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Segeberg Tötungsdelikt in Bad Segeberg: „Ich habe nur mein Leben verteidigt“
Lokales Segeberg Tötungsdelikt in Bad Segeberg: „Ich habe nur mein Leben verteidigt“
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11:52 26.07.2019
Totschlags-Prozess in Kiel: Der Angeklagte neben Verteidiger Matthias Schwarz. Quelle: Irene Burow
Kiel/Bad Segeberg

„Ich hab richtig Angst gehabt, weil ich nicht wusste, was er hat.“ Beim Prozessauftakt wegen Totschlags im Bad Segeberger Jürgensweg am 29. Oktober hat der Angeklagte umfassend ausgesagt. Demnach habe ihn das Opfer nach einer verbalen Auseinandersetzung grundlos mit einer Machete auf Kopfhöhe angegriffen. „Mit der rechten Hand konnte ich die Klinge abhalten“, sagte der gebürtige Lübecker. Aus Panik habe er ihn mehrfach weggetreten.

„Er kümmerte sich nicht um Rettung“

Tim K. (Name geändert) muss sich wegen Totschlags verantworten. Zudem soll er dem Toten die Geldbörse weggenommen haben. Laut Anklage sollen die beiden Männer, die sich kannten, am Abend des 29. Oktobers in der Wohnung des Opfers in Streit geraten sein.

„Er schlug mit großer Brutalität auf seinen ihm unterlegenen Kontrahenten ein“, heißt es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Das Opfer habe erhebliche Verletzungen an Hals, Brust und Kopf davongetragen. „Zu diesem Zeitpunkt war ihm bereits bewusst, dass er ihn töten könnte, was er auch wollte. Obwohl er im Sterben lag, kümmerte er sich nicht um Rettung.“

Staatsanwaltschaft: Opfer ist erstickt

Laut Staatsanwaltschaft sind beim Opfer ein gebrochener Zungenbein-Kamm, zahlreiche Rippenbrüche sowie Risse in Leber und Milz festgestellt worden. Der Mann sei letztendlich erstickt, aufgrund eines Thoraxtraumas – zugeführt mit einem stumpfen Gegenstand.

Warum es zu dem Streit kam, konnte der Angeklagte nicht recht erklären. „Ich kann es selber nicht verstehen“, behauptete der 37-Jährige, der ohne festen Wohnsitz lebt. Er habe auf einen Therapieplatz gewartet. „Ich traf ihn in Bad Segeberg wieder und durfte bei ihm wohnen. Eigentlich war alles in Ordnung. Wir hatten kein Geld, haben gekifft und Speed gezogen.“

Das Verhalten seines Freundes beschrieb er als merkwürdig. „Er hat mit Menschen geredet, die nicht da sind. Ich bin ja schon wie ein Kind, quasi. Aber er tat mir einfach nur leid.“

Alkohol und Drogen im Spiel

Am Tattag floss reichlich Alkohol. Beide nahmen Ecstasy. Er selbst habe etwa eine Flasche 40-Prozentigen getrunken. In der Nachbarschaft wollten beide Männer Drogen besorgen. K. habe seinem Bekannten Geld gegeben, dieser sei jedoch unverrichteter Dinge wiedergekommen. Voller Wut: „Er hat geschimpft, geschrien und sich aufgeregt. Er war richtig sauer.“

„Willst du mich köpfen?“

Tim K. forderte sein Geld zurück, was ihm das Opfer verwehrt – und dann zur Machete gegriffen habe. „Ich sagte: ,Bist du nicht ganz dicht? Willst du mich köpfen?’“ Aus Panik habe er ihn weggetreten. Fünf Mal. „Meine Hände waren zerfetzt.“ Er habe sein Portemonnaie genommen und sei in eine Spielhalle gefahren. „Gespielt und getrunken habe ich. Wie immer.“

Morgens um 5 Uhr wollte er seinen Schlafsack aus der Wohnung im Jürgensweg holen und nur noch weg. Weil niemand die Tür aufmachte, trat er sie ein – und fand den Toten. „Ich war richtig verwirrt. . .geschockt.“ Er sei nicht davon ausgegangen, dass sein Freund tot ist. „Er hat ja noch gelebt, als ich gegangen bin“, so der gebürtige Lübecker. „Ich bin ja kein Mörder.“

Tim K. hat sich anschließend selbst bei der Polizei angezeigt. „Ich habe jemanden totgeschlagen“, sollen seine ersten Worte in der Bad Segeberger Polizeiwache gewesen sein – nach Aussage der diensthabenden Polizistin. Die Adresse konnte er den Beamten damals nicht nennen, nur den Namen seines Freundes.

Ältere Urteile und Berichte als Grundlage

Fast zwei Stunden lang hatte das Gericht versucht, Bruchstücke des Lebenslaufs des Angeklagten zusammenzufügen. An Vieles konnte sich der Mann nicht erinnern. Klinikberichte und frühere Urteile zeichneten ein desolates Bild geprägt von Orientierungslosigkeit und fehlender Struktur.

Wer sein Vater war, weiß er nicht mit Sicherheit. Die Eltern ließen sich scheiden, als er ein Kleinkind war. Seine Kindheit sei von Gewalt geprägt gewesen. Die erste Klasse wiederholte er zwei mal, wechselte noch in der Grundschulzeit auf eine Förderschule.

Im Alter von 13 Jahren konsumierte er regelmäßig Alkohol, mit 17 kamen Drogen dazu. Etwa zeitgleich flog er zu Hause raus. Den Hauptschulabschluss schaffte er nie. Lehrstellen waren nicht von Dauer. Sein Stiefvater starb, noch bevor er volljährig wurde. Da saß er gerade in Jugendhaft.

Etliche Entwöhnungen und Entgiftungen

Bei Suchthilfen und Kliniken ging er ein und aus. Auch das war bislang erfolglos. Dort wurden entsprechend Konsequenzen gezogen – wegen Tablettenmissbrauchs, Rückfällen, Regelverstößen oder finanziellen Unregelmäßigkeiten. Er brach den Kontakt zu Betreuern ab oder haute einfach ab. „Mit den Daten hat es keinen Sinn, das gleichen wir später ab“, sagte Richter Jörg Brommann.

Bei den Erzählungen über sein Leben und zum Tatgeschehen war der Angeklagte wiederholt den Tränen nah. „Es war krass. Ich wollte nur mein Leben verteidigen“, sagte er dem Gericht. „Ihr könnt mich bestrafen so viel ihr wollt. Von mir ist ein guter Freund gestorben.“

Die Verhandlung soll am 26. Juli, 30. Juli und am 1. August fortgesetzt werden. Im Falle einer Verurteilung drohen dem Angeklagten bis zu 15 Jahre Haft.

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