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Segeberg Arved Fuchs bricht Polarexpedition ab
Lokales Segeberg Arved Fuchs bricht Polarexpedition ab
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08:54 01.08.2013
Arved Fuchs (Mitte) im eisfreien Hafen von Murmansk auf der Halbinsel Kola mit den russischen Crewmitgliedern Vladimir Melnik (l.) und Slava Melin. Sie alle rätseln, warum die Küstenwacht sie nicht zum Franz-Josef-Land ausreisen lässt.
Arved Fuchs (Mitte) im eisfreien Hafen von Murmansk auf der Halbinsel Kola mit den russischen Crewmitgliedern Vladimir Melnik (l.) und Slava Melin. Sie alle rätseln, warum die Küstenwacht sie nicht zum Franz-Josef-Land ausreisen lässt. Quelle: Fotos: Arved Fuchs Expeditionen/Matthias Berg
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Murmansk

Arved Fuchs (60) und die Crew der „Dagmar Aaen“ haben jetzt endgültig genug von den Schikanen russischer Behörden. Nach zwölf Tagen zermürbenden Wartens im russischen Hafen von Murmansk brechen sie ihre Polarexpedition ab, bevor sie richtig begonnen hat.

Fuchs‘ langjähriger Weggefährte Arne Steenbock spricht unverhohlen von „reiner Willkür“ der russischen Behörden. Obwohl seit langem alle erforderlichen Papiere und Anträge vorgelegt worden seien, verweigerten die Dienststellen in Murmansk dem Expeditionsleiter aus dem Kreis Segeberg und seiner zehnköpfigen Mannschaft die Weiterreise in das 900 Kilometer vom Nordpol entfernte Franz-Josef-Land.

Dort wollte Fuchs mit seinem alten Segelschiff „Dagmar Aaen“ gemeinsam mit einem Vertreter der Nationalparkverwaltung historische Orte früherer Polarexpeditionen aufsuchen und vor allem klimatische Veränderungen in der russischen Arktis dokumentieren.

„Wir haben alle Genehmigungen vorgelegt. Doch plötzlich hieß es, wir brauchten eine spezielle Erlaubnis, um überhaupt von Murmansk nach Franz-Josef-Land fahren zu dürfen“, berichtet Steenbock. Von diesem Papier habe man vorher nie gehört. Immer wieder hätten „hohe Generäle der Grenzpolizei“ der Crew neue Vorschriften „vor die Füße geworfen“, so der genervte Fuchs-Mitarbeiter, der ständig am Telefon in Bad Bramstedt Krisenmanagement leisten muss. Seit zwölf Tagen schon liegt der alte Haikutter in der hintersten Ecke des Murmansker Kohlehafen fest. „Uns stinkt‘s hier“, hat Arved Fuchs im Bordbuch notiert.

Warum sollten die Behörden die Expedition verhindern wollen? „Keine Ahnung“, so Steenbock. Das habe auch die deutsche Botschaft, die Kontakt zum russischen Verkehrs- und zum Außenministerium habe, nicht ermitteln können. „Die ist auch völlig konsterniert“, so Steenbock. Was könnte die Russen veranlassen, aus dem riesigen Gebiet ein harmloses Forschungsschiff fernzuhalten, eines, das neben sieben Deutschen auch einen Schweizer und zwei Russen an Bord hat? Steenbock: „Keine Ahnung.“ Dass dort Militäranlagen oder andere geheime Einrichtungen seien, wüsste er nicht. „Wir wollen doch nur den Klimawandel dokumentieren; das nur wenig erforschte Franz-Josef-Land ist jetzt schon komplett eisfrei.“ Und gegen das Aufsuchen früherer Expeditionscamps könne man eigentlich auch nichts haben.

Seit 13 Tagen versucht die Crew, endlich Segel gen Arktis setzen zu können. Doch immer wieder hieß es „njet“. Selbst die beiden russischen Crewmitglieder Vladimir Melnik und Slava Melin „sind am Boden zerstört“, kapieren nicht, was mit den Behörden los ist.

Nun wird die Zeit knapp: Um kein Risiko einzugehen und weil man jetzt nicht fahren darf, blies Fuchs das Vorhaben ab. Wer weiß, wie lange man „in diesen nördlichen Regionen überhaupt“ noch durchkomme. Steenbock: „Die russischen Behörden haben unsere Pläne vernichtet.“ Offiziell fehle der Expedition eine „Genehmigung für das Befahren internationaler Gewässer“, obwohl weltweit in solchen Gebieten freie Fahrt bestehe. Fuchs solle nun Papiere vorweisen, „ohne dass man sagt, wer solche Dokumente überhaupt ausstellt“, sagt Steenbock, in dessen Büro seit Tagen die Telefonleitungen glühen.

Bös erwischt von den unerklärlichen Forderungen der Küstenwacht wurde auch ein Engländer, der die Nord-Ost-Passage entlang Sibirien segeln wollte. Auch der dürfe nicht fahren — „und der ist ganz auf sich allein gestellt, der hat keinerlei Kontakte“. Arved Fuchs will nun nach Spitzbergen segeln. Ein Problem: „Auch dafür brauchen wir Genehmigungen, allerdings der Norweger.“ Gestern waren die noch nicht da, dennoch ist die „Dagmar Aaen“ ausgelaufen, zeigt Murmansk das Heck. Steenbock ist Optimist: „Wird schon werden mit den Genehmigungen der Norweger . . .“

Eisfreie Zufahrt nur in einigen Sommerwochen
Das Franz-Josef-Land ist eine Inselgruppe im Nordpolarmeer nördlich der Insel Nowaja Semlja und östlich Spitzbergens. Benannt wurde sie nach Österreich-Ungarns Monarchen Franz Joseph I. Auf Franz-Josef-Land scheint vom 10. April bis 5. September die Sonne, die aber nie sehr hoch steigt. Die Zufahrt ist nur wenige Sommerwochen (und nicht in jedem Jahr) eisfrei.
Landexpeditionen sind in der Regel nicht erlaubt. Die Gesamtfläche der knapp 200 Inseln beträgt 16 000 Quadratkilometer, das entspricht der Größe Thüringens.

Christian Spreer