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Ostholstein Wohnung gekündigt: Sechsköpfige Familie ohne Bleibe
Lokales Ostholstein Wohnung gekündigt: Sechsköpfige Familie ohne Bleibe
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09:36 01.08.2019
Sie müssen ausziehen und wissen nicht wohin: Familie Arens aus Oldenburg mit Milane (9), Nicole (14), Dylan (6), Ayleene (7, v. l.) und den Eltern Susann und Tobias Arens suchen dringend eine Wohnung. Quelle: Luisa Jacobsen
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Oldenburg

Susann und Tobias Arens haben all ihre Unterlagen auf einem Stapel im ausgeräumten Wohnzimmer bereitgelegt. Ausgefüllte Formulare für Wohnungsbaugesellschaften, Notizen über bereits angefragte oder besichtigte Wohnungen. Es sind Unterlagen aus fast einem Jahr vergeblicher Wohnungssuche in gesamten Kreis Ostholstein. Am heutigen Mittwoch muss die Familie mit ihrer Labrador-Hündin ihr Zuhause in einem Mehrfamilienhaus in Oldenburg verlassen und bei einer Bekannten unterkommen.

Neben dem angespannten Wohnungsmarkt, der es großen Familien mit niedrigem Einkommen allgemein schwer macht, hängen Tobias Arens Fehler aus der Vergangenheit nach: Der 32-Jährige hat noch Schulden. Insgesamt 10 000, vielleicht 15 000 Euro. „Ehrlich währt am längsten“, sagt er. „Ich kann das zugeben, ich habe definitiv dazugelernt.“

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Susann Arens: „Das mit der Notunterkunft ging einfach nicht“

Was die Familie brauche, sei ein Neuanfang. Und dazu eine neue Wohnung. „Wir müssen wegen Eigenbedarfs unseres Vermieters raus“, sagt Tobias Arens. Eigentlich schon im Herbst 2018. Weil die Familie nichts fand, seien sie länger geblieben, jetzt müssen sie per Gerichtsbeschluss ausziehen. „Der Vermieter hat uns auch eine Bescheinigung über den Eigenbedarf gegeben“, sagt Tobias Arens. Seine Frau sucht den Zettel heraus. Darauf steht, dass Susann Arens (auf ihren Namen läuft der Mietvertrag) keine Mietschulden hat. In den letzten fünf Jahren habe das Paar überhaupt keine Schulden mehr gemacht, erzählen sie. Die Altlasten seien größtenteils durch Handyverträge und Verträge mit Bezahl-Sendern entstanden. Auch bei Susann Arens. „Ich habe im letzten Jahr aber alles abbezahlt“, sagt sie.

Tobias Arens möchte nachziehen. Nach einen Bandscheibenvorfall vor etwa einem Jahr und einer entsprechenden Krankheitszeit arbeitet er jetzt in Vollzeit in der Küche eines Restaurants in Heiligenhafen. „Das ist meine Passion“, sagt er. „Das kann ich und das mache ich gern.“ Seine Schulden möchte er loswerden und seine Frau möchte raus aus dem Arbeitslosengeld-II-Bezug. „Unser Jüngster kommt nach den Ferien in die Schule. Ich habe Gebäudereinigung gemacht, da möchte ich in Teilzeit wieder einsteigen.“

Der Weg an die Öffentlichkeit ist für die Familie der letzte Weg. „Wir haben alles versucht“, sagt Susann Arens. Persönliche Vorstellung bei Wohnungsbaugesellschaften, Anfragen bei der Kirche, sogar beim Kinderschutzbund und bei der Stadt. Wirklich helfen konnte niemand. Die Stadt hat am Ende nur eines anbieten können: Zwei Zimmer in einer Notunterkunft. Bei der Erinnerung an die Besichtigung zittert Susann Arens die Stimme. „Das ging einfach nicht“, sagt sie. „Wir wollten nicht, dass unsere Kinder dort wohnen müssen.“ Der Schritt, ihre Not öffentlich zu machen, fällt Susann und Tobias Arens nicht leicht. Lange haben sie versucht ihre Kinder vor der Situation zu beschützen. Jetzt, wo die Wohnung leer geräumt wird, geht das nicht mehr.

Wer kann helfen?

