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Segeberg Bäume gefällt: Naturfrevel oder legale Forstarbeit am Wardersee?
Lokales Segeberg Bäume gefällt: Naturfrevel oder legale Forstarbeit am Wardersee?
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09:03 10.07.2019
Die Behörden und die Umweltpolizei ermittelt: Die Abholzungsaktion direkt am Wardersee könnte ein Nachspiel haben. Quelle: Wolfgang Glombik
Warder

Liegt hier ein schwerer Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz und die Bundesartenschutzverordnung vor? Brutzeit der Vögel, Wochenstuben der Fledermäuse – da blieb offenbar unbeachtet. Mit offensichtlich brachialer Gewalt wurden vergangene Woche auf einer Länge von mehreren Hundert Metern teilweise direkt am Ufer des Wardersees mitten im Landschaftsschutzgebiet zahlreiche Waldbäume gefällt. Mit schweren Maschinen sind die Baumfäller auch im Uferbereich des geschützten Gewässers unterwegs gewesen. Teilweise sind Schäden an der Uferbepflanzung zu sehen. Bei der Umweltpolizei liegt eine Anzeige des Natuschutzbundes (Nabu) vor, bestätigte am Dienstag eine Beamtin gegenüber den LN.

Schneise der Verwüstung direkt am See

Die gespaltene Baumstämme stapeln sich zu Riesenhaufen, einige dicke Stämme liegen zur Abholung bereit. Die Eingriffe in die Natur sind auch gut von der Bundesstraße 432, nahe der Brücke über den Wardersee zu beobachten gewesen. Auf Nachfrage der Lübecker Nachrichten berichtet Alfred K. Ortmann vom Naturschutzbund (Nabu), dass etwa 500 Meter direkt am Uferbereich des Sees von der Fällaktion betroffen sind. Die Schneise der Verwüstung reicht von der Bundesstraße bis zum Dorf Warder. Dort seien die Ufervegetation teilweise erheblich beschädigt, Nester von Vögeln, die in dem Bereich noch gebrütet hätten oder deren Jungtiere noch nicht flügge seien, vernichtet worden. Etwa 50 Vogelarten könnten betroffen sein. Nicht weit entfernt vom „Tatort“, am südlichen Wardersee, liegt auch ein Vogelschutzgebiet.

Hier blieb kein Baum stehen: Mit schwerem Gerät wurde direkt in der Uferzone des Sees gearbeitet. Quelle: Glombik

Ortmann zeigte sich erschüttert über das Ausmaß und die Begleiterscheinungen dieser „Holzernte“. Die Strecke der Abholzung sei etwa 850 Meter lang. Gerade in den Höhlen von Pappeln und Eichen gebe es zahlreiche Quartiermöglichkeiten für zehn verschiedene Fledermausarten, schätzen die Experten vom Naturschutzbund. Ortmann: „Das ist schon ein extremer Frevel.“ Denn der gesamte Wardersee und seine angrenzenden Waldflächen hätten eine hohe Bedeutung für die Fledermausarten, sagt Ortmann. Nur weil es sich um Forstarbeiten handele, könne hier der Artenschutz nicht komplett ignoriert werden. Durch diesen massiven Eingriff in die Natur sei auch das unter europäischen Schutz stehende FFH-Gebiet Segeberger Kalkberghöhlen betroffen. Das müsse auf jeden Fall Konsequenzen haben.

Im Uferbereich des Wardersees wurde zur Brutzeit der Vögel und offenbar ungeachtet der Wochenstuben der Fledermäuse mächtig geholzt.

Zufälliger Zeuge der Baumfällaktion am Wardersee ist vergangene Woche der Leiter der Unteren Naturschutzbehörde, Axel Timmermann, gewesen. Der Experte für Forstwirtschaft war auf dem Weg von der Arbeit, als er aus dem Auto heraus die Fällungen bemerkte. Hoffentlich ist in Ordnung, was dort passiert, habe er im Vorbeifahren gehofft, sagte er den LN. Zuständig für die Genehmigung von Waldarbeiten ist die Forstbehörde.

Anzeige gegen Unbekannt vom Nabu

Nun hat Timmermann selbst die „Anzeige gegen Unbekannt“ auf dem Tisch und muss den Sachverhalt auch in Abstimmung mit den Forstbehörden prüfen. Auch die Artenschutzbehörde, also das Landesamt, prüfe den Vorgang, erklärte er auf Anfrage der Lübecker Nachrichten. Laut Timmermann sind forstwirtschaftliche Maßnahmen oft ganz legal, auch wenn sie „unschön“ und brachial aussehen würden. Er warne vor Vorverurteilungen. Dass der Schilfgürtel am See beeinträchtigt worden ist, könne auch an den umstürzenden Bäumen gelegen haben. Bald fünf Meter hohe Holzhaufen mit zersplitterten Stämmen türmten sich hier längs der Schneise.

Bereich gilt als „ökologisch sensibel“

Jetzt erfolge die waldrechtliche Bewertung, ob die Arbeiten als Kahlschlag eingestuft werde oder nicht. Auch für die Forstbehörde gelte der Bereich als „ökologisch sensibel“. Trotzdem: Die Forstarbeiten seien oftmals von Auflagen des Naturschutzes freigestellt, erklärt Timmermann.

Auf LN-Anfrage beteuerte der verantwortliche Verwalter von Gut Rohlstorf mehrfach, dass die Baumfällarbeiten am Waldrand legal gewesen seien. „Das ist alles genehmigt, das sind nur Pappeln, die wir ’runtergenommen haben“, erklärte der Gutsverwalter.

Für Alfred Ortmann vom Naturschutzbund ist klar: „Wenn diese Maßnahme so wirklich von der Behörde genehmigt worden ist, muss klar gemacht werden, dass das so nicht geht.“ Auch eine Forstbehörde könne sich nicht einfach über alle Naturschutz-Belange hinwegsetzen.

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Wolfgang Glombik

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