Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Acht Jahre Haft für tödliche Messerattacke in Bad Segeberg
Lokales Segeberg Acht Jahre Haft für tödliche Messerattacke in Bad Segeberg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:53 09.01.2017
Hintergrund der Bluttat waren 50 Euro Schulden für Haschisch. Quelle: dpa
Anzeige
Kiel/Bad Segeberg.

Als Felix E. in einer nächtlichen Schlägerei ein schwertähnliches Messer gegen Henner H. einsetzte, handelte er mit „bedingter Tötungsabsicht“ – davon ist die 8. Strafkammer des Kieler Landgerichts überzeugt. „Es war ihm in diesem Moment zumindest egal, ob Henner H. stirbt“, begründete der Vorsitzende Richter Jörg Brommann. Der 30 Zentimeter tiefe Stich durchtrennte unter anderem die Hauptschlagader des Opfers. H. verblutete. Die Kammer entschied gestern auf Totschlag und verhängte acht Jahre Haft für den Angeklagten.

Der 28-jährige Felix E. aus Bad Segeberg nahm das Urteil äußerlich reglos entgegen. Sein Verteidiger Ralf Stelling kündigte nach der Urteilsverkündung Revision an, er hatte auf fahrlässige Tötung plädiert und zweieinhalb Jahre Gefängnis für seinen Mandanten.
Ein Unfallgeschehen jedoch schließt das Gericht aus. Felix E. hatte vor Gericht angegeben, sich an einen bewussten Stich nicht zu erinnern. Bei der unübersichtlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen, die sich an „abgezogenen“ neun Gramm Cannabis entzündet hatte, war der Angeklagte – mit einem Zierschwert bewaffnet – zunächst einem jungen Mann der anderen Gruppe hinterhergerannt. Henner H. wiederum sei E. gefolgt. Als E. sich, von einem Warnruf alarmiert, umdrehte, sei H. in ihn hineingelaufen.

Anzeige

Mit dieser Schilderung jedoch lasse sich der 30 Zentimeter tiefe, fast horizontale Stichkanal auf der linken Bauchseite des Opfers nicht erklären, war das Gericht überzeugt, das in dieser Frage kaum auf Zeugenschilderungen zurückgreifen konnte. Nur ein Beteiligter, der den Angeklagten vor dem heranstürmenden H. gewarnt hatte, konnte die Kollision der beiden aus einiger Entfernung beobachten: E. habe sich nach rechts zu Henner H. umgewandt, hatte der Zeuge für das Gericht glaubwürdig geschildert. Als Rechtshänder hätte E. dem Getöteten jedoch frontal gegenüberstehen müssen, um die Verletzung herbeizuführen – ein fast komplett durchstoßener Rumpf, wie Brommann betonte. Das Gericht geht von einer bewussten Handlung aus. Auch wegen der zweiten elf Zentimeter tiefen Stichwunde am Oberarm des Opfers vom Ellenbogen zur Schulter: „Niemand kann sich vorstellen, dass Henner H. zwei Mal in das Messer gelaufen sein soll.“

Dass der Angeklagte doch eine Erinnerung an die Stiche habe, beweise ein Chat, den E. nach der Tat mit dem Freund führte, dem zuvor die Drogen geklaut worden waren: „Ich habe Henner angepiekst“, schrieb E. seinem Kumpel, der zuvor berichtet, Henner sei „abgestochen“ worden. E. antwortet auch: „Ich habe das nur für dich getan, Bro.“ Nur Geprahle, wie die Verteidigung argumentiert? „Abgestochen“ – das sei etwas völlig anderes als „pieken“, erklärte Richter Brommann. Spätestens jetzt hätte E. wissen müssen, dass etwas Gravierendes passiert sein musste. Zumal E. vor seiner Flucht vom Tatort noch gesehen habe, wie Henner H. zusammengebrochen sei.

Zwar glaube die Kammer, dass E. die Tat bereut, in der Nacht des 1. Mai jedoch sei es ihm zumindest egal gewesen. Es müsse E. klar gewesen sein, dass ein derart tiefer Stich in den Bauchraum mit lebenswichtigen Organen und Blutgefäßen tödlich enden kann, so Brommann. „Er hat es billigend in Kauf genommen.“ Das sei ein bedingter Tötungsvorsatz. Acht Jahre Haft hält das Gericht für angemessen – E. ist bisher nicht vorbestraft, die Initiative für das Treffen ging von der Gruppe des Getöteten aus. Allerdings sei der abgelegene Ort am Schulzentrum auf Betreiben des Angeklagten gewählt worden. Und es war E., der das Zierschwert mitgenommen hatte – gegen Bedenken seiner eigenen Gruppe.

Mit acht Jahren Haft blieb das Gericht unter dem Strafantrag von zehn Jahren und elf Monaten von Staatsanwalt Timo Beck. Er sei aber zufrieden, dass das Gericht auf Totschlag entschieden habe.
Für den Nebenkläger und Vater des Opfers, Gerhard H., ist das Urteil zu milde. Der hatte die „Höchststrafe“ von 15 Jahren Haft gefordert. Denn: „Mein Sohn ist tot. Ich habe lebenslänglich.“

Von Nadine Materne