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Segeberg Behörden schützen sich vor Gewalt
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20:37 28.11.2017
Zum Gewaltschutzkonzept in der Amtsverwaltung Bornhöved gehören unter anderem Fluchttüren. „Damit der Mitarbeiter hinter dem Schreibtisch nicht in einer Falle sitzt“, erklärt Veraltungsleiter Jörg Tietgen. Quelle: Fotos: Materne
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Trappenkamp/Segeberg

Eine erboste Kundin stürmt in das Büro zweier Amtsmitarbeiter, knallt einen Zettel auf den Schreibtisch und brüllt los: „20000 Euro für die Straßensanierung, ihr habt sie doch nicht alle!“ Der betroffene Sachbearbeiter steht sofort auf, versucht die Frau zu beschwichtigen, doch die pöbelt immer weiter. Die Szene ist gespielt, es handelt sich um eine spontane Gewaltschutzübung im Trappenkamper Amtsgebäude. Verwaltungsleiter Jörg Tietgen verfolgt die Szene. Alle seine Mitarbeiter haben zu Jahresbeginn eine Sicherheitsschulung erhalten. Es geht darum, das Gelernte in Erinnerung zu rufen.

Aggressionen gegen Amtspersonen nehmen zu. Der Messerangriff am Montag auf den Altenaer Bürgermeister, die Geiselnahme im Jugendamt Pfaffenhofen vor einigen Wochen sind nur die jüngsten Vorfälle. Behörden reagieren mit Schutzkonzepten – wie das Amt Bornhöved.

Abstand wahren lautet die Devise, wenn aggressive Kunden den Mitarbeitern auf die Pelle rücken. „Keiner soll den Helden spielen“, sagt Tietgen. Mit Hilfe des Diba-Instituts für Gewaltprävention wurde zudem ein Gewaltschutzkonzept erstellt für das Gebäude, jedes Büro wurde dafür begutachtet, um für den Ernstfall Fluchtmöglichkeiten für die Beschäftigten zu schaffen. Eine zweite Tür oder Schreibtische, die als Inseln im Raum stehen, um die die Angestellten herumlaufen können – und nicht dahinter in der Falle sitzen. Schwere Gegenstände auf den Tischen oder sonst wo im Raum, die zu Wurfgeschossen missbraucht werden könnten, wurden weggenommen oder befinden sich außerhalb der Reichweite möglicher Angreifer. Aber aufstehen und Abstand schaffen zum Angreifer, ist die oberste Regel. „Wer sitzen bleibt, hat verloren“, kommentiert Tietgen.

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Durch den Lärm im Büro sind weitere Kollegen auf dem Flur auf die Gefahrenlage aufmerksam geworden. „Ich bin A“, sagt eine Mitarbeiterin. „Dann bin ich B“, eine andere. Sie schalten sich ins Geschehen ein. A nimmt das Gespräch in die Hand, versucht, die aggressive Frau aus dem Zimmer zu lotsen. B steht hinter ihr.

„B passt auf A auf, dass A den Sicherheitsabstand einhält“, erklärt Tietgen das Geschehen. Bei der Schulung habe er selbst erlebt, wie schnell es sonst gefährlich werden kann. Schon ein Kugelschreiber könne eine tödliche Waffe werden.

Die Angreiferin lässt sich weiterhin nicht beruhigen. „Halt die Klappe“, brüllt sie die Mitarbeiterin an. Unterdessen können die Bedrohten um den Schreibtisch herum das Büro verlassen, und Helfer C hat schon den Flur geräumt und steht bereit, falls die Polizei gerufen werden soll . . .

Solche Übungen und Gewaltschutzkonzepte in Verwaltungen sind keine Seltenheit mehr. Der Kreis Segeberg hat eins seit 2014, auch die hiesige Arbeitsagentur und das Jobcenter arbeiten seit Jahren an einer verbesserten Sicherheit für ihre Mitarbeiter. Als vor vier Jahren das Jobcenter in Kaltenkirchen neu gebaut wurde, wurde gleich darauf geachtet, Fluchttüren in die Büros der Mitarbeiter einzubauen, schildert Jobcenter-Geschäftsführer Michael Knapp auf LN-Nachfrage. Beleidigungen, Drohungen und Sachbeschädigungen bis hin zu tätlichen Angriffen, all das haben Mitarbeiter bei ihm im Jobcenter bereits erlebt, sagt Knapp. Trotzdem wolle man keine Festung werden. „Wir haben keinen Sicherheitsdienst oder Panzerglas“, sagt Knapp. Aber die Polizei wäre in 30 Sekunden da. Man versuche, den Spagat zwischen Kundennähe und Sicherheitsbedürfnis zu schaffen. Außerdem nutze man ein technisches Alarmierungssystem für verschiedenste Notlagen.

