut. Quelle: Lutz Roeßler

Damit die Bude stets gut mit Eiern gefüllt ist, hat Niko Rahn seine Hühnerschar immer weiter vergrößert. Seit September hat Rahn außerdem ein Hühnermobil. Die Tiere sind den ganzen Tag draußen, wenn es dunkel wird, gehen sie in ihren mobile Unterkunft. Bevor die Weide durch das Scharren der Hühner Schaden nimmt, parkt der Bauer das Mobil einfach um. Die Eier werden jeden Nachmittag im Stall eingesammelt und gehen in den Verkauf. Noch bleiben zwar ein paar übrig, aber das hat Rahn lieber als zu wenige.

Ochsenfleisch direkt vom Sarkwitzer Hof

Bei dem Landwirt kommt nichts weg, das ist dem Sarkwitzer sehr wichtig. Deshalb bietet er bei der Direktvermarktung seiner Weideochsen auch keine Fleischpakete an. „Ich möchte nicht, dass die Kunden die Sachen, die sie nicht haben möchten, einfach wegwerfen.“ Das Fleisch von bislang vier Rindern verkauft er pro Jahr direkt an Abnehmer vor Ort. „Da bleibt nichts übrig.“ Drei Jahre werden die Tiere bei dem Landwirt alt, ehe sie geschlachtet werden. Die Fleischqualität sei einfach besser.

So leben die Hühner, Schweine und Rinder auf dem Bauernhof Rahn. Die Produkte gibt es in der Bude an der Straße zu kaufen.

Familien übernehmen Patenschaften für Schweine

Langfristig möchte er bei den Rindern nur noch auf Direktvermarktung setzen, „aber ein Schritt nach dem anderen“. Auch Lämmer verkauft Rahn pro Jahr direkt an Kunden. Bei seinen Schweinen setzt er auf Patenschaften. Aktuell teilen sich vier Familien „Sunny“ und „Oskar“, sie zahlen das Ferkel, das Schlachten und geben Rahn einen monatlichen Betrag für die Aufzucht. Dafür gehört ihnen am Ende das ganze Schwein. Das dritte im Bunde, „Bio“, liefert das Fleisch für Familie Rahn. „Ich habe festgestellt, dass drei Schweine besser sind“, erzählt der 43-Jährige. „Die können sich mehr austauschen.“ Immer wieder wird deutlich, wie wichtig ihm das Wohl seiner Tiere ist. Schlachten lässt Rahn die Tiere in der näheren Umgebung. „Es gibt aber immer weniger Betriebe, die das machen“, berichtet Rahn.

Seinen Betrieb bewirtschaftet er konventionell, Bio sei für ihn keine Alternative. „Das ist sehr stark reglementiert“, erklärt er. „Ich möchte auch eine Tablette nehmen, wenn ich Kopfschmerzen habe.“ Die Kunden würden das auch nicht nachfragen, berichtet Bosslet. „Regional ist das neue Bio.“ Dennoch versuchen sie, so wenig wie möglich zu spritzen. „Die Kartoffelkäfer haben wir alle per Hand abgesammelt“, erzählt Rahn, der neben Eiern auch Kartoffeln, Marmelade und eigenen Honig an der Straße verkauft. Die schlechte Stimmung, die derzeit unter vielen Landwirten herrsche, teilt Rahn nicht. Ständig zu meckern – das liegt ihm nicht. „Ich bin super zufrieden mit dem, was ich mache.“

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Von Julia Konerding