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Segeberg Als sich die Nazis in Bad Segeberg formierten
Lokales Segeberg Als sich die Nazis in Bad Segeberg formierten
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18:42 17.09.2019
Die Geschäftsstelle der NSDAP Partei in der Kurhausstraße mit Otto Gubitz im Eingang . Quelle: Kalkbergarchiv
Bad Segeberg

Vor 90 Jahren, am 27. August 1929, gründete sich eine NSDAP-Ortsgruppe in Bad Segeberg. Gleich nach einer Versammlung im Hotel Germania, auf der die Nazi-Größe Josef Wagner sprach, formierten sich die Nazis in der Kleinstadt. Die Gründung einer Ortsgruppe wurde beschlossen, Bad Segeberger unterschrieben Beitrittserklärungen. Keine Formsache: „Mit der NSDAP kam eine neue Form der Gewalt in die Stadt, die sich auf politisch Andersdenkende erstreckte“, berichtet Axel Winkler, Geschichtslehrer und Heimatchronist in Bad Segeberg, der auf dieses für die Stadt wichtige Datum hinweist.

Nazipartei-Gründung in Bad Segeberg vor 90 Jahren Quelle: Kalkbergarchiv

Zu der öffentlichen Versammlung war schon damals ausdrücklich Juden der Zutritt verboten worden. Die Veranstaltung sei „bahnbrechend“ für die Nationalsozialisten in Bad Segeberg gewesen, sagt Winkler. So begann die Verunglimpfung, die Verfolgung und Vernichtung von Juden und Andersdenkenden auch in Segeberg. Drei Jahre später kam Hitler an die Macht. Fast auf den Tag zehn Jahre nach der Gründung der NS-Partei in Bad Segeberg begann dieser mit dem Überfall auf Polen im September 1939 den Zweiten Weltkrieg. Aber schon am 27. August 1929 war hier in Bad Segeberg der Beginn eines Kampfes um die politische Macht, der immer brutalere Formen annahm, berichtet Winkler.

Überfall auf die SPD-Anhänger

Der schlimmste Vorfall ereignete sich im Februar 1932 in Quaal. Auch in der Chronik der Sozialdemokraten wird darüber berichtet: Im Quaaler Gasthaus tagte an einem Sonnabend die kleine Ortsgruppe des Reichsbanners der SPD. „Gegen Mitternacht fuhren mehrere Autos mit 30 bis 40 SS-und SA-Männern dorthin, darunter Ortsgruppenleiter Otto Gubitz, drangen ins Lokal ein und begannen eine Massenschlägerei, zum Teil mit Waffen, wie Eisenstangen“, berichtet Winkler. Nach 15 Minuten kamen die Landjäger und beendeten den Überfall.

Vier Reichsbanner waren verletzt, zwei davon kamen ins Krankenhaus nach Segeberg. Der Tischler Richard Möller kämpfte nach einem mehrfachen Schädelbruch tagelang um sein Leben. NSDAP-Ortsgruppenleiter Gubitz, selbst Täter, gibt in seinem Tagebuch zu, dass Möller ein Leben lang halbseitig gelähmt blieb. Der Schläger der Nazis wurde nie identifiziert. Er wurde gedeckt, ist sich Heimatchronist Winkler sicher.

Nazis-Größe Josef Wagner in Bad Segeberg vor 90 Jahren. Quelle: PRIVAT

Es begann vor 90 Jahren mit Nazi-Propaganda . „Die große politische Pleite“ lautete der Titel im Germania Hotel. Referent war Josef Wagner, Gauleiter aus Westfalen und einer der ersten zwölf Reichstagsabgeordneten der NSDAP, damals ein Mann aus der ersten Reihe der Partei. Seine Partei werde „unerbittlich danach streben, die Macht im Staat in die Hand zu bekommen“, rief er den Segebergern zu. Der spätere fanatische NS-Kreisleiter Stiehr sei hier auf der Versammlung gewonnen worden, berichtete Peter Heinacher über die Anfänge des Nationalsozialismus im Kreis. Wagner selbst sei Anfang der 1940er Jahre in Ungnade gefallen, wurde entmachtet und am 3. Mai 1945 wahrscheinlich von der Gestapo in Berlin erschossen, berichtete Winkler den LN.

