Bad Segeberger Kinderarzt rät zur Covid-19- Impfung ab zwölf Jahren
Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Warum einer von Segebergs erfahrensten Kinderärzten zur Impfung rät
Lokales Segeberg

Bad Segeberger Kinderarzt rät zur Covid-19- Impfung ab zwölf Jahren

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:00 01.08.2021
Für das Foto nahm er kurz die Maske ab. Dr. Jörg Rösch hat schon eine lange Warteliste mit impfwilligen Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren. Er genießt großes Vertrauen. Schneller geht es mit dem Piks aber möglicherweise in den Impfzentren.
Für das Foto nahm er kurz die Maske ab. Dr. Jörg Rösch hat schon eine lange Warteliste mit impfwilligen Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren. Er genießt großes Vertrauen. Schneller geht es mit dem Piks aber möglicherweise in den Impfzentren. Quelle: Wolfgang Glombik
Anzeige
Bad Segeberg

Soll ich mein Kind impfen lassen oder nicht? Kinderarzt Dr. Jörg Rösch aus Bad Segeberg: „Ich rate grundsätzlich dazu.“ Die Unsicherheit bei den Eltern ist noch groß, vor allem weil die Ständige Impfkommission (Stiko), ein 18-köpfiges Expertengremium beim Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, eine Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche nur in Ausnahmefällen empfiehlt.

Aber in der Bad Segeberger Praxis von Dr. Rösch gibt es schon eine lange Warteliste von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren, die sich impfen lassen wollen. „Die Nachfrage wird immer größer.“ Viele Kinder würden sich lieber bei ihrem Kinderarzt oder -ärztin impfen lassen, weil sie hier das Vertrauen haben. Rösch ist 64, zählt zu den erfahrensten Kinder- und Jugendärzten im Kreis. Er selbst hat beobachtet, dass die meisten Eltern selbst geimpft sind, den Piks selbst auch für ihre Kinder wollen – sich aber nicht gleich trauen und sich noch einmal bei ihm zusätzlich absichern wollen.

Durch Impfungen eine normales Leben

„Ich bin fest überzeugt, dass wir durch die Impfungen Ruhe hineinbekommen.“ Die Impfung schütze bei überschaubaren Risiken und Nebenwirkungen nicht nur die Geimpften vor schweren Krankheitsverläufen, sie verringere auch die Gefahr einer Virusausbreitung. Insofern begrüße Rösch, dass jetzt mobile Teams an den Schulen Impfangebote machen. Rösch: „Ich halte die Idee für sehr gut.“

Die STIKO empfiehlt aktuell für die Altersgruppe von 12 bis 17 Jahren nur eine Impfung von chronisch kranken Kindern und Jugendlichen. Dennoch möchten immer mehr Kinder und Jugendliche auch den Piks. Quelle: Sandra Freundt

Rösch sieht es als nicht nötig an, dass in den Impfzentren oder mobilen Impfteams Kinderärzte die Impfung durchführen. „Das ist doch keine Kunst, es gibt Arztpraxen, die delegieren das Impfen an die Arzthelferinnen, die können das manchmal ohnehin besser.“ Wichtig sei, dass ein Arzt dabei sei, wenn es doch eine stärkere Reaktion beim Impfling geben sollte. Die Kollegen in den Impfzentren seien hier erfahren, die Gefahr sei gering, dass beim Impfen etwas passiere.

Handy-Konsum enorm zugenommen

Die Belastung bei Kindern und Jugendlichen schon durch die Begleitumstände bei Covid-19 sei dagegen enorm, habe er als Kinder- und Jugendarzt erfahren. Kinder entwickelten Ängste im Umgang mit Verwandten, haben Angst ihre Eltern und Großeltern anzustecken. „Lebensbejahende Menschen haben während der Pandemie psychische Schwierigkeiten bekommen, gehen anderen aus dem Weg – ich habe in meiner Praxis festgestellt, dass Kinder und Jugendliche sehr darunter gelitten haben.“ Es sei schon „ganz schön übel“ gewesen, dass Kinder lange keinen Sport mehr in ihrer Mannschaft treiben durften. „Wenn ich Jugendliche bei der Jugenduntersuchung frage, wie lange sie vor Handy oder Laptop hocken, ist dass schon erheblich.“ Das habe jetzt noch mehr zugenommen.

Home@Metropolregion – der Newsletter für Segeberg, Stormarn, Lauenburg und Hamburg

Alles, was die Region umtreibt – jeden Montag gegen 18 Uhr in Ihr Postfach. Hier anmelden für den kostenlosen Newsletter!

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Rösch ist aber fest davon überzeugt, „dass unsere Kinder darauf angewiesen sind, dass sie jemand um sich haben, den sie berühren können, den sie ohne Maske ins Gesicht sehen, dessen Stimmung sie erfahren können, der sie anlacht oder nicht, mit dem sie zusammensitzen können.“ Das spiele bei Kindern und Jugendlichen eine große Rolle. Und dass das wieder unbeschwert möglich ist – dabei können Covid-19-Impfungen helfen.

Homeschooling ist eine Gemeinheit

Bei den Grundschülern haben nach seiner Erfahrung nur ganz wenige vom Homeschooling profitiert, für die meisten sei es „eine Mühsal, weil sie die direkte Ansprache, die Gesichter nicht gesehen haben“. Homeschooling war in der Grundschule „eine Katastrophe, eine Gemeinheit für die armen Kinder“, so etwas zu machen. Präsenzunterricht sei deshalb „unglaublich wichtig“. Rösch merkt das auch selber im persönlichen Kontakt. Er behandelt die kleinen Kinder, trägt gezwungenermaßen selber Maske. „Ich weiß gar nicht, wie die Eltern der kleinen Kinder aussehen, ich sehe seit Monaten nur ihre Augen“. Und die Zwei- bis Vierjährigen würden in der Praxis mehr schreien, weil sie keine Gesichter sehen.

Die Jugendlichen „lechzten danach, dass sie unbeschwert wieder zusammenkommen“. Wenn zum Beispiel von 800 Schülern einer weiterführenden Schule 600 geimpft sind, bedeute das für die Schüler eine enorme Entlastung. Rösch: „Wir können die Masken ablegen, in Klassenzimmern bei Kälte die Fenster zumachen und uns endlich wieder die Hand geben.“

Von Wolfgang Glombik