Ärzte in Segeberg starten mit dem Impfen: Wer darf auf Termin hoffen?
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Segeberg Segeberger starten nach Ostern mit dem Impfen: Wer darf auf einen Termin hoffen?
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Ärzte in Segeberg starten mit dem Impfen: Wer darf auf Termin hoffen?

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20:00 27.03.2021
Dr. Michael Emken demonstriert im Ärztehaus am Kurpark mit der medizinischen Fachangestellten Ann-Catrin Weinberg wie eine Impfung in der Praxis ablaufen würde.
Dr. Michael Emken demonstriert im Ärztehaus am Kurpark mit der medizinischen Fachangestellten Ann-Catrin Weinberg wie eine Impfung in der Praxis ablaufen würde. Quelle: Lutz Roeßler
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Bad Segeberg

Nach Ostern geht es los. Vom 6. April an dürfen auch die Segeberger Hausärzte ihre Patienten gegen Corona impfen. Noch ist der Kühlschrank für den Corona-Impfstoff im Ärztehaus am Kurpark aber leer. Und wenn die Impfdosen die Arztpraxen im Kreis erreichen, bedeutet das nicht, dass sich jeder Patient dort impfen lassen kann, selbst dann nicht, wenn er zu den Priorisierungsgruppen 1 und 2 gehört, die derzeit geimpft werden dürfen. Die Arztpraxen sollen voraussichtlich nur etwa 20 Impfdosen pro Woche bekommen. „Jeder Arzt hier in der Praxis sieht allein an einem Tag 50 bis 60 Patienten, wir haben ein paar Tausend Patienten in der Kartei. Da sind die Impfdosen schnell weg“, erklärt der Bad Segeberger Hausarzt Dr. Michael Emken aus dem Ärztehaus am Kurpark. Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) habe daher die Ärzte aufgefordert, die Patienten, die gut zu Fuß sind, zu den Impfzentren zu schicken, weil diese mit hoher Priorität mit Impfstoff versorgt würden.

Hausärzte entscheiden selbst

Die Hausärzte hingegen müssen sich genau überlegen, wem sie ihre wenigen Impfdosen zukommen lassen. „Wir werden wohl innerhalb der Priorisierungsgruppen eine gewisse Freiheit haben, die Patienten auszuwählen“, sagt Emken. Für ihn ist relativ klar, wen er impfen wird. „Es gibt Patienten, die zuhause gepflegt werden. Sie wurden von den mobilen Impfteams, die in die Seniorenheime gefahren sind, nicht erreicht. Sie sind aber auch nicht so mobil, dass sie in die Impfzentren können. Diese Randgruppe ist bisher nicht richtig erfasst und auf die würde ich mich erstmal konzentrieren.“

Deswegen bittet auch die KVSH alle Patienten eindringlich darum, gar nicht erst nach einem Impftermin beim Hausarzt zu fragen. „Wir befürchten, dass nachher alle Patienten anrufen und die Telefonsysteme in den Praxen überlastet sind“, sagt Nikolaus Schmidt, Sprecher der KVSH. Er appelliert: „Rufen sie nicht alle an, der Arzt wird wissen, wer als erstes dran ist und die Patienten von sich aus ansprechen. Es hat keinen Sinn, wenn zig Leute da einen Termin machen wollen, 20 Impfdosen pro Woche sind ja nicht viel.“

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Zuerst Biontech, dann Astrazeneca

Bei der Frage, welcher Impfstoff in den Arztpraxen zu haben sein wird, schien die Antwort bis vor wenigen Tagen noch eindeutig. „Astrazeneca war von Anfang an klar, der von Johnson & Johnson soll auch geeignet sein, der ist aber gerade erst zugelassen worden.“ Der Biontech-Impfstoff sei schwierig vom Handling her. „Wenn der Impfstoff aufgetaut ist, muss er innerhalb von fünf Tagen verimpft werden. Das lässt sich im Impfzentrum besser planen“, sagt Hausarzt Emken. Trotzdem werden er und seine Kolleginnen und Kollegen wohl erstmal mit dem Biontech-Impfstoff starten. „Es gibt die ganz aktuelle Neuigkeit, dass die Praxen doch erstmal den Impfstoff von Biontech/Pfizer bekommen, weil Astrazeneca die Liefermengen reduziert hat. Später soll dann aber mehr Astrazeneca in den Praxen verimpft werden“, erklärt KVSH-Sprecher Schmidt auf LN-Anfrage.

Verunsicherung bei Patienten

Bei den neuartigen Corona-Impfstoffen und speziellbei dem Wirkstoff von Astrazeneca ist nach dessen zwischenzeitlicher Aussetzung viel Verunsicherung bei den Segebergern zu spüren. „Das Impfen ist generell bei uns in der Praxis das Hauptthema. Man könnte eher schauen, welcher Patient nicht danach fragt. Es ist ja auch klar, dass es die Menschen beschäftigt“, sagt Emken. Der Mediziner hat eine eindeutige Botschaft für seine Patienten: „Ich rate dringend zu der Impfung, sie ist die einzige Möglichkeit, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Und ich habe selbst auch Astrazeneca bekommen und hatte keinerlei Nebenwirkungen.“

Die sehr wenigen Thrombose-Fälle, die aufgetreten seien, müsse man immer im Verhältnis zu der Masse an Menschen sehen, die einen Schutz bekommen. „Die Zahl derjenigen, die sterben würden, weil nicht geimpft wird, ist in jedem Fall höher, als die Zahl derjenigen, die Komplikationen erleiden.“ Trotzdem ist die Sorge der Menschen auch in den Impfzentren zu spüren. Nikolaus Schmidt: „Nach dem Aussetzen von Astrazeneca haben wir gemerkt, dass der Beratungsbedarf in den Impfzentren jetzt größer ist, weil die Leute verunsichert sind.“

Hausärzte sollen Vertrauen zurückbringen

Gerade diese Verunsicherung bei den Patienten ist für Emken aber auch das Argument, warum die Hausärzte jetzt dringend und auch möglichst bald mit mehr als den vorgesehenen 20 Impfdosen eingebunden werden sollten. „Viele Menschen möchten nicht von einem unbekannten Mitarbeiter in einem Impfzentrum geimpft werden. Sie möchten von ihrem Hausarzt hören, welche Risiken sie haben. Sie wollen das vertraute Gesicht, die vertraute Umgebung.“ Emken ist sich sicher: Die Einbindung der Hausärzte wird die Akzeptanz der Impfstoffe erhöhen und dazu führen, dass sich noch deutlich mehr Menschen impfen lassen werden.

Darauf setzt auch die KVSH: „Wir sind froh, dass es jetzt losgeht. Viele Menschen empfinden die Impfzentren als anonym. Wenn der Impfstoff in die Praxen kommt, wird das Vertrauen steigen, weil jeder dann ja auch mit seinem Arzt über seine individuelle Krankengeschichte sprechen kann“, sagt Schmidt, der auch die Hoffnung hat, dass das Impftempo bald gesteigert werden kann. „Ab Mitte April sollen ja deutlich mehr Impfdosen kommen, darauf setzen wir alle.“

Von Sven Wehde