Die NSDAP fand schon vor 90 Jahren überall großen Widerhall, obwohl sie politisch anfangs nur ein Winzling war. Doch weit vor Hitlers Machtübernahme besaß sie schon eine führende Präsenz in den Zeitungen. Dazu kam der Rückhalt in großen Teilen der damals noch sehr einflussreichen Kirche. In Kaltenkirchen wurden schon 1927 mit Ernst Szymanowski und Thies zwei Pastoren in der Michaeliskirche extreme Anhänger dieser menschenverachtenden Ideologie.

Kirchliche Fahnenweihe auf der Bad Segeberger Rennkoppel 1931. Quelle: Kalkbergarchiv

Schon frühzeitig praktizierte der Kaltenkirchener Pastor Szymanowski in Großveranstaltungen Fahnenweihen. Hierbei wurden biblische Texte in die Enthüllung und Weihung einer Hakenkreuzfahne eingeflochten. So etwas passierte 1931 durch Szymanowski zum Beispiel in Leezen und Schlamersdorf.

So wurde Segeberg zur braunen Hochburg

Bad Segebergzählte anfangs nicht zu den Hochburgen der Nazis: Bis Ende 1928 hatten sich über 130 Ortsgruppen in der NSDAP Schleswig-Holstein gegründet, aber keine im Kreis Segeberg. Vom Kreis Steinburg aus kam die Bewegung von Westen in das Segeberger Gebiet. Bei der Landtagswahl am 17. November 1929 gaben im Kreis Segeberg 9,8 Prozent der Wähler ihre Stimmen der NSDAP. Es war eine beträchtliche Steigerung gegenüber der Reichstagswahl von 1928 (1,8 Prozent).

Mit immer größerem Erfolg setzte die NSDAP nun im Kreisgebiet ihre Propaganda fort. Maßgebend war hier vor allem der spätere Kreisleiter Stiehr, der als Getreidekaufmann Kontakte zu den Landwirten hatte und für die NSDAP die Werbetrommel rührte. Im Mai 1930, also vier Monate vor der Reichstagswahl, wurde Stiehr zum kommissarischen, am 1.9.1930 zum hauptamtlichen Kreisleiter ernannt, während die Leitung der Ortsgruppe Bad Segeberg von Otto Gubitz übernommen wurde. Stiehr warb nun im gesamten Kreisgebiet um Wehrführer, Schützenkönige, Meierei- und Mühlenbesitzer, Lehrer, also um Persönlichkeiten, die in dem jeweiligen Ort und in der Umgebung bekannt waren, berichtete 1976 Peter Heinacher („Die Anfänge des Nationalsozialismus im Kreis Segeberg“).

Bei der Reichstagswahlam 14. September 1930 kam die NSDAP so im Kreis Segeberg auf 40,6 Prozent der Stimmen. Zum Vergleich: Im gesamten Deutschen Reich waren es nur 18,3 Prozent und 24 Prozent in Schleswig-Holstein. Schleswig-Holstein hatte so den höchsten NSDAP-Anteil aller deutschen Provinzen.

Aber auch auf der Bad Segeberger Rennkoppel kam es im März 1931 zu einer solchen Veranstaltung, die aber von dem Schlamersdorfer Pastor Rissen vorgenommen wurde. Szymanowsky wurde im November 1933 sogar zum Propst in Segeberg ernannt. Er vertrieb Pastor Kolding nach Preetz, der zu den bibeltreuen Christen gehörte, die sich von den Nazis distanzierten, berichtet Heimatforscher Winkler.

In Bad Segeberg fanden sich schnell viele Anhänger: Bücherverbrennung durch die Nazis 1933 auf dem Bad Segeberger Marktplatz. Quelle: Kalkbergarchiv

Für die Nazis waren im Segeberger Raum vor allem jungen Mitglieder (viele unter 30 Jahre alt) extrem aktiv, hat Winkler recherchiert. Neben ihrer Arbeit seien sie fast jeden Abend unterwegs in Versammlungen und Veranstaltungen gewesen, um ihre Botschaft in „Deutschen Abenden“, Tanzvergnügen, Zeltlagern in die Bevölkerung zu tragen. Dabei seien sie nicht nur in Bad Segeberg, sondern genauso in den umliegenden Dörfern präsent gewesen. Keine andere Partei habe damals nur ansatzweise die Dichte und Öffentlichkeit wie die NSDAP erreicht, kommt Chronist Winkler zu dem Schluss. Eine unheilvolle Entwicklung.

Von Wolfgang Glombik

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