Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Ostholstein Landleben in Ostholstein: So schön wie Carsten Kluth hat es selten jemand beschrieben
Lokales Ostholstein

Von Berlin nach Groß Parin -Landleben in Ostholstein: So schön wie Carsten Kluth hat es selten jemand beschrieben !

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 21.03.2021
Carsten Kluth im eigenen Wäldchen. Der Autor lebt mit seiner Familie seit fast fünf Jahren in Groß Parin im alten Bauernhaus seines Großvaters, zu dem auch gut ein Hektar Wald gehört.
Carsten Kluth im eigenen Wäldchen. Der Autor lebt mit seiner Familie seit fast fünf Jahren in Groß Parin im alten Bauernhaus seines Großvaters, zu dem auch gut ein Hektar Wald gehört. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Anzeige
Bad Schwartau

Das mit Berlin und Bad Schwartau war keine große Sache. 22 Jahre lang lebten Karsten Cluth und seine Familie in der Hauptstadt, mittendrin im multikulti Großstadtgewusel voll trendig-hipper Alltagsabenteuer. Dann kam 2013 das dritte Kind, ein Sohn, zur Welt und die Neuköllner Wohnung wurde zu klein. Platz musste her und mit ihm eine Perspektive, die der Autor und seine Frau ihren Kindern bieten wollten, ohne sich in die nächste Altbauwohnung im Kiez zu quetschen, weil diese weder auffind- noch bezahlbar gewesen wäre.

2016 ging es von Berlin nach Groß Parin

Also raus aus dem Sog des überteuerten Hauptstadt-Hypes, rein in die Natur Ostholsteins. Es gab da noch ein Haus, das mal Kluths Großvater mütterlicherseits gehörte und noch im Familienbesitz war. Und weil die beiden Töchter, damals zwölf und acht Jahre, total begeistert waren von der Idee, aufs Land nach Schleswig-Holstein zu ziehen, wurden 2016 die Sachen in Richtung Groß Parin gepackt.

Zur Person

Carsten Kluth, geboren 1972, hat in Berlin und New York Politische Wissenschaften studiert. Anschließend arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Technik- und Umfeldforschung der damaligen Daimler Chrysler AG in Berlin, für eine auf europäische Politik spezialisierte PR-Firma und erstellt bis heute den nationalen Eurobarometer für Deutschland für die Europäische Kommission.

Kluth hat zudem Drehbücher für Animationsfilme und Computerspiele geschrieben. 2013 erschien sein erstes Roman „Wenn das Land still ist“ (Piper Verlag). Anfang 2021 erschienen dann die nächsten beiden Bücher „Die Sterne und wir“ (Arche) sowie „12 Farben Grün“ Harper Collins).

Von Berlin nach Groß Parin

Kein Kreuzberg, kein Ku’damm und kein Kadewe mehr ums Eck – dafür aber ein altes Bauernhaus und ein riesiger Garten mit einem knorrigen Apfelbaum in der Mitte, der seine Äste in alle Himmelsrichtungen streckt, und der den heute 48-Jährigen wieder zurück in seine Mitte holte. In die Natur und in den Wald – ins geerdete Leben mit einem traumhaften Ausblick auf Feld und Wiese und jeder Menge Landluft, die der gebürtige Schwabe und seine Familie seitdem täglich einatmen.

Der wöchentliche LN-Newsletter für Ostholstein

Wissen, was an der Ostseeküste und auf dem Land los ist: Jeden Montag gegen 18 Uhr in Ihrem Postfach. 

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Echtes Vintage-Leben – in einem Haus, wo noch Opas original Kaffeemühle an der Wand hängt und die Eicherustikaluhr zur Stunde gongt. Wo es sich zwei Katzen auf dem alten Ledersessel gemütlich machen und der Ofen mit Holz befeuert wird: eigenem Holz. Denn gegenüber von dem Häuschen befindet sich ein ehemaliger Brennholzwald, der ebenfalls zum Familienbesitz gehört. Und so geht Carsten Kluth bei Wind und Wetter in sein Wäldchen, hackt Holz und wirft es zu Hause zum Wärmen in den Ofen.

