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Segeberg Tödlicher Streit in der Disco: Es ging um eine Frau
Lokales Segeberg Tödlicher Streit in der Disco: Es ging um eine Frau
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20:10 28.03.2018
Der Fall wird am Landgericht Kiel verhandelt.
Der Fall wird am Landgericht Kiel verhandelt. Quelle: Symbolbild LN-Archiv
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Henstedt-Ulzburg/Kiel

Die Staatsanwaltschaft wirft dem jungen Mann mit albanischem Pass Totschlag vor. Er habe den Tod des jungen Syrers Latif U. (alle abgekürzten Namen geändert) billigend in Kauf genommen, als er ihn auf der Tanzfläche mit einem Fausthieb ins Gesicht zu Boden geschlagen und dem danach Bewusstlosen einen weiteren Schlag gegen die Schläfe versetzt hatte.

Eine Dolmetscherin übersetzt Arian A. die Vorwürfe ins Albanische. Der 22-Jährige, drahtig, schlank, kurz rasierte Haare, antwortet nicht direkt, sondern lässt von seinem Anwalt eine vorbereitete Erklärung verlesen: Es tue im leid, was passiert sei, er habe nicht gewollt, dass jemand stirbt. Den Verlauf dieses Sonnabends schildert er so: Bis etwa 22 Uhr habe er in dem Eiscafé gearbeitet, in dem er damals beschäftigt war. Nach Feierabend habe er gemeinsam mit einem Freund mehrere Sambuca getrunken und „vier Lines“ genommen. Gemeint ist Kokain. Ein Gramm der Droge habe er am besagten Abend bei sich gehabt.

Später im „Joy“, das er etwa gegen Mitternacht betreten habe, sei ihm auf der Tanzfläche „ein großes, blondes Mädchen aufgefallen“ und er habe mit ihm getanzt. Kurz darauf sei ein junger Mann – das spätere Opfer– auf ihn zugekommen, habe ihn auf Deutsch angesprochen, heißt es in der Erklärung weiter. Deutsch verstehe er aber kaum. „Ich habe Angst bekommen, er war viel größer als ich.“ Deshalb habe er zugeschlagen. „Voller Adrenalin.“ Angeblich aus Furcht, sein Kontrahent könne aufstehen und sich rächen, habe er dem am Boden Liegenden einen weiteren Schlag versetzt.

Mehrere geladene Zeugen, darunter auch das „große, blonde Mädchen“, eine 18 Jahre alte Schülerin aus Henstedt-Ulzburg, schildern einen ähnlichen Ablauf des Geschehens. Sie habe fast den ganzen Abend mit Latif U. getanzt, erinnert sie sich. Irgendwann hätten sie sich kurz getrennt. „Ich wollte mit meiner Freundin sprechen.“ Kurz darauf sei Arian A. zu ihr gekommen, habe sie angetanzt. „Ich hatte in diesem Moment auch nichts dagegen. Aber es war nur ganz kurz“, sagt die 18-Jährige aus. Weder Täter noch Opfer habe sie vor diesem Abend gekannt.

Danach habe sie beobachtet, dass Latif U. Arian A. ansprach. Welche Worte fielen, sei für sie nicht zu verstehen gewesen. Es habe aber nicht bedrohlich gewirkt, U. habe augenscheinlich ruhig und normal mit A. gesprochen, bevor der ihn unvermittelt mit der Faust zu Boden gestreckt habe. Auch andere Zeugen, die in unmittelbarer Nähe standen, wollen im Vorfeld der brutalen Attacke nichts von einem irgendwie eskalierenden Streit zwischen beiden Männer mitbekommen haben

„Er ist hingefallen und mit dem Kopf auf den Boden geschlagen. Anscheinend war er bewusstlos“, erinnert sich die Zeugin. Nachdem er ein zweites Mal auf den Liegenden eingeschlagen hatte, sei Arian A. von einem anderen Gast weggezogen worden und habe sich entfernt. Das Opfer erlag fünf Tage später im Krankenhaus seinen Kopfverletzungen. „Manchmal denke ich darüber nach, dass das wohl alles wegen mir passiert ist.“

Verantwortlich fühlt sich auch der Inhaber des Eiscafés, der Arian A. Arbeit und Unterkunft gegeben hatte. „Er hat immer gut gearbeitet und nie Probleme gemacht. Aber mit den Drogen wurde es immer schlimmer“, erzählt der Italiener im Gerichtssaal. Zum Schluss sei er schon tagsüber während der Arbeit berauscht gewesen, habe sich immer mehr zurückgezogen. „Dabei war er wie ein Sohn für mich, hat bei uns gelebt, hatte im Eiscafé alle Freiheiten“, sagt der Gastronom weiter aus und kämpft mit den Tränen. Irgendwann sei es ihm zu viel geworden. „Ich habe ihm gesagt, er kann gehen. Vielleicht bin ich deshalb mit Schuld daran, was passiert ist.“ Nach dem Vorfall in der Discothek habe er A. nur noch einmal gesehen, danach sei er verschwunden.

Arian A. teilt dem Gericht mit, dass er zu seiner Familie nach Italien gefahren sei. Erst dort habe er von dem Tod seines Opfers erfahren. „Das war ein schwerer Schock für mich“, heißt es in seiner Erklärung. Nach etwa zwei Wochen habe er beschlossen, nach Deutschland zurückzukehren und sich zu stellen. Die Polizei hatte zu diesem Zeitpunkt bereits öffentlich nach A. fahnden lassen. Noch bevor sich der 22-Jährige stellen konnte, wurde er bei der Einreise in Konstanz von Zollbeamten verhaftet. Der Prozess wird am 16. April fortgesetzt.

Von Oliver Vogt