Um genau 21 Prozent ist die Zahl der Opferfälle im vergangenen Jahr zurückgegangen, verglichen mit 2017. Konkret: 2018 suchten 74 Menschen, die Opfer einer Straftat geworden waren, die Hilfe der Ehrenamtler vom Weißen Ring (WR) in Ostholstein. Im Vorjahr seien es 94 Hilfesuchende gewesen, erklärte Holger Dabelstein, Leiter der Außenstelle Ostholstein. Er stellte in Eutin die Bilanz 2018 vor und sprach offen die Probleme an, die das verlorene Ansehen mit sich gebracht hat. „Hinter uns liegt eine Herkules-Aufgabe“, sagte er.
Anteil weiblicher Opfer ist weiter gestiegen
Dieser Aufgabe haben sich Dabelstein und die weiteren Opferhelfer im Kreis gestellt. 20 Menschen, die sich 2018 an sie wandten, seien Opfer von Sexualdelikten gewesen, berichtete der Außenstellenleiter. Es folgen Körperverletzungen (12), Bedrohungen (10) und Stalking (9). Einen geringeren Anteil machen Betrug und Diebstahl aus, zudem kümmerten sich die Helfer im Zusammenhang mit zwei Tötungsdelikten um Hinterbliebene. „Der Anteil der weiblichen Opfer ist noch höher als im Vorjahr, er lag 2018 bei 86 Prozent“, erläuterte Dabelstein. Die Helfer führten Gespräche, hörten zu, begleiteten die Opfer zu Ämtern, Behörden und Gerichtsverhandlungen.
Außerdem leistete der Weiße Ring Ostholstein finanzielle Unterstützung: 2175 Euro Soforthilfe wurden ausgezahlt, zudem 1900 Euro für psychotherapeutische Maßnahmen und 2090 Euro für rechtlichen Beistand. Auch im Kreis sei zu merken gewesen, dass Bußgelder von den Gerichten für gemeinnützige Zwecke deutlich seltener dem WR zugesprochen würden, berichtete Holger Dabelstein, „und auch die Spenden sind zurückgegangen“. Ebenso wie die WR-Landesvorsitzende Manuela Söller-Winkler führte er das auf die Affäre um den ehemaligen Lübecker Außenstellenleiter Detlef H. zurück, dem mehrere Frauen sexuelle Belästigung vorgeworfen haben, was im Frühjahr 2018 bekannt wurde.
Affäre: Leiter des Weißen Rings spricht von großem Schaden
„Nach den Veröffentlichungen im März 2018 haben sich kaum noch Menschen bei uns gemeldet“, sagte Dabelstein. Das habe wenig später im Sommer aber schon wieder anders ausgesehen, „und in der zweiten Jahreshälfte erreichten uns genauso viele Ersuchen wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres“. Die Affäre habe dennoch großen Schaden angerichtet. Zum einen für die betroffenen Frauen: „Eine Katastrophe, sie sind ein zweites Mal Opfer geworden – Opfer vom Weißen Ring.“ Zum anderen sei die gesamte Organisation betroffen. „Wir spüren die kritische Grundhaltung der Partner des WR, und die ist für mich auch absolut nachvollziehbar“, meinte Dabelstein. Doch die Helfer im Kreis würden „nicht in Sippenhaft genommen werden für das, was eine einzelne Person in Lübeck getan hat“.
2525 Arbeitsstunden haben die Mitarbeiter des Weißen Rings in Ostholstein 2018 geleistet, 340 mehr als im Jahr zuvor – unter anderem, weil sie wegen einiger Vakanzen in Lübeck aushelfen mussten. Zudem sei die Nachfrage nach Vorträgen gestiegen. „Wir gewinnen verloren gegangenes Vertrauen zurück“, erklärte Dabelstein und blickte nach vorn: Schwerpunktthema 2019 sei die Präventionsarbeit mit Senioren gerade in Bezug auf Betrugsfälle – Stichwort Enkeltrick. Neu ist auch, dass der WR den Betroffenen von „Großereignissen“ wie Anschlägen weiterhilft, was 2018 bereits der Fall war, nachdem ein 34-Jähriger im Juli in einem Bus in Kücknitz zwölf Menschen mit einem Messer verletzt hatte.
Für zahlreiche Aufgaben sucht der Weiße Ring Ostholstein noch weitere Ehrenamtler, insbesondere für den Bereich Heiligenhafen, Großenbrode und Fehmarn. Interessierte sowie Hilfesuchende bekommen unter Telefon 01 51/55 16 47 50 weitere Informationen.
Sabine Latzel