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Ostholstein Zeitzeuge erzählt: So wurde Horst Köster aus der DDR frei gekauft
Lokales Ostholstein Zeitzeuge erzählt: So wurde Horst Köster aus der DDR frei gekauft
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07:00 10.11.2019
Horst Köster betreibt seit 32 Jahren die „Strandperle“ in Großenbrode. 1985 kam er aus der DDR in den Westen. Quelle: Markus Billhardt
Großenbrode

Seit 32 Jahren kennen ihn die Großenbroder aus der Gaststätte „Strandperle“: Horst Köster stammt aber eigentlich aus Lubmin bei Greifswald. Als politischer Häftling wurde er durch die Bundesrepublik freigekauft. Am 5. Mai 1985 ist Horst Köster auf der anderen Seite der Mauer angekommen.

Mit dem Bus in die Freiheit

Und seine Überfahrt in die Bundesrepublik Deutschland verlief genau so, wie es gerade in dem Fernseh-Dreiteiler „Preis der Freiheit“ zu sehen war: „Wir fuhren mit zwei Bussen bei Eisenach mit hohem Tempo über die Grenze und kamen dann im Notaufnahmelager Gießen an. Vorher wurde schon im Bus die Nationalhymne der BRD gespielt, was ganz schön auf die Tränendrüse drückte“, erzählt Köster heute. Eine Woche zuvor sei er aus dem Gefängnis in Brandenburg in den „Abschiebeknast nach Kalle-Malle“ (Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz) verlegt worden. Schon ein Jahr lang habe Köster wegen versuchter Republikflucht, Zoll- und Devisenvergehen „gesessen“.

Horst Köster liest noch einemal in seinem Gerichtsurteil von 1984, das ihn ins Gefängnis brachte. Quelle: Markus Billhardt

Mehr als 33 000 politische Häftlinge aus der DDR wurden zwischen 1964 und 1989 durch die Bundesrepublik freigekauft. Warum gerade er frei kam, kann er nicht zu 100 Prozent sagen. Das hätten wohl der DDR-Unterhändler und Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, die Staatssicherheit sowie die zuständige Abteilung für Devisenerwirtschaftung „Kommerzielle Koordinierung“, kurz „Koko“, so entschieden. „Da ich im Zuchthaus einen Herzanfall hatte, dachten sie vielleicht, für einen Toten zahlt die BRD nicht mehr“, sagt Köster. Im Westen machte er sich dann schnell in Richtung Norden auf. Dort kannte er ehemalige DDR-Bürger, die schon früher in den Westen gelangt waren.

Fluchtgedanken reiften in den 1980er Jahren

Wie den Pastor Jürgen Eggert aus Hohenstein (Gemeinde Wangels). Dieser war in den 1960er Jahren zweimal inhaftiert worden und zuletzt Gemeindevikar in Lubmin, bevor er 1975 mit der Familie in die Bundesrepublik übersiedelte. „Als Jürgen Eggert die DDR verließ, bekam ich meinen ersten Eintrag in die Stasi-Akte“, erzählt der Gastwirt. Dennoch habe er damals nicht in Angst gelebt. „Ich wollte eigentlich nicht rüber. Ich hatte Familie, ein Haus und habe seit 1976 als Geschäftsführer einer großen Gaststätte gutes Geld verdient.“ Mit Frau und Kind ging es des Öfteren ins Ausland – nach Bulgarien oder Ungarn – in den Urlaub.

Als junger Mann hatte Horst Köster noch keine Fluchtgedanken. Quelle: Hfr

Alles änderte sich aber dann Anfang 1981: Die Familie Köster war zum Wintersport in der damaligen Tschechoslowakei und hatte einen Autounfall, bei dem die Tochter schwer verletzt wurde. „Wir wurden in der Botschaft in Prag so schlecht behandelt, dass wir dadurch endgültig die Nase voll hatten.“ Horst Köster stellte einen Ausreiseantrag – mit gravierenden Folgen. Er verlor seinen Job, erhielt Berufsverbot und schmiedete schließlich mit zwei anderen Familien Fluchtpläne. Mit einem Boot wollten sie über die Ostsee nach Bornholm. Doch einen Monat bevor es so weit war, kam die nächste Hiobsbotschaft für Köster: „Meine Frau bekam Krebs und wir entschieden uns, zu bleiben.“

Beobachtungen durch die Staatssicherheit

Die beiden anderen Familien flohen im Herbst 1981 in den Westen. „Drei Tage später stand die Stasi bei mir vor der Tür. Ich wusste da noch nicht, ob sie überhaupt gut angekommen waren. Später traf ich sie in Heiligenhafen wieder“, berichtet der 69-Jährige. Auf ihn selbst warteten Verhöre, es folgten Repressalien und Beobachtungen auf Schritt und Tritt. Nach dem Mauerfall entdeckte er in seiner Stasi-Akte viele Fotos, die von ihm und sogar in seiner Wohnung gemacht worden waren. Als ein erneuter Ausreiseantrag nach dem Tod seiner Frau abgelehnt wurde, wollte Köster 1983 wieder über die Ostsee fliehen.

Flucht scheiterte auf der Ostsee

Aber es sollte nicht sein: Drei Versuche scheiterten. Zuletzt sorgten schlechtes Wetter und eine defekte Ruderanlage dafür, dass sie an der Steilküste bei Binz auf Rügen landeten. Obwohl zunächst von den Grenzern nicht erwischt, wurden er und seine neue Freundin eine Woche danach auf offener Straße verhaftet. „Aus meinen Akten geht hervor, dass das Boot wohl bereits nach zwei Tagen gefunden wurde. Wir sind dann aber erst noch vier Tage lang observiert worden“, erläutert Horst Köster. Die Tochter wurde bei seinen Eltern untergebracht, Köster kam im Oktober 1983 in Untersuchungshaft nach Rostock.

Horst Köster steht nicht nur am Zapfhahn. Seit einiger Zeit berichtet er auch von seinem Leben in der damaligen DDR. Quelle: HFR

Im Mai 1984 folgte das Urteil für Horst Köster: fünf Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe wegen „Grenzübertritts im schweren Fall“. Seine damalige Freundin erhielt ein Jahr und zehn Monate Gefängnis. Beide wurden schließlich freigekauft. Kurz darauf durfte die Tochter zu ihrem Vater in die Bundesrepublik reisen. Seine Eltern und auch seine Geschwister konnte Köster bis zum Mauerfall in Ungarn treffen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 habe er stundenlang Fernsehen geschaut. Am nächsten Tag um 4 Uhr morgens stand sein Bruder mit Kuchen vor der Tür.

Eigentlich hatte er im Laufe der Jahre mit der Geschichte abgeschlossen. Je näher aber das Datum zu „30 Jahre Mauerfall“ rückte und er auf seine Vergangenheit angesprochen wurde, ließ der Inhaber der „Strandperle“ sich überreden, über sein Leben in der DDR zu erzählen. Dies tut er seit einiger Zeit immer wieder gerne. Und gerade in diesen Tagen ist er natürlich gefragt.

Von Markus Billhardt

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