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Segeberg Große Erwartungen an den Bund
Lokales Segeberg Große Erwartungen an den Bund
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18:06 28.02.2019
Diskussion über die Zukunft der Pflege in Deutschland mit Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, Landesverein für Innere Mission in Rickling Quelle: Oliver Vogt
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Rickling

Bei allen Herausforderungen, die dieses Land derzeit hat, ist die Entwicklung der Pflege wohl eines der größten. Immer mehr Alte und Pflegebedürftige treffen auf zunehmend personell ausgedünnte Einrichtungen, steigende Kosten auf immer weniger Beitragszahler. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Lösung des Notstands jetzt immerhin nach ganz oben auf seine Agenda gesetzt. Sein Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, Pflegebeauftragter der Bundesregierung und selbst ausgebildeter Krankenpfleger, versuchte den Fachleuten am Mittwoch beim Landesverein für Innere Mission in Rickling zu erklären, welche Schritten Berlin jetzt und in Zukunft unternehmen möchte.

Andreas Westerfellhaus, Pflegebeauftragter der Bundesregierung. Quelle: Oliver Vogt

13 000 neue Stellen in der Altenpflege, von den Kassen finanziert, hatte Spahns Ministerium bereits im vergangenen Jahr beschlossen. Der Landesverein will laut Geschäftsführer Claus von See 14 davon abfordern. „Dass das nur ein erster Schritt sein kann, das ist aber allen Beteiligten bewusst“, stellte Staatssekretär Westerfellhaus klar. Das Sofortprogramm ändere auch erstmal nichts am grundsätzlichen Problem, dass es der Arbeitsmarkt in der Pflege inzwischen nahezu leer gefegt ist. Auf 100 freie Stellen in der Langzeitpflege kommen derzeit nur 25 arbeitslose Fachkräfte, Tendenz sinkend. Wegen der vielerorts schlechten Arbeitsbedingungen, der angespannten Personaldecke und daraus resultierender Überforderung, kehrten immer mehr Menschen der Branche den Rücken. „Was wir mittlerweile erleben, ist ein regelrechter Pflegekraft-Exodus.“

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Der Bund will dieses Potenzial aber nicht verloren geben, „denn 48 Prozent dieser Kräfte sind einer Umfrage zufolge bereit, bei entsprechend verbesserter Situation in ihren Beruf zurückzukehren“, erklärte Westerfellhaus. An der Zahl wären das derzeit rund 120 000 Personen. Nur müssten sich die Bedingungen dann eben auch verbessern. Gelingen soll das in einer „konzertierten Aktion“, die der Staatssekretär für den Sommer ankündigte. Fünf Arbeitsgruppen aus Akteuren der Pflege sollen Ideen für nachhaltige Verbesserungen entwickeln – unter anderem für Personalmanagement, Arbeitsschutz, Gesundheitsförderung, Digitalisierung oder für die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland. Da die Erwartungen der Pflegenden an die Aktion gewaltig seien, „ist jetzt wichtig, dass wir im Sommer spürbare und verbindliche Maßnahmen auf den Weg bringen“. Ansätze gebe es bereits. So experimentiere eine Klinik in Schleswig-Holstein in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium jetzt mit einem Arbeitszeitmodell, bei dem sich immer drei Arbeitstage mit drei freien Tagen abwechselten.

Eine wichtige Säule sei natürlich auch die Ausbildung. Westerfellhaus versprach, dass mit der „Ausbildungsoffensive Pflege“ in den kommenden fünf Jahren zehn Prozent mehr Auszubildende in der Pflege gewonnen werden. Begleitet werden soll das von einer groß angelegten Werbekampagne. Es müsse sich ein „neues Selbstbewusstsein“ der Pflege herausbilden. Pflegekräfte seien keineswegs mehr „Handlanger anderer Professionen“, sondern können auf Augenhöhe mit allen Gesundheitsberufen stehen. Wobei die „Generalistik“, also die fachübergreifende Ausbildung von Pflegekräften, wie sie beim Landesverein bereits praktiziert wird, dafür ein wesentlicher Baustein sei. Andere seien Wertschätzung, attraktive Vergütungsregeln und vor allem die Möglichkeit, im Beruf aufzusteigen.

Eine Forderung, die sich vor allem auch an die Arbeitgeber richtet. Und da täten sich insbesondere kleine und mittlere Einrichtungen in der Pflege oft schwer, gewisse Standards zu wahren. Westerfellhaus verwies deshalb auf das von ihm im Januar gestartete „Projekt zur Umsetzung guter Arbeitsbedinungen in der Pflege“, bei dem kleinere Einrichtungen unterstützt werden, durch gezielte Schulungen verbesserte Arbeitsbedingungen zu etablieren.

Bei Landesverein in Rickling sei es bisher gelungen, sich dem Personalmangel erfolgreich entgegen zu stemmen, betonte Geschäftsführer Claus von See. Von den insgesamt 2900 Mitarbeitern des Landesvereins, seien 1300 in der Pflege tätig. 199 befinden sich in Ausbildung, was einer Quote von 9,6 Prozent entspreche. Der überwiegende Teil der Azubis – 164 – arbeite im Pflegebereich.

Oliver Vogt