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Ostholstein Wie Timmendorfer Strand zu einem dreimaligen Olympiasieger kam
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Wie Timmendorfer Strand zu einem dreimaligen Olympiasieger kam

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19:00 30.10.2021
Rüdiger Helm hat mehr als 20 Jahre lang den Timmendorfer Bauhof geleitet.
Rüdiger Helm hat mehr als 20 Jahre lang den Timmendorfer Bauhof geleitet. Quelle: Sabine Latzel
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Timmendorfer Strand

Es gibt vermutlich nicht viele Gemeinden, deren Bauhofleiter einen eigenen Eintrag bei „Wikipedia“ hat. Timmendorfer Strand ist jedoch (noch) eine davon. Denn Rüdiger Helm, seit mehr als 20 Jahren an der Spitze der vielseitigen kommunalen Eingreiftruppe, ist mit einem Klick im Internet-Lexikon zu finden – weil er einst als berühmter Sportler unter anderem drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen gewann. Jetzt geht der 65-Jährige in den Ruhestand und blickt auf zwei sehr unterschiedliche Lebensabschnitte zurück.

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Das Bauhof-Team hält die Gemeinde in Schuss

Die To-do-Listen von Rüdiger Helm für den Tag, die Woche, den Monat sind lang, sehr lang. Wenn er die Aufgaben seines 25-köpfigen Teams vom Baubetriebshof in der Gemeinde Timmendorfer Strand aufzählt, schwirrt einem rasch der Kopf. Grünpflege, Promenadenreinigung, Instandhaltung der gemeindeeigenen Immobilien vom Rathaus über die Schulen bis zu Trinkkurhalle und Schwimmbad. Veranstaltungsbetreuung von der Plakatierung über Strom und Wasser bis zum Equipment. Laub entsorgen, Gullis säubern, Sportplätze pflegen, Beleuchtung warten. Vandalismusschäden und Graffiti beseitigen, die Strände möglichst müllfrei halten, Winterdienst, Küstenschutz. Und mehr.

September 2010: Heftiger Nordostwind, die Ostsee droht, die Tribünen der Beachvolleyball-Arena zu unterspülen – voller Einsatz für Rüdiger Helm und seine Leute. Quelle: Christian Rabe/LN-Archiv

„Ich habe Spaß daran, die Chemie im Team stimmt“, sagt Rüdiger Helm. Er arbeitet derzeit seinen Nachfolger Fabian Post ein, findet aber dennoch den Gedanken unwirklich, dass der 5. November sein letzter Arbeitstag sein wird. „Mir ist noch gar nicht so, als würde ich aufhören“, erklärt er. Probleme wird ihm diese Veränderung allerdings nicht bereiten, denn mit Veränderungen kennt Rüdiger Helm sich aus.

Erfolg im Kanu durch „Talent, Fleiß und vor allem eigenen Willen“

Er kam 1965 in Neubrandenburg zur Welt und fand schon als Jugendlicher in der damaligen DDR zum Leistungssport, genauer: zum Kanu-Rennsport. „Meine große Liebe, bis zur Wende“ sagt er und dass ihn niemand gezwungen habe: „Ich hatte wohl ein gewisses Talent, aber das Meiste habe ich durch Fleiß geschafft und vor allem durch meinen eigenen Willen.“ Der brachte ihn unter anderem 1976 zu den Olympischen Spielen nach Montreal, wo Rüdiger Helm im Einer-Kajak über 1000 Meter die Goldmedaille sowie Bronze über 500 Meter im Einer-Kajak und über 1000 Meter im Vierer-Kajak holte.

Top-Athlet der damaligen DDR: Dieses Bild zeigt Rüdiger Helm 1976 beim Training. Quelle: Privat

Vier Jahre später, bei Olympia in Moskau, gewann Rüdiger Helm – der auch zehnfacher Kanu-Weltmeister ist – sogar zweimal Gold, im Einer- und im Vierer-Kajak über 1000 Meter, sowie Bronze im Vierer über 500 Meter. Daran konnte er 1984 aber nicht anknüpfen: Die DDR schloss sich dem Olympia-Boykott der Sowjetunion an, und auch für Rüdiger Helm platzte damit der Traum von den Wettkämpfen in Los Angeles. „Für uns Sportler war das der Super-Gau“, sagt er rückblickend: „Was hat man uns nur genommen.“

Neuanfang an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste

Rüdiger Helm, mittlerweile verheiratet und zweifacher Vater, wurde 1988 Nationaltrainer in der DDR. Dann fiel die Mauer. „Wir mussten uns völlig neu sortieren“, berichtet er. Ihm seien viele Trainer-Posten auf der ganzen Welt angeboten worden, „aber meine Frau wollte nicht so weit weg ziehen“. Also ging es für die Familie nach Scharbeutz, und Rüdiger Helm begann als Leiter der Ostsee-Therme ein Leben ohne den Leistungssport.

Der Profi zeigt, wie es geht: 2018 stellte Rüdiger Helm den Paddelboot-Verleih der Timmendorfer Tourismus GmbH vor. Quelle: Susanne Peyronnet/LN-Archiv

Es folgten verschiedene berufliche Stationen in Mecklenburg und in Grömitz, bis sich Rüdiger Helm 2001 im Bewerbungsverfahren um die Leitung des Timmendorfer Bauhofes durchsetzte. In der Freizeit errangen seine Frau Erika und er beachtliche Erfolge im Drachenboot-Sport, zusammen in einem Boot, vier- bis fünfmal pro Woche haben sie dafür trainiert. „Das ist ein tolles, kollektives Erlebnis, wenn sich bei einem Sieg 20 Paddler gemeinsam freuen“, sagt der einst weltbeste Renn-Kanute.

Plakette auf dem Neubrandenburger „Walk of Sport“

Dass der Timmendorfer Bauhof-Leiter Olympiasieger ist, wusste in seiner neuen Heimat lange Zeit kaum jemand, und auf der Straße wurde Rüdiger Helm nicht erkannt. „Das ist auch nicht wichtig“, sagt er. In Neubrandenburg ist das jedoch anders, bis heute. Ende August dieses Jahres erst nahm Rüdiger Helm dort an der Enthüllung des „Walk of Sport“ teil, eine Art Ruhmesweg mit Bronzeplaketten, die berühmten Sportlern aus der Region gewidmet sind – darunter eben auch Rüdiger Helm. „Das Interesse war riesig, es waren über 1000 Leute dabei“, erzählt er.

Medaillen hat Rüdiger Helm auch im Drachenboot gewonnen. Sein olympisches Gold bewahrt er jedoch zu Hause an einem Ehrenplatz auf. Quelle: Sabine Latzel

Kanu fährt er bis heute, mit seiner Frau, definiert seine sportlichen Ziele inzwischen aber so: „Aktiv bleiben.“ Die erwachsenen Kinder leben in Berlin und im Kreis Herzogtum Lauenburg, Erika und Rüdiger Helm haben sechs Enkel im Alter zwischen zwei und 19 Jahren. „Als Leistungssportler lebte ich in einer eigenen, organisierten und durchstrukturierten Welt“, bilanziert er. „Nach der Wende mussten meine Familie und ich aber hinein ins wahre Leben – und das ist nicht das Schlechteste. Wir haben wirklich Glück gehabt.“

Von Sabine Latzel