Buch über die Natur

Hier in Groß Parin hat er nicht nur die Natur wiederentdeckt – sondern auch gelernt, sie intensiv zu beobachten: „12 Farben Grün“, heißt sein aktuelles Buch. Jenseits aller Landlust-Klischees schildert Kluth, wie sich die Natur über das Jahr hinweg verändert und versucht sie dabei dem Leser mit allen Sinnen erfahrbar zu machen. Dabei zeichnet er botanisch präzise wie poetische Bilder, findet im Monat Mai Worte wie Obstbaumblütenblätterschneefall und beschreibt die Farbe der Blätter in all ihren Schattierungen: „Die Farben wandern von den Bäumen auf den Boden. Unterm Birnbaum das Braunschwarz der Birnbaumblätter, unterm Walnussbaum ein fröhliches Gelb, ein glimmend rotgelber Teppich unter der alten Kirsche, hellgelbes Gestöber der Birken.“

Ein Jahr lang hat Carsten Kluth die Veränderung der Natur beobachtet und darüber nun ein neues Buch namens „12 Farben Grün“ geschrieben, das jetzt im Verlag HarperCollins erschienen ist. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Buch über die Sterne

Alles hat seinen Platz in der Natur, ganz gleich, ob es sich um ein morsches Stück Holz oder einen abgebrochenen Ast handelt. „Jedes Stück Natur spiegelt das Leben und die Vergänglichkeit wieder“, sagt Kluth lächelnd. Vor allem das, was die Natur im regelmäßigen Zyklen abwirft, was verfällt, stinkt oder hässlich wird, gehört für Kluth der Lauf der Dinge.

Aber es ist nicht nur die Natur, die es dem Familienvater angetan hat. Es sind auch die Sterne und der Nachthimmel.

Der Blick in die Sterne verrät viel über uns Menschen und das Leben. Auch darüber hat Carsten Kluth ein Buch geschrieben. Es heißt „Die Sterne und wir“ und ist im Verlag Arche erschienen. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

„Die Sterne und wir“ heißt das andere Buch, das Kluth nun ebenfalls veröffentlicht hat. Mit einem selbst gebauten Fernglas lässt Kluth die Leser dabei in die Sterne am norddeutschen Himmel blicken, geht persönlichen Gedanken nach und macht immer wieder die kulturhistorischen Bedeutung der Himmelskörper bewusst. Auch dieses in einer ganzheitlichen Betrachtung und der Erkenntnis, dass alles im Leben miteinander zusammenhängt. „Ich habe so wahnsinnig viel gelernt und erfahren über das Leben und die Natur“, sagt Kluth lächelnd. „Das musste ich aufschreiben.“

Geplant war es natürlich nicht, in einem so kurzen Zeitraum zwei Bücher hintereinander auf den Markt zu bringen. „Aber Corona. . .“, versucht Kluth zu erklären – und winkt schließlich ab. „Da lief ja bei allen einiges anders.“

Also gibt es gleich zwei neue Kluth-Bücher auf dem Markt. Entstanden und aufgeschrieben in Groß Parin. Eines zum Beobachten, eines zum Träumen – und beide in einer besonders liebevollen anekdotischen Art der Aufklärung, die viele interessante Erkenntnisse liefert, zum Beispiel was die Milchstraße und Himbeeressig miteinander verbindet und warum ein guter Freund sehr viel besser schlafen konnte, nachdem er die Familie in Groß Parin besucht hat.

Zurück im Alltag

Auf dem 60er-Jahre Nierentisch im Wohnzimmer liegt „Momo“ von Michael Ende und an der Wand hängen Bilder von Eulen und selbst gemalte Animes, japanische Zeichentrickfiguren, von seiner ältesten Tochter. „Das ist hier ein sehr gemixter Stil“, gibt Kluth zu. „Demnächst wollen wir hier auch Hühner im Garten halten.“ Zwei von drei Kindern organisieren sich noch im Lockdown mit Homeschooling, der Kleinste ist wieder zurück in der Schule. „Verrückte Zeiten“, sagt Kluth, der ziemlich genau weiß, dass es Schlimmeres gibt, als in Corona-Zeiten in Groß Parin auf einen alten knorrigen Apfelbaum und Feld und Wiesen zu schauen.

Mehr zur aktuellen Corona-Lage

Was geht im Norden mit welchen Inzidenzen?

So geht es weiter mit der Gastronomie

Das ist seit dem 8. März wieder gelockert

Und trotzdem muss auch er wieder zurück in den Alltag finden. Der Vormittag wird ganz allmählich wieder zu einer Zeit, in der sich Carsten Kluth wieder fast einer Art Normalität widmen kann, arbeitet, Termine wahrnimmt und Projekte voranbringt.

Die Vormittage kann Carsten Kluth wieder zum Arbeiten nutzen. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Seinen Job als Berater der Europäischen Kommission kann der Politologe zum Glück frei und von überall gestalten. Und wenn er beruflich nach Berlin muss, dann fährt er eben los – er weiß ja, dass es wieder zurückgeht. Dahin, wo er angekommen ist.

Von Schabnam Tafazoli