An einem elektronischen Alarmierungssystem ist auch die Bornhöveder Amtsverwaltung dran, sagt Jörg Tietgen. Unter seinem Vorgänger war das Thema angeschoben worden. Vorausgegangen waren extreme Gewalttaten gegen Behördenmitarbeiter bundesweit: 2012 wurde in Neuss ein Jobcenter-Mitarbeiter erschossen, 2013 in Hameln der Landrat und 2014 ein Finanzbeamter in Rendsburg getötet. „Übergriffe auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes in Verwaltungen verstärken das Bedürfnis nach mehr Sicherheit am Arbeitsplatz“, begründet auch Sandra Kind vom Kreis Segeberg die Einführung eines Sicherheitskonzepts vor drei Jahren. Beim Kreis gab es ebenso Übergriffe auf Mitarbeiter. „Insbesondere in Bereichen, die publikumsintensiv sind und in denen Entscheidungen getroffen werden, die massive finanzielle Auswirkungen auf die Existenz einer oder mehrerer Personen haben können“, teilt Kind mit.

Eine Statistik zu Übergriffen auf Behördenmitarbeiter gibt es bisher nicht. Aber „aggressives Verhalten gegenüber Behördenmitarbeitern nimmt zu“, sagt Kai Tellkamp, Landesvorsitzender des Beamtenbundes Schleswig-Holstein. Auch in kommunalen Verwaltungen. „Von daher begrüßen wir die Einführung von Gewaltschutzkonzepten.“ Sie müssten aber gut durchdacht sein und kein Aktionismus.

Angriffe auf Amtspersonen

2017: Im bayerischen Pfaffenhofen wird eine Jugendamts-Mitarbeiterin als Geisel genommen.

2017: In Osterbruch bei Cuxhaven schießt ein Landwirt auf einen Amtstierarzt und verletzt ihn schwer.

2016: Ein Hartz-IV-Empfänger schlägt mit einem Hammer auf einen Jobcenter-Mitarbeiter in Dietzenbach (Kreis Offenbach) ein. Er ist heute ein Pflegefall.

2014: Ein Finanzbeamter wird in Rendsburg von einem Besucher erschossen.

2013: In Hameln erschießt ein 74-Jähriger den Landrat, dann sich selbst.

2012: Ein 52-Jähriger stürmt in das Jobcenter Neuss und ersticht eine Sachbearbeiterin.

Übergriffe gegen Behördenpersonal: „Die Hemmschwelle ist stark gesunken.“

Beleidigungen, Bedrohungen, Ausraster: Aggressives Verhalten gegenüber Verwaltungsmitarbeitern nimmt zu, beobachtet der Beamtenbund Schleswig-Holstein. „Überall dort, wo es nicht nur gute Nachrichten gibt, ist Aggressionspotenzial vorhanden“, sagt Kai Tellkamp, Landesvorsitzender des Beamtenbundes. Neben Beschimpfungen und Sachbeschädigung am Arbeitsplatz hat Tellkamp auch Kenntnis von Fällen, in denen die Privatadressen von Behördenmitarbeitern recherchiert wurden. Die Betroffenen hätten Drohbriefe erhalten, Farbbeutel wurden an das Haus geworfen. „Das macht etwas mit einem“, so Tellkamp. Er bedauert, dass die Politik hier nicht einschreitet. Zwar sei es richtig, dass Angriffe auf Polizisten per Bundesgesetz nun stärker bestraft werden, ähnliches sei aber auch für alle anderen Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes angebracht, findet Tellkamp. Denn das zunehmend aggressive Verhalten gegenüber Behördenmitarbeitern sei inzwischen auch auf kommunaler Ebene zu beobachten.

Konfliktpotenzial gebe es gerade dort, wo von Entscheidungen Existenzen abhängen: die verweigerte Gewerbegenehmigung oder gekürzte Sozialleistungen. „Da kocht die Stimmung schon mal über“, sagt Tellkamp. Die Hemmschwelle der Kunden gegenüber Behördenpersonal sei „stark gesunken“. Tellkamp erklärt sich diese Entwicklung mit dem Bestreben nach Bürgernähe und einer Kommunikation auf Augenhöhe in Behörden. Und nicht wie vor 25 Jahren, als Behörden als Teil des Obrigkeitsstaats angesehen wurden und die Menschen fast eingeschüchtert waren beim Amtsbesuch. Dieser Wandel sei gut, betont Tellkamp. „Trotzdem aber muss klar sein, wo das Gewaltmonopol liegt und dass Verwaltungen die Aufgabe haben, Recht durchzusetzen.“

 Nadine Materne

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