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Lokales Protestmarsch: Gerechtigkeit für Hazara
Lokales Protestmarsch: Gerechtigkeit für Hazara
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15:24 22.11.2018
Gemeinsam wandern sie nach Brüssel (v. l.): Salman Ali Wakil, Hussein Sharq, Karisma Naki und Abdulkhaligh Bahdori. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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11. November 2018: Ein Tag wie jeder andere – nicht für Hussein Sharq. Bei einem Anschlag der Taliban wurden sechs Menschen in seinem Heimatdorf in Afghanistan getötet. Mindestens 20 weitere wurden verletzt. Zuvor hatten Hunderte Demonstranten gegen Anschläge der radikalislamistische-Miliz auf Angehörige der schiitischen Minderheitsgruppe der Hazara demonstriert. Auch Hussein Sharq gehört dieser zentralafghanischen Ethnie an, die seit jeher von der Taliban verfolgt wird.

Ihm passierte nichts, denn er lebt seit 25 Jahren im mehr als 6000 Kilometer entfernten Malmö. „Als ich von dem Anschlag hörte, war ich zutiefst betroffen. Es machte mich so traurig, dass ich etwas unternehmen musste“, sagt der 51-Jährige. Gemeinsam mit weiteren Angehörigen der Hazara, die sich in sozialen Gruppen und in Internetforen austauschen, entschied er, von Malmö nach Brüssel zum Nato-Hauptquartier zu wandern und zu demonstrieren. Der Titel ihrer Reise „The long walk to justice for Hazara“. Auf Deutsch: Der lange Weg zur Gerechtigkeit für Hazara.

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Am 13. November starteten Hussein Sharq und seine Begleiter – Abdulkhaligh Bahdori (73), Karima Nabi (49) und Salman Ali Wakil (54) – ihre Reise. Von Malmö ging es über die Örseund-Brücke nach Kopenhagen. Auf der Strecke gesellten sich zeitweise weitere Mitstreiter zu ihnen. Im dänischen Rödby angekommen, nahmen sie die Fähre nach Puttgarden. Von dort wanderten sie über Oldenburg weiter bis nach Eutin und erreichten am Dienstagabend die Hansestadt. Das Ziel ihres mehr als 800 Kilometer langen Protestmarsches ist es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Ungerechtigkeiten und Morde an ihrer Volksgruppe zu richten.

Das Wandern beschreibt Hussein Sharq als eine innere Reinigung: „Es ist für mich wie eine Therapie.“ Es sei die beste Möglichkeit, mit der Situation umzugehen, denn den Glauben an die Politik hätten sie bereits verloren. Sie haben Briefe geschrieben, protestiert – bis auf eine nette Antwort sei nichts zurückgekommen. „Es wird Zeit, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden“, sagt Sharq.

Seine Hoffnung liegt in der europäischen Bevölkerung. Gemeinsam mit seinen Begleitern möchte er mit den Menschen vor Ort sprechen – ihre Aufmerksamkeit auf die Tragödie in ihrem Heimatland richten. „Wir möchten die Menschen dazu bewegen, dass sie sich an ihre Regierungen wenden, und die wiederum die afghanische Regierung zur Verantwortung ziehen.“

Auf ihrer Facebook-Seite, die den Titel der Reise trägt, berichten sie von ihren Begegnungen während der Tour.

Fabian Boerger