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Segeberg Lange Wartezeiten und explodierende Kosten für neu Feuerwehrautos
Lokales Segeberg Lange Wartezeiten und explodierende Kosten für neu Feuerwehrautos
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09:00 22.09.2019
Der alte Rüstwagen der Bad Segeberger Feuerwehr, Baujahr 1989, soll dringend ersetzt werden. Quelle: Feuerwehr Bad Segeberg
Bad Segeberg

Der Spruch „Schnell wie die Feuerwehr“ gilt hier gar nichts. Denn wer heute ein Feuerwehrfahrzeug bei einem Anbieter bestellt, muss mit Wartezeiten von eineinhalb bis über zwei Jahre rechnen. Die Hersteller können sich quasi ihre bettelnde Kundschaft aussuchen. Kein Wunder, dass da die Preise für die knallroten Autos mit Martinshorn geradezu explodieren. Der Markt ist völlig übersättig, stellt auch Bad Segebergs Wehrführer Mark Zielinski fest.

Er steht mächtig unter Druck. Der Rüstwagen der Bad Segeberger Feuerwehr feierte jüngst seinen 30. Geburtstag, muss dringend – auch wenn er noch ganz rüstig aussieht – durch ein modernes Fahrzeug ersetzt werden. Das alte Auto werde immer reparaturanfälliger. Zielinski: „Wir stoßen jetzt an Grenzen.“ Die Stadtvertretung habe ohnehin festgelegt, dass die Fahrzeuge der Bad Segeberger Feuerwehr nicht älter als 25 Jahre alt sein sollen.

Flexibel mit Hebebühne: So oder so ähnlich könnte das neue Fahrzeug der Bad Segeberger Feuerwehr aussehen. Quelle: HFR

Doch im Bad Segeberger Hauptausschuss machten die Politiker jüngst „dicke Backen“. Auf eine Ausschreibung hatte es nur eine ernstzunehmende Bewerbung von einem Anbieter mit Stern gegeben. Ein weiterer Konzern – keine „Klitsche“ – hatte einfach die Ausschreibungsunterlagen missachtet und mit weniger Tonnen und PS irgendetwas angeboten. Die Politiker werteten das als Signal: Wer nicht will, der hat schon.

Feuerwehr entschied sich für günstige Variante

Große Empörung löste aber der Preis des einzigen Bieters aus. 30 Prozent mehr als man eingeplant hatte. Vor wenigen Jahren hatte man noch 265 000 Euro für das neue Fahrzeug kalkuliert. In den vergangenen drei Jahren explodierten die Preise, jetzt muss die Stadt schon bei einem Feuerwehrauto der schlichteren Art 370 000 Euro berappen. Dabei hatten sich Bad Segebergs Blauröcke mit Blick auf das schmale Stadtsäckel schon für eine günstigere Variante entschieden. Denn ein Rüstfahrzeug als Nachfolger-Modell des jetzigen würde 600 000 Euro kosten, sagt Zielinski. Günstiger und auch flexibler sei ein Feuerwehrfahrzeug mit Hebebühne, dass man vor dem Einsatz schnell mit Rollcontainern beladen könne.

Mark Zielinski warnt davor, den Kauf des neuen Feuerwehrfahrzeuges auf die lange Bank zu schieben. Quelle: Petra Dreu

Kein Fahrzeug von der Stange

Doch den Bad Segebergern rennt die Zeit davon, denn die Erbauer der schicken Feuerwehrautos nehmen erst die Schraubschlüssel in die Hand, wenn das rote Auto bestellt ist. Da gibt es nichts von der Stange, wie bei einem normalen Auto, das der Bürger bestellt. Für Bad Segebergs Bürgermeister Dieter Schönfeld macht es trotz der „gravierenden Überschreitung“ keinen Sinn, noch einmal auszuschreiben, weil sich die Auftragslage nicht verändern werde. Das kommunale Beratungsunternehmen Kubus, das Stadt und Feuerwehr bei der hochkomplizierten Materie der Ausschreibung zur Seite steht, hat den Vorschlag gemacht, auf einen Teil des Gesamtvolumens, die Vergabe von Rollcontainern und Hydraulischem Rettungsgerät, vorerst zu verzichten.

„Keine Chance, dass es billiger wird“

Schönfeld: „Das Angebot müssen wir akzeptieren, wenn wir die Einsatzfähigkeit der Feuerwehr nicht infrage stellen wollen.“ Einige Politiker witterten Absprachen von Anbietern. Das habe nichts mehr mit Wettbewerb am Markt zu tun. Norbert Reher (CDU) forderte: „Das ist alles sehr seltsam, wir müssen die Ausschreibung aufheben, wenn wir nur ein Angebot bekommen.“ Dirk Wehrmann (SPD): „Wir haben keine Chance, dass das billiger wird. Das ist ein unglückliche Sache.“ Doch Reher stellte klar: „Ich habe große Probleme damit, das jetzt durchzuwinken.“ Die Stadtvertretung soll nun entscheiden.

Rüstwagen ist der „Werkzeugkasten“ der Feuerwehr

Das Haupteinsatzgebietfür den Rüstwagen der Feuerwehr sind Verkehrsunfälle. Der Geländewagen mit der Rettungsschere trifft als erster am Unfallort ein, dann kommt das Löschfahrzeug, das zum Beispiel bei brennenden Fahrzeugen hilft. Als drittes kommt der Rüstwagen zum Einsatzort. Der Rüstwagen ist quasi der „große Werkzeugkasten“ der Einsatzkräfte vor Ort.

Mit dem neuen Fahrzeug, das angeschafft werden soll, soll die Feuerwehr Bad Segeberg noch mehr Flexibilität gewinnen. Je nach Einsatzfall kann das Fahrzeug über die Heckklappe mit entsprechenden Rollcontainern bestückt werde. Bei schweren Unfällen zum Beispiel mit Hebekissen, bei Gefahrgut-Unfällen mit anderen Spezial-Materialien.

 

Bad Segeberg sei kein Einzelfall, was Wartezeit und explodierende Kosten angehe, beschreibt Mark Zielinski die Situation. Die Stadt Norderstedt habe drei Löschfahrzeuge bestellt. Bauzeit: über zwei Jahre. Und nicht nur das Ausland bestelle gerne und in Massen rote Autos „Made in Germany“, auch der Bund rüste beim Katastrophenschutz mächtig auf. Allein Schleswig-Holstein plane über 50 neue Löschfahrzeuge für den Katastrophenschutz, berichtet Zielinski. Der Einkauf, die Ausschreibung eines Feuerwehrautos sei eine sehr komplizierte Sache, die Ehrenamtler kaum leisten können. „Wir sind genötigt, selbst die Türgriffe der Schränke genau festzulegen.“

Auftrag muss bis 31. Oktober raus

Teuer werden die Lastwagen auch durch Abgasnorm Euro 6. Eine aufwendige, platzraubende Abgasreinigung sei bei Feuerwehrfahrzeugen eigentlich völliger Unsinn, weil diese in der Regel nur wenige Kilometer fahren und erst recht keine Langstrecken. Aber es hilft nichts: Bis zum 31. Oktober muss der Auftrag rausgehen, „sonst verlieren wir noch mehr Jahre Zeit“, sagt Zielinski. Irgendwann gehe der olle Rüstwagen auf die 35 zu – bis sein Nachfolger auf dem Hof steht.

Von Wolfgang Glombik