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Segeberg Angeklagter bleibt in der Psychiatrie
Lokales Segeberg Angeklagter bleibt in der Psychiatrie
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21:10 23.07.2018
Gestern Nachmittag, 15 Uhr: Die 1. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Michael Scheck spricht das Urteil gegen den 38-jährigen Wahlstedter. Er muss für unbestimmte Zeit in die Psychiatrie. Quelle: Foto: Vogt
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Kiel/Wahlstedt

Der Angeklagte wirkte nach außen hin ruhig und gefasst, als der Vorsitzende Richter Michael Scheck nach mehr als zweistündiger Beratung mit seinen Beisitzern das Urteil verkündete. Obwohl sich Verteidiger Hans-Jürgen Wolter zuvor in seinem Plädoyer engagiert für eine häusliche Betreuung seines an paranoider Schizophrenie leidenen Mandanten eingesetzt hatte, folgte die Kammer in ihrem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft und der psychiatrischen Gutachterin. Danach kann der Wahlstedter wegen seiner Krankheit zwar nicht der Bedrohung, des Verstoßes gegen das Waffenrecht sowie des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte schuldig gesprochen werden. Für unbestimmte Dauer wird die Behandlung und Betreuung in der geschlossenen forensischen Psychiatrie in Neustadt jedoch fortgesetzt. Ein Schock vor allem für die Eltern des Angeklagten, die darauf gehofft hatten, ihren Sohn wieder nach Hause holen zu können.

Maßgeblich zu dem Urteil beigetragen haben dürfte vor allem die Neigung des jungen Mannes, seine Taten und seine persönliche Situation vollkommen zu verkennen. Beispielhaft dafür ist ein Zwischenfall aus dem Jahr 2003: Die Polizei hatte den verwirrten Mann damals in Lübeck aufgegriffen, nachdem er sich wegen eines Zwischenfalls in der Familie von seinem Zuhause entfernt hatte. Nach seiner Erinnerung sei er damals von zwei Beamten wieder „eingefangen“ worden, wie er es ausdrückte. Gewehrt habe er sich aber nicht. Aus dem Bericht der Polizeibeamten geht jedoch hervor, dass der damals 23-Jährige sich mit Händen und Füßen wehrte, sogar zwei zusätzliche Polizisten angefordert werden mussten, um mit ihm fertig zu werden.

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Auch den Zwischenfall an Silvester, der fünf scharfe Schüsse aus Polizeiwaffen – drei trafen – auf ihn provozierte, hatte er während seiner Vernehmung kleingeredet. Auf ihn sei nicht geschossen worden, weil er zuerst auf die Beamten feuerte, sondern nachdem er sich bereits ergeben hatte und man ihm Handschellen anlegen wollte, so seine Behauptung. Die Aussagen der beteiligten Polizisten als auch das Gutachten der Spurensicherung widersprachen dieser Version jedoch eindeutig.

Ursache für diese und weitere Vorfälle zwischen ihm und der Polizei in der Vergangenheit (die LN berichteten) sei eine in ihm tief verwurzelte Angst „von der Polizei zu Unrecht verfolgt und angegriffen zu werden“, führte Richter Scheck in der Urteilsbegründung aus. Dass er sich dagegen gewehrt und verteidigt habe, könne ihm wegen seiner Erkrankung zwar nicht zum Vorwurf gemacht werden.

Allerdings seien ähnliche Ereignisse in Zukunft zu befürchten. Erschwerend hinzu komme die fehlende Einsichtsfähigkeit des Angeklagten. „Sie reden sich ein, dass alles nicht so schlimm ist“, sagte der Richter an ihn gewandt. So habe der 38-Jährige Medikamententherapien in der Vergangenheit immer wieder abgebrochen, seine schwere psychische Erkrankung während der Verhandlung als „Depressionen“

verharmlost. Leider hätten auch die Eltern den Ernst der Krankheit verkannt und die Behandlung ihres Sohnes nicht mit der Stringenz eingefordert, die notwendig gewesen sei.

Für die Kammer kam eine Unterbringung im Haus seiner Eltern auch mit einem gesetzlichen Betreuer nicht in Betracht. „Uns ist bewusst, dass es eine sehr schwere Entscheidung ist“, so der Richter weiter. Allerdings müsse auch die Gesellschaft vor den Gefahren, die vom Angeklagten in Zukunft ausgehen könnten, geschützt werden. Ein Betreuer könne das nicht gewährleisten. Für das Gericht besteht aber die Hoffnung, „dass eine medikamentöse Behandlung erfolgreich ist und die Beschränkungen in der Klinik nach einiger Zeit gelockert werden können und er später sogar in eine Wohngruppe umziehen kann“.

Verteidiger Hans-Jürgen Wolter nannte den Richterspruch gegenüber den LN „erwartbar“. Die Chancen, das Urteil anzufechten, stuft der Rechtsanwalt als gering ein. Jedoch müsse die Strafvollzugsbehörde in jährlichem Turnus die Notwendigkeit einer geschlossenen Unterbringung überprüfen. Angesichts des guten und ruhigen Verhaltens seines Mandanten in der Klinik habe er keinen Zweifel daran, dass die Bedingungen der Unterbringung schon bald gelockert werden könnten.

Von Oliver Vogt

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