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Ostholstein Wenn sich „online“ wie „offline“ anfühlt
Lokales Ostholstein Wenn sich „online“ wie „offline“ anfühlt
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14:42 06.04.2013
Von Peter Mantik
Berufsfotograf Reimo Schaaf (53) braucht das Internet, steht oft nachts auf, um eine stabile Leitung ins Netz zu kriegen.
Berufsfotograf Reimo Schaaf (53) braucht das Internet, steht oft nachts auf, um eine stabile Leitung ins Netz zu kriegen. Quelle: Fotos: Peter Mantik (4)
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Hobstin

Schnelles Internet ist in der modernen Welt selbstverständlich. Da braucht es keine großen Worte. Sogar in Staaten wie Estland ist eine Breitbandversorgung als Menschenrecht verankert. Auf der Online-Weltkarte gibt es nur noch wenige „schwarze Löcher“, Zonen, in denen die Bürger noch quasi mit der Keule um das digitale Lagerfeuer im World-Wide-Web laufen.

Womit wir nach Ostholstein kommen.

Eine Unterversorgung des Datenflusses mit weniger als zwei Mbit ist fast flächendeckend Realität. Richard Krause, Leiter des Breitband-Kompetenz-Zentrums Schleswig-Holstein in Kiel sagt: „Es gibt etliche Dörfer und Siedlungen, die sogar mit weit weniger als einem Megabit (Mbit) auskommen müssen. Wir sprechen hier von superlangsamem Internet.“ Ein solcher Härtefall ist das Dorf Hobstin bei Schönwalde. Besonders betroffen von der Online-Problematik sind die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr. Ortswehrführer Joachim Böhmke erklärt: „Wir sind die einzige Wehr in ganz Ostholstein, die nicht online ist.“ Das sei bekannt und etliche Male bei der Gemeinde angemahnt worden, doch bis heute habe sich daran nichts geändert. Böhmke klagt: „Viele Aufgaben wie Einsatzberichte werden im Internet erledigt. An diesem Punkt müssen wir passen.“ Etwas Hoffnung macht Claus-Peter Matthiensen von der Entwicklungs-Gesellschaft Ostholstein (EGOH). Der sagt: „In diesem Jahr wird noch ein Funkmast bei Schönwalde aufgestellt, der die Haushalte mit drei Mbit versorgt.“ Dies sei auf dem Weg zu superschnellen Glasfaserkabeln zwar nur eine Notlösung, aber dennoch eine eindeutige Verbesserung. Beim derzeitigen Zustand müssten die Internetuser „über Videos auf ,YouTube‘ nicht einmal nachdenken“.

„Wenn ich in Hobstin im Internet bin und bei ,Ebay‘ mitsteigern möchte, erhalte ich nie den Zuschlag, weil ich einfach zu langsam bin“, sagt Raimund Schwab, der im Ort Ferienwohnungen vermietet.

Internet könne er seinen Gästen nicht anbieten und die meisten Anfragen auf seiner Homepage könne er erst dann beantworten, wenn er daheim in Rendsburg, seinem ersten Wohnsitz, sei. Er sagt: „Die Telekom konnte mir auch nur einen analogen Telefonanschluss anbieten. Das ist doch der Wahnsinn. Nun habe ich mit Easy Bell einen Kompromiss gefunden.“ Und was sagt die Telekom-Pressestelle dazu?

„Sie finden alle Infos auf unserer Internetseite.“

Ganz so schlimm kann es aber eigentlich nicht sein. Immerhin gibt es die Seite www.hobstin.de. Dort steht als Kontakt Michael Schützler. Die LN schauten beim 41-Jährigen vorbei. In der guten Stube mit Blick ins Grüne wird sogleich Kaffee gereicht. „Wussten sie, dass es in Hobstin genau vier DSL-Anschlüsse gibt. Einen haben wir. Wir sind sozusagen das Ende der Leitung.“ Von Highspeed-Surfen kann aber auch im Hause Schützler keine Rede sein. „Wenn meine Frau und ich parallel im Netz surfen, können wir erst einmal entspannt einen Kaffee trinken, ehe die Seiten aufgebaut sind.“ Er sei aber vergleichsweise schnell im World-Wide-Web unterwegs. „Fragen Sie mal den Rudi in Stolperhufen. Der ist viel ärmer dran.“

Rudi Abold ist gerade dabei, mit seiner Motorsäge Holz für den Ofen zu zerteilen. „Internet ist bei uns nix. Aber wissen sie was. Die Telekom-Leitung läuft direkt an meinem Grundstück vorbei. Aber die Herrschaften beharren, dass sie mir nicht helfen können. Unsere Nachbarn schräg gegenüber, die werden aber versorgt. Wir haben hier nicht einmal DLS-Light.“ Via Handy würde er manchmal online gehen, immer wieder würde die Leitung aber getrennt. „Das macht keinen Spaß.“

Berufsfotograf Reimo Schaaf in Vogelsang, keine zwei Kilometer von Hobstin entfernt, kann mit gutem Recht von einem Standortnachteil

sprechen. „Ich stehe oft nachts auf, um meine Bilder auf die Homepage zu laden, weil der Datentransfer am Tag zu unsicher und langsam ist.“ Da die Telekom Schönwalde aufgegeben habe, würde er via UMTS mit Vodafone einen Weg ins Netz finden, wenngleich auch einen langsamen und von der Datenmenge stark begrenzten. „Schneit es bei uns oder sind viele Nachbarn im Netz, geht nichts mehr.“

Es käme daher auch nicht selten vor, dass er in seinen Wagen steige, um nach Neustadt zu fahren. „Dort stelle ich mich auf einen öffentlichen Parkplatz, um mit dem Laptop eine stabile Leitung zu haben“.

Schaaf sagt: „Der UMTS-Stick muss in meinem Büro genau am Fenster hängen, sonst kriege ich überhaupt keine Verbindung ins Netz.“ Er habe noch einen zweiten Stick für Notfälle. Der allerdings würde nur auf einer ganz bestimmten Dachpfanne liegend den Weg ins Internet ebnen . . .

Breitbandversorgung
2 Megabit (Mbit) Datenübertragungsrate und weniger gelten allgemein als Unterversorgung.
Funk- oder Satellitentechniken taugen beim Ausbau laut Breitbandkompetenzzentrum oft allenfalls als Zwischenlösung. Aktuelle Richtfunkangebote erreichen oft maximal Übertragungsgeschwindigkeiten an der Grenze zur Unterversorgung, Handyangebote oder Satelliten-Angebote drosseln die Geschwindigkeit oft volumenabhängig.
Glasfaserkabel können Daten in Lichtgeschwindigkeit übertragen. Üblich sind derzeit 50 bis 100 Mbit im Down- und oft auch im Upload.
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Peter Mantik