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Segeberg Wenn Küster Teegen Segebergs Altar zuklappt
Lokales Segeberg Wenn Küster Teegen Segebergs Altar zuklappt
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14:25 07.03.2019
Mit Ehrfurcht und größter Vorsicht: Küster Thomas Teegen klappt zur Passionszeit den 500 Jahre alten Altar der Marienkirche zu.
Mit Ehrfurcht und größter Vorsicht: Küster Thomas Teegen klappt zur Passionszeit den 500 Jahre alten Altar der Marienkirche zu. Quelle: Glombik
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Bad Segeberg

Kein Knirschen, kein Quietschen – nur untermalt mit ganz leisem Knarren uralten Holzes lassen sich die Flügel des Hochaltars der Bad Segeberger Marienkirche trotz ihrer 500 Jahre von Küster Thomas Teegen bewegen. Die Karnevalszeit ist vorbei, die Passionszeit beginnt. Jetzt ist es wieder Zeit, die goldenen Figuren zu verdecken.

Mit Andacht und Ehrfurcht macht das Küster Teegen. Ganz vorsichtig, ganz langsam. „Das ist doch nicht so, als wenn man eine Schranktür zuklappt“, sagt er. Tatsächlich ist das ein erhabener Moment. Der spätgotische, dreiflügelige Hochaltar wurde um 1515 hergestellt und drei Jahre später in der Marienkirche aufgestellt. Er gilt als einer der schönsten mittelalterlichen Altäre in Schleswig-Holstein.

Jahrzehntelang waren die Türen des Hochaltars aus dem 16. Jahrhundert nicht bewegt worden – vor allem, weil man befürchtete, dass die alten Scharniere brechen könnten. Die Pastoren Kristian Lüders und Matthias Voß wagten es – nach vorheriger Begutachtung durch Fachleute des Kirchenamtes – erstmals wieder 2006, die schweren Flügeltüren zu schließen, um die Bilder zu offenbaren: 16 Ölmalereien auf vier Flügeltüren, die das Abendmahl und Kreuzigungsszenen darstellen. Acht weitere Ölbilder sieht man auf der Rückseite des Altars.

Bis dahin waren stets nur die vergoldeten 250 Figuren zu sehen. Die sind übrigens mit einem unglaublichen Detailreichtum dargestellt. Kurz vor dem Zuklappen möchte man gar nicht wegschauen vom Altarbild. Wer entdeckt das Häschen dort im Hintergrund? In den Altarbildern sind auch kleine Affen abgebildet. In einer der Szenen ist Jesus splitternackt, oder da: Judas beim Judas-Kuss, hinterm Rücken hält er den Geldsack mit dem Judas-Lohn. Hier ist der Höllenschlund plastisch dargestellt. Dort hat sich der Künstler – vermutet wird Henning van der Heide (gest. 1521) – verewigt: Eine der Figuren aus dem Altarbild winkt den Zuschauern zu.

Die Tage bis Ostern steht nun die umgeklappte Rückseite des Alters im Fokus der Kirchenbesucher. Die Ölbilder, mit schwarzem Passepartout umrahmt, die man jetzt sieht, erzählen die Geschichte vom Leidensweg Jesu samt Kreuzigung. Besonders auffällig ist hier eine wohl einzigartige Darstellung. Halb Mensch, halb Gerippe.

Noch vor Ostern wird in diesem Jahr ausnahmsweise der Altar wieder für einige Tage geöffnet werden. Eine Restaurateurin wird noch vor der geplanten großen Sanierung des Kircheninnenraumes die Figuren von Staub befreien. Aber dann: Zum frühen Ostermorgen wird das Osterlicht feierlich in die Kirche getragen und der dann wieder von Küster Teegen aufgeklappte Altar im Licht erstrahlen. Auf diesen Moment freut sich Teegen schon jetzt. „Ich bewundere die Künstler, die das hier alles erschaffen haben. Man kann der Kirche nur dankbar sein, dass sie hier alles für die Nachwelt erhält.“

Wolfgang Glombik