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Ostholstein Zu viel Zucker im Blut
Lokales Ostholstein Zu viel Zucker im Blut
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11:03 26.11.2013
Während seines Aufenthalts in der Curschmann-Klinik walkt Gottfried Slama (57) regelmäßig am Timmendorfer Strand entlang. Quelle: Fotos: Kessing
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Timmendorfer Strand

Gottfried Slama hat es spät erwischt. 43 Jahre alt war er, als die Ärzte bei ihm Diabetes mellitus feststellten. Plötzlich wollte sein Körper kein Insulin mehr produzieren. „Ich dachte, jetzt ist alles vorbei“, erinnert sich Slama zurück. Heute weiß er es besser. Der 57-Jährige hat gelernt, mit der Krankheit zu leben, so wie Millionen Menschen in Deutschland.

Dennoch ist Slama eine Ausnahme. Während die meisten Altersgenossen Slamas an Diabetes Typ-2 erkranken, bei dem der Körper eine Insulinresistenz entwickelt, hat Slamas Immunsystem die Insulin produzierenden Zellen zerstört. Er ist an Typ-1 erkrankt. Eine Autoimmunkrankheit, die meist im Kindesalter auftritt.

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„Schöner wäre es natürlich ohne Diabetes, aber ich komme gut damit klar“, sagt Slama, der sich gerade zur Reha in der Curschmann-Klinik in Timmendorfer Strand aufhält. Anfangs habe er Angst gehabt, weil er nicht wusste, was auf ihn zukomme. „Ich dachte, alles ist vorbei, weil ich alles umstellen muss“, erzählt der Braunschweiger. „Ich hätte ja nie damit gerechnet, dass mir das passiert.“ Plötzlich habe er starken Durst und hohes Fieber bekommen, erinnert sich Slama an die Symptome vor 14 Jahren zurück.

Heute spritzt er sich regelmäßig Insulin. Außerdem kontrolliert er stetig seine Blutzuckerwerte. „Das ist nur ein kleiner Piks“, sagt Slama und deutet auf die Fingerkuppe seines Zeigefingers. Aus einem Tropfen Blut, den er aufs Messgerät träufelt, kann dieses die genauen Blutzuckerwerte des 57-Jährigen errechnen. Bevor Slama Sport macht, misst er so, ob der Zucker dafür ausreicht.

„Beim Essen ist es umgekehrt. Je nachdem wie viele Broteinheiten ich einnehme, muss ich sie entsprechend abspritzen“, erklärt Slama. Eigentlich könne er so alles in Maßen essen und trinken.

Zugute kommt Slama dabei die Weiterentwicklung des Insulins. „Es gibt heute Produkte, die sehr viel näher am natürlichen Insulin sind“, erklärt Prof. Dr. Bernhard Schwaab, Chefarzt der Curschmann-Klinik. Habe man sich früher das Insulin noch 30 bis 45 Minuten vor dem Essen spritzen müssen, könnten Diabetiker dies nun direkt zu den Mahlzeiten machen. „Das hört sich banal an. Aber wenn ein Anruf kommt, es an der Tür klingelt, dann hat man schnell vergessen, dass man sich vor einer halben Stunde gespritzt hat“, sagt Schwaab. Die Gefahr, so zu unterzuckern, ist mit dem direkten Spritzen nun geringer. Gottfried Slama hat neben einer Insulinspritze immer eine Packung Traubenzucker für den Notfall dabei. Außerdem gibt es noch ein paar Tricks: „Einmal hatte ich ein bisschen zu viel Insulin gespritzt, der Zucker war weit unten“, erzählt Slama. Er habe zu schwitzen und zittern begonnen. „Aber meine Frau weiß Bescheid“ — nach einer Flasche Cola ging es ihm besser. Noch mehr Kniffe im Umgang mit Diabetes lernt Slama derzeit in der Curschmann-Klinik. Auf dem Wochenplan stehen neben Walking und Gerätetraining auch Ernährungsberatung sowie Entspannungskurse, etwa Qi-Gong und Autogenes Training.

„Permanenter Stress ist schlecht für den Blutzucker“, sagt Schwaab. Denn Stresshormone erhöhten den Blutzuckerspiegel. Und Bewegung und gesunde Ernährung seien essentiell. „95 Prozent unserer Patienten haben Diabetes Typ-2“, sagt Schwaab. Und der ist, anders als Typ-1 bei Slama, hauptsächlich auf einen ungesunden Lebensstil zurückzuführen.

Aber auch für den 57-Jährigen gehört Sport zum Alltag — und Optimismus. Den zu bewahren, sei das Entscheidende. „Dann kriegt man das auch hin“, sagt Slama und macht sich auf zum Walken an den Strand.

Eine kostenlose Infoveranstaltung zum Thema findet heute, 15 bis 18 Uhr, in der Petri-Kirche zu Lübeck statt. Sprechen wird auch Prof. Dr. Schwaab; mehr unter www.st-petri-luebeck.de.

Diabetes Typ-1 und Typ-2

400 000 Menschen in Deutschland sind an Typ-1-Diabetes erkrankt. Das Immunsystem richtet sich dabei aus bislang unklaren Gründen plötzlich gegen die Insulin produzierenden Zellen und zerstört sie. Die Insulinproduktion bleibt aus, aufgenommener Zucker wird nicht mehr verwertet, der Blutzuckerspiegel steigt. Meist wird Typ-1 bei Kindern diagnostiziert.



Von Typ-2-Diabetes sind etwa sieben Millionen Menschen hierzulande betroffen. Sie leiden an Insulinresistenz: Ihr Körper spricht nicht mehr ausreichend auf das produzierte Insulin an, der Blutzuckerspiegel kann nicht mehr kontrolliert werden und steigt. Hauptursachen sind neben erblicher Veranlagung Übergewicht und Bewegungsmangel sowie falsche Ernährung.

„Dass man den Optimismus bewahrt, ist entscheidend.“
Gottfried Slama

Britta Kessing