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Ostholstein Wie viel Tourismus verträgt Heiligenhafen noch?
Lokales Ostholstein Wie viel Tourismus verträgt Heiligenhafen noch?
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19:00 19.01.2020
Manfred Wohnrade und Joachim Gabriel (v.l.) am Yachthafen. Die HVB-Geschäftsführer sehen die touristische Entwicklung der Stadt als fast abgeschlossen an. Quelle: Luisa Jacobsen
Heiligenhafen

Noch ist es ruhig an Ostholsteins Urlaubsorten. Doch die nächste Saison lässt nicht mehr lange auf sich warten. Heiligenhafen hat in den letzten Jahren massiv in den Tourismus investiert. Wir haben die Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe (HVB) gefragt, wie es weitergeht.

Die Gästezahlen in Heiligenhafen haben sich seit 2007 nahezu verdoppelt. Wie weit soll der Tourismus noch wachsen?

Manfred Wohnrade: Tatsächlich hatten wir 2019 fast eine Million Übernachtungen. Anders als früher bleiben die Gäste heute im Schnitt vier Tage und nicht mehr sieben bis zehn. Für den Ort ist das Gold wert, denn Kurzurlauber generieren den meisten Umsatz. Wenn wir das Hotel und Erlebnisbad auf dem Steinwarder noch realisieren können, sollte die touristische Entwicklung erst einmal abgeschlossen sein.

Joachim Gabriel: Bei der Quantität erreichen wir auch Grenzen – auch in Anbetracht des Verkehrs. Bereits jetzt problematisch ist das Nadelöhr Steinwarder Dammbrücke. Eine der städtischen Aufgaben wird künftig sein, dort ein vernünftiges Konzept für den ruhenden und fließenden Verkehr umzusetzen. Was wir hier nicht brauchen, sind Auswüchse, die gemeinhin mit dem Schlagwort ,Overtourism’ bezeichnet werden. Schließlich verlangt der Tourismus auch Einheimischen etwas ab.

Wie viel darf man den Einheimischen abverlangen? Mitunter gibt es ja Unmut über immer mehr Touristen.

Wohnrade: Manchmal kann ich diesen Unmut verstehen, denn insbesondere im Sommer wird es phasenweise voll. Doch Heiligenhafen braucht Arbeitsplätze. Auch uns hat die demographische Entwicklung erreicht und eine Stadt braucht jüngere Menschen, die arbeiten und Familien gründen. Der Tourismus ist dabei der größte Arbeitgeber.

Wie viel Geld bleibt denn hier in der Stadt? Wer verdient am Tourismus?

Wohnrade:Bei 160 000 Anreisen jährlich und einem angenommenen Tagesumsatz von rund 40 Euro pro Person, kann man sich ausrechnen, dass nicht wenig Geld in der Stadt bleibt. Es profitieren Gastronomie, Einzelhandel, aber auch Schornsteinfeger, Klempner und andere Gewerke. In Hotels, Ferienparks und Apartments ist immer etwas zu tun. Zudem haben die Gäste 2019 fast zwei Millionen Euro Kurabgabe gezahlt. Dazu kommen Einnahmen durch Gewerbesteuer, Zweitwohnungssteuer, Grundsteuer B und Tourismusabgabe.

Gabriel: Der Wohnwert einer Stadt wird außerdem von der touristischen Infrastruktur geprägt. Bürger können die Anlagen genauso nutzen wie Gäste. Denkt man sich das alles weg, würde Heiligenhafen ein ganz anderes Gesicht haben. Dem Thema bezahlbaren Wohnraum nimmt sich Stadt jetzt an. Das muss auch so sein.

Wie ist der Stand bei dem angesprochenen Erlebnisbad?

Wohnrade: Heiligenhafen soll ein Erlebnisbad in Verbindung mit einem Familienhotel bekommen. Das Bad wird einen Mehrwert für die Bürger haben, weil es ein Schwimmbecken mit sechs 25-Meter-Bahnen und zwei Sprungtürmen bekommt. Damit können Schulschwimmen und Schwimmkurse angeboten werden. Die Angebote sind auch getrennt nutzbar. Die Investitionskosten belaufen sich auf 15 Millionen Euro. Das Vorhaben wird aber nur realisiert, wenn das Land das Projekt mit rund zehn Millionen Euro fördert. Mit einer Entscheidung rechnen wir dieses Jahr.

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Dann gibt es noch den Aussichtsturm auf der Ostmole. Wie sieht es damit aus?

Gabriel: Das ist ein Projekt, das angedacht ist. Es ist Teil des städtebaulichen Entwicklungskonzepts „Hafenkante“, bei dem es noch ein Highlight braucht. Wir haben das Projekt mit dem Ministerium grob besprochen. Eine Förderung wäre grundsätzlich möglich. Wir wollen aber nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Jetzt geht es erst einmal um zehn Millionen für das Erlebnisbad und andere Gemeinden haben auch Wünsche. Realisiert werden könnte der Turm in fünf bis zehn Jahren.

Ein besonders wichtiger Anziehungspunkt ist der Strand. Was ist in Sachen Küstenschutz geplant?

Wohnrade: Nach Beschluss der Stadtvertretung wollen wir unsere Buhnenfelder ergänzen und die bestehenden Buhnen verlängern. Allerdings fehlt dazu noch die Genehmigung. Die Begründung ist, dass das Monitoring für die Testbuhnen fünf Jahre laufen muss und wir erst bei drei sind. Wir sind mit der Behörde im Gespräch und müssen sehen, ob wir den Ausbau im Herbst diesen Jahres umsetzten können.

Gabriel: Dazu haben wir ein Gutachten in Auftrag gegeben, das von Küstenschützern befürchtete schädigende Auswirkungen der Buhnen betrachtet. Eigentlich wollten wir das Feld ja bereits im Herbst 2019 nach der letzten Aufspülung erweitern. Jetzt können wir nur hoffen, dass nichts Schlimmes passiert und es zügig weiter geht.

Durch die geplante Eröffnung der Restaurantkette Gosch sorgen sich einige Gastronomen vor Einbußen. Ist die hiesige Gastronomie gefährdet?

Gabriel:Gosch wird sicherlich differenziert gesehen. Wir haben uns aber mit einem Fachgutachten versorgt, das einen Bedarf an mehr Gastronomie feststellt. Zudem bringt Gosch noch Tagesgäste mit. Selbst aus Kellenhusen fahren Menschen nach Scharbeutz zu Gosch – ob man das nun versteht oder nicht. Demnächst kommen diese Gäste dann hoffentlich hierher zu uns.

Herr Wohnrade: Sollten Sie ins Rathaus wechseln, wird es weiterhin zwei Geschäftsführer bei den HVB geben?

Wohnrade: Wir möchten in diesem Fall meine Aufgaben auf zwei Mitarbeiterinnen verteilen. In welcher Form das passiert, entscheidet letztlich der Aufsichtsrat.

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Von Olaf Bartsch und Luisa Jacobsen