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Segeberg Boostedt: Protest gegen mehr Flüchtlinge
Lokales Segeberg Boostedt: Protest gegen mehr Flüchtlinge
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23:08 11.10.2015
Großer Andrang: 700 Menschen haben Platz in Boostedts größter Halle. Trotzdem mussten einige am Eingang abgewiesen werden.
Boostedt

500 Flüchtlinge sollten mal in der Erstaufnahme in der Boostedter Rantzau-Kaserne untergebracht werden. Maximal. Das hatte Staatssekretärin Manuela Söller- Winkler vor einem Jahr versprochen. Schon jetzt sind es deutlich mehr. Nun sollen es 2000 werden. „Mit einem Puffer von 500“, erklärte sie am Freitagabend vor 700 teilweise aufgebrachten Menschen in der Boostedter Sporthalle. Mit Pfiffen und Gelächter wurden einige Aussagen quittiert. Andere spendeten Applaus für die Bemühungen, Flüchtlinge vor der Obdachlosigkeit im Winter zu bewahren.

„Der Puffer macht mir Angst“, sagt eine Frau. Ob Söller-Winkler garantieren könne, dass es diesmal nicht mehr als 2500 werden. Doch nach den Erfahrungen der Vergangenheit ließ sie sich auf derartige Zusagen nicht ein. Bis Jahresende werde in Schleswig-Holstein mit bis zu 60000 Flüchtlingen gerechnet, es müssten bis zu 20000 Plätze in Erstaufnahmen geschaffen werden, wo Flüchtlinge die ersten Wochen verbringen, bis sie extern untergebracht werden.

Fast alle zur Verfügung stehenden Bundeswehrkasernen seien bereits mit Flüchtlingen belegt. Auch in Lütjenburg werde etwas passieren, so Söller-Winkler auf den Vorwurf aus der Zuhörerschaft, in „Albigs Wahlkreis“ würden bisher keine Flüchtlinge untergebracht.

Dass die Kapazität der Boostedter Kaserne erhöht wird, war die größte Sorge der Kritiker. „Werden es bald zwei-, drei- oder 4000 Flüchtlinge?“, fragten 150 Demonstranten auf Plakaten vor der Versammlung. „Die Stimmung ist gekippt“, sagte Dietmar Kühl, einer der Veranstalter. Man wolle der Politik zeigen, dass nicht alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ sei . „Wer sorgt für die Sicherheit unserer Kinder?“, war auf den Schildern zu lesen. Wie viele der Protestierenden tatsächlich aus Boostedt sind, ist unklar. Die Aktion lockte einige NPD- Anhänger aus Neumünster an, auch die AfD hatte im Internet zur Unterstützung aufgerufen. Damit will Kühl nichts zu tun haben. Auch spiele er nicht mit den Ängsten der Menschen. Er könne von drei Polizeieinsätzen mit „Hundertschaften“ in der Kaserne berichten.

„Alles Gerüchte“, widerspricht Segebergs Polizeichef Andreas Görs. Absolute Sicherheit könne niemand garantieren. Aber bis auf kleinere Auseinandersetzungen habe es bisher keine Probleme in der Kaserne gegeben. Und die Zahl der Straftaten in Boostedt sei gegenüber dem Vorjahr gar gesunken. „Ich habe mehr Angst vor Menschen, die Flüchtlingsheime anzünden, als vor Flüchtlingen selbst“, meldete sich Anwohner Thomas Ahrens. Die meisten Wortbeiträge richteten sich aber gegen die Erhöhung der Aufnahmekapazität. Busse seien überfüllt, Flüchtlinge lungerten Bier trinkend am Kreisel herum — und immer wieder wurde der Müll angeführt, den die Asylbewerber hinterließen, so dass sich Maria von Glischinski vom DRK-Betreuungsverein irgendwann gezwungen sah aufzustehen: „Die Flüchtlinge sammeln Müll. Jeden Tag. Zwei Mal.“

Stimmungsmachende Kommentare wurden von Bürgermeister Hartmut König konsequent unterbunden. Rederecht gab es nur für Boostedter unter Namensnennung. Einige versuchten es trotzdem, wiederholt wurden höhere Aufnahmezahlen ins Spiel gebracht. „Wenn Sie mich fragen, wann das Boot voll ist“, reagierte Söller-Winkler schließlich: „Ich weiß es nicht, aber das Boot ist noch lange nicht voll.“ Aus Protest und mit lauten Unmutsbekundungen verließen daraufhin gut 100 Zuhörer die Halle. Die Aussage kursierte wenig später in sozialen Netzwerken mit Ankündigungen weiterer Demos in Boostedt.

Die Erhöhung der Aufnahmekapazität sei angesichts der dramatisch angestiegenen Flüchtlingszahlen notwendig. Doch die Entscheidung der Bundeskanzlerin, die angestauten Flüchtlinge in Ungarn ins Land zu lassen, sei richtig gewesen, machte Söller-Winkler klar. 80 bis 90 Prozent der ankommenden Asylsuchenden seien aus Bürgerkriegsgebieten. Sie werden bleiben. „Wir können das nur gemeinsam bewältigen“, plädierte Bürgermeister König am Ende. „Wir dürfen die Augen nicht verschließen.“

• Themenseite über Flucht unter www.ln-online.de/Fluechtlinge

Hier können Sie helfen
Wer sich für Flüchtlinge engagieren möchte, aber nicht weiß wie, kann sich an Leeza Lorenz wenden. Sie ist Ansprechpartnerin für Ehrenamtliche beim Kreis Segeberg, hat Kontakt zu gut 300 Flüchtlingshelfern in mehreren Helferkreisen und kann weitere Kontakte vermitteln. Zu erreichen ist Lorenz unter ☎ 04551/951762 oder per E-Mail:
Leeza.Lorenz@kreis-se.de
Weitere Kontakte:



Wahlstedt: E-Mail: fluechtlinge@wahlstedt.de
Trappenkamp: Harald Krille, ☎ 04323/91 4116
Amt Itzstedt: Silke Telemann,
☎ 04535/509-174.

Amt Leezen: Holger Pirdzuhn,
☎ 04552/997727.

Verein „Alleineinboot“: E-Mail info@alleineinboot.com; Internet: www.alleineinboot.com
DRK-Kreisverband Segeberg, Telefon 04551/99211, www.drk-segeberg.de; info@drk-segeberg.de
Technisches Hilfswerk (THW), Ortsverband Bad Segeberg, Tel.: 0174/ 4119965, E-Mail info@thw-se.de, www.thw-se.de

Nadine Materne