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Segeberg Geschäftemacherei? Armutsforscher kritisiert Tafel-Sammelbox in Bad Segeberg
Lokales Segeberg Geschäftemacherei? Armutsforscher kritisiert Tafel-Sammelbox in Bad Segeberg
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11:06 10.10.2019
Beim Projektstart: Bernd Jorkisch (Tafelstiftung), Cornelia Möller (Tafelstiftung), Hans-Joachim Wild (Segeberger Tafel) und Wolfgang Burmeister (Edeka, v. l.). Quelle: Heike Hiltrop
Bad Segeberg

Die Sammelbox bei Edeka Burmeister in Bad Segeberg läuft gut: Jeder Kunde, der möchte, kann eine Lebensmittelspende hineinpacken. So schenkt er beim Einkauf den Kunden der Segeberger Tafel etwas mit. Nudeln, Mehl, Zucker, Öl – erbeten werden die Dinge, die lange haltbar sind. „Die Box ist bisher sehr überzeugend“, zieht Tafelchef Hans-Joachim Wild ein positives Zwischenfazit. Er macht deutlich, dass das Pilotprojekt in Schleswig-Holstein und Hamburg Schule machen könnte.

Stiftung würde Sammelboxen für 59 Tafeln spendieren

Ende Oktober soll Bilanz gezogen werden. „Wir sind bereit, den Tafeln das nötige Equipment als Spende zur Verfügung zu stellen“, sagt Bernd Jorkisch. Er ist Vorsitzender der Tafelstiftung Schleswig-Holstein und Hamburg. Sie würde, wenn es am 5. November zu einer Entscheidung kommt, alle 59 Tafeln mit jeweils einer Sammelbox ausstatten. „Wenn sie es denn wollen“, ergänzt Wild. Kostenpunkt: über 20 000 Euro.

Armutsforscher: Geld statt Almosen

Kritiker bezweifeln jedoch, dass das der richtige Weg zur Armutsbekämpfung ist. Der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge betont, dass es wichtig sei, dass Menschen genug Lebensmittel haben: „Aber das Medium, in dem Menschen in unserer hoch entwickelten Gesellschaft karitative Hilfe benötigen, ist eigentlich Geld. Das Grundgesetz sieht keine Almosen-Empfänger vor, sondern kennt nur Sozialstaatsbürger mit Rechtsansprüchen.“

Armutsforscher Christoph Butterwegge kritisiert die Tafel-Sammelbox im Supermarkt Quelle: Guido Schiefer/epd

Kritiker sehen Geschäftemacherei mit der Not

Butterwegge kritisiert zudem, dass das Handeln eines Supermarktes in einem solchen Spendensystem nicht selbstlos sei. Dieser bekomme die von seinen Kunden gespendeten Lebensmittel schließlich bezahlt. „Ich bin mir sicher, Supermarkt und Tafel handeln hier in gutem Glauben. Trotzdem ist dies Geschäftemacherei mit der Not der Menschen“, sagt der Wissenschaftler. Und fügt hinzu: Es sei nicht die Aufgabe von Supermarktkunden, dazu beizutragen, dass arme Menschen etwas zu essen bekommen. „Das ist eine Verschiebung der Verantwortlichkeiten.“

Befürworter loben Spendenbereitschaft

„Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wo das Geldmacherei sein soll“, sagt Wolfgang Burmeister, Chef des Edeka-Marktes in Christiansfelde, der die Kritik nicht nachvollziehen kann. „Es sind gut gemeinte Spenden, die von meinen Kunden an die Tafel gegeben werden.“ Er sieht das Pilotprojekt positiv und kontert: „Recht hätte der Armutsforscher, wenn er sagen würde, dass viel zu viel weggeschmissen wird.“

Ohne Supermärkte sähe es düster aus

„Wenn die Supermärkte uns grundsätzlich nichts geben würden, sähe es sowieso zappenduster aus“, weist auch Bad Segebergs Tafelchef Hans-Joachim Wild die Kritik von sich. Er hebt das Engagement der Unterstützer noch einmal hervor. Und: „Wenn wir in der Adventszeit in oder vor den Läden um ein Teil mehr bitten, hat sich bisher auch kein Mensch beschwert.“

In Freiburg schon gelebte Praxis

Was in dem Markt im Bad Segeberger Ortsteil Christiansfelde als norddeutsches Pilotprojekt gestartet ist, das läuft andernorts schon sehr erfolgreich, wie das Beispiel der Freiburger Tafel zeigt. Hier stehen die Sammelboxen für Lebensmittel mal als Aktion, mal dauerhaft bei allen Supermärkten und Discountern. „Zwei Einkaufswagen voller Lebensmittel kommen täglich innerhalb kürzester Zeit zusammen, in der Weihnachtszeit das Sechsfache“, sagt Tanja Ernst, die Mitglied der dortigen Tafel ist und ursprünglich aus Bad Segeberg stammt. 

„Staat kann sich aus der Verantwortung nehmen“

Generell wirft Butterwege den Tafeln vor, dass sie langfristig dazu beitragen würden, ein System zu etablieren, in dem sich der Staat aus der Verantwortung nehmen kann. Selbst wenn Menschen in Armut durch die Lebensmittelspenden erst einmal geholfen werde. „Es kommt heute schon vor, dass Jobcenter-Mitarbeiter Menschen empfehlen: ,Gehen Sie doch zur Tafel.' Das wird umso mehr passieren, je mehr in Supermärkten in den Korb gepackt wird“, sagt der Armutsforscher, der darin eine Verstärkung des Problems sieht.

Mehr Tafelkunden als früher

Auch Tafel-Leiter Hans-Joachim Wild hat den Eindruck, dass es über die Jahre mehr Menschen geworden sind, die sich in Bad Segeberg bei ihm und seinen Mitarbeitern Lebensmittel beschaffen. Es seien mehr junge Menschen, die nicht über die Runden kommen – aber auch „Ältere, die sich das nie hätten träumen lassen“. Doch er kommt zu einem ganz anderen Schluss als Kritiker Butterwegge: „Gerade deswegen ist es wichtig, das Angebot ausbauen zu können.“

Die Segeberger Tafel besteht seit über 20 Jahren. Jetzt ist sie Partner für ein neues Sammelprojekt.

Die Tafeln in Zahlen

61 Tafelngibt es in Schleswig-Holstein und Hamburg, 942 waren es 2018 bundesweit

5000 Ehrenamtlicheengagieren sich für sie in Schleswig-Holstein, schätzt der Landesverband

60 000 Aktivezählte der Bundesverband 2018, nach eigenen Angaben. 90 Prozent davon sind Ehrenamtler.

24 Millionen Arbeitsstundeninvestierten alle Aktiven 2018 bundesweit (Quelle: Tafel Deutschland).

264 000 Tonnen Lebensmittel wurden 2018 bundesweit von den Tafeln verteilt.

1,5 Millionen Bedürftigewerden laut Tafel Deutschland so bundesweit unterstützt.

4 Tafeln gibt es im Kreis Segeberg: Kaltenkirchen, Bad Bramstedt (mit einer weiteren Ausgabestelle in Großenaspe), Norderstedt (die Ausgabe ist vier Tage die Woche geöffnet) und Bad Segeberg (mit Ausgabestelle auch in Wahlstedt).

5000 Männer, Frauen und Kindererreicht allein im Kreis Segeberg die Hilfe der Tafeln. Diese Zahl ist der Durchschnitt, denn es wird immer nur eine Ausgabekarte pro Haushalt vergeben, hinter dem mindestens eine aber mitunter auch fünf oder noch mehr Personen stehen.

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Von Heike Hiltrop

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