Wer ein Wohnungsangebot für Familie Arens oder ein Tipp hat, kann sich direkt bei der Familie melden. Susann Arens ist unter der Nummer 01 60/93 04 37 41 erreichbar. Ihr Mann ist unter der Nummer 01 51/66 58 97 57 erreichbar. Alternativ ist der Kontakt per E-Mail an susideluxe007@gmail.com möglich.

Wohnungslosenhilfe: Es fehlt bezahlbarer Wohnraum

Dennis Carlson, stellvertretender Leiter des Fachbereichs für gesellschaftliche Angelegenheiten bei der Stadt Oldenburg, bestätigt, dass sich der künftige Bürgermeister Jörg Saba sowie der amtierende Rathaus-Chef Martin Voigt (beide parteilos) lange und intensiv um Wohnraum für Familie Arens bemüht hätten. Doch es half nichts. Dabei sei der Wohnungsmarkt in Oldenburg sicher nicht angespannter als in vergleichbaren Städten. Es sei einfach überall schwierig.

Der Bundesverband Wohnungslosenhilfe (BAG) geht davon aus, dass in Deutschland 30 Prozent aller wohnungslosen Menschen Paare oder Familien mit Kindern sind. „Viele Menschen, auch Familien, haben trotz eigenen Einkommens nach einer Kündigung, Zwangsräumung oder anderen Krisensituation unglaubliche Schwierigkeiten, eine neue Unterkunft zu finden“, sagt Sprecherin Werena Rosenke. Hauptgrund sei bei Familien mit Kindern, genau wie bei Einzelpersonen oder Paaren, das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum. Hinzu kommt: Negative Schufa-Einträge machten es für die Betroffenen nahezu unmöglich, wieder die Chance auf eine eigene Wohnung zu erhalten. Werena Rosenke: „Wir sagen aber, es kann nicht sein, dass jemand, der Schulden hat oder hatte, dauerhaft mit Wohnungslosigkeit bestraft wird.“

Das macht die Schufa

Die Schufa (Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung) sammelt auf Grundlage ihrer Vertragspartner Daten – zum Beispiel über Kredite, Bankkonten, Mobilfunkkonten, Ratenzahlungsgeschäfte und Bürgschaften. Die Daten müssen von der Schufa in regelmäßigen Abständen gelöscht werden. Die Fristen sind aber unterschiedlich.

Vermieter fordern häufig eine Schufa-Selbstauskunft vom Wohnungsbewerber. Der Verbraucherschutz empfiehlt, die Daten bei der Schufa von Zeit zu Zeit abzufragen, um Überraschungen vorzubeugen. Eine Selbstauskunft kann unter www.schufa.de angefordert werden.

Fragen und Antworten zur Schufa sowie Formulare zur kostenfreien Selbstauskunft hat die Verbraucherschutzzentrale Bremen zusammengestellt.

„Wir wollen nur ein neues Zuhause“

Familie Arens hat viele Absagen aber sogar schon bekommen, bevor es überhaupt um die finanzielle Situation der Eltern gehen konnte. In seinem E-Mail-Postfach öffnet Tobias Arens die schriftliche Antwort auf eine Besichtigungsanfrage. Die Wohnung sei für sechs Personen leider nicht geeignet, heißt es da. Eine Standardantwort, wie sie etliche in den vergangenen Monaten bekommen haben.

„Ich verdiene 1500 Euro netto“, sagt Tobias Arens. Hinzu kommt das Kindergeld, „und wir wollen Wohngeld beantragen“, sagt Susann Arens. „Aber das geht nur mit Wohnung.“ 1200 Euro inklusive Nebenkosten könne die Familie gut bezahlen. „So viel war das bisher auch“, sagt Tobias Arens. Viele Ansprüche haben sie nicht: Genug Platz für die Kinder und ein Vermieter, der nichts gegen die – sehr ruhige – Familienhündin hat. „Natürlich wäre Oldenburg für die Kinder am besten“, sagt die Mutter. „Drei der vier sind hier im Judo-Verein.“ Doch wenn das nicht geht, geht das eben nicht: „Wir haben ja auch schon im ganzen Kreis gesucht“, sagt ihr Mann. „Wir wollen nur“, sagt Susann Arens, „ein neues Zuhause“.

Luisa Jacobsen