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Segeberg Buchholz: „Handwerk muss modern rüberkommen“
Lokales Segeberg Buchholz: „Handwerk muss modern rüberkommen“
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11:27 30.06.2018
Hier entsteht gerade der Dachstuhl für das Kuhhaus auf Gut Hasselburg: Minister Bernd Buchholz (l.) mit Geschäftsführer Marcus Pagels. Quelle: Fotos: Irene Burow
Bad Segeberg

Besucht haben sie die Bad Segeberger Zimmerei Holzbau Pagels im Gewerbegebiet Rosenstraße – um das Gegenteil zu demonstrieren. „Was ich hier sehe ist ein Unternehmen, das sich in den vergangenen Jahrzehnten berappelt hat. Wenn wir alle so weit hätten, wäre das sensationell“, sagt Minister Bernd Buchholz (FDP). Andere Betriebe hinken jedoch hinterher. Scheinbar unüberbrückbare Hürden sehen die Verantwortlichen durch den digitalen Wandel und Veränderung der Lebensweise. Eine Menge Handwerksbetriebe würden die Digitalisierung verschlafen. „Nach dem Motto: Wir wachsen als Generation heraus und können dann abschließen“, kritisiert Buchholz. Das sei sehr gefährlich. „Vor allem, weil sie am Markt bestehen würden“, sagt der Vorstandsvorsitzende des Baugewerbeverbandes, Thorsten Freiberg.

Das Handwerk ist zuweilen unattraktiv, langsam, traditionell. Fachleute bleiben aus, Digitalisierung wird verschlafen. Wer was verschlampt hat, darüber haben Baugewerbeverband und Landes-Wirtschaftsminister Dr. Bernd Buchholz am Freitag bei einer Betriebstour offene Worte gefunden.

„Attraktives Handwerk muss modern rüberkommen. Manch eine Außendarstellung würde meine Söhne auch nicht überzeugen“, sagt Buchholz. „Tradition ist toll, doch das Leben wandelt sich. Die Leute leben nach anderen Werten. Uns hat man früher mit Geld erpresst, wir hätten auch 80 Stunden pro Woche gearbeitet. Aber die Jugendlichen von heute ticken so nicht. Die fragen: ,Und was ist mit meiner Work-Life-Balance?’“ Und er liefert auch Antworten: Andernorts gebe es riesige Facebook-Gemeinschaften, Sommercamps für Azubis. „Jugendliche aus Lübeck rasen an die Westküste, um Bäcker zu werden.

Weil Attraktion entsteht. Es geht eben nicht mehr nur ums Brötchenbacken.“ Betriebe hätten eine gute Chance über diese kleinen Verbünde – im Gegensatz zum sterilen Hörsaal. Der Aktionismus müsse von den Betrieben kommen. Denn wenn nicht, sieht der Bauverband schwarz. „Uns bricht die Basis weg, weil keiner mehr kommt. Das wird eine Katastrophe“, mahnt Freiberg.

Im Holzbau-Betrieb um Geschäftsführer Marcus Pagels mit seinen 80 Mitarbeitern könne man sehen, wie moderner Bau funktioniert. „Gerade in punkto Umweltfreundlichkeit, Kostenoptimierung und vor allem Digitalisierung“, sagt Georg Schareck, Hauptgeschäftsführer des Verbandes. Vor allem Fertighäuser in Holzrahmenbauweise entstehen in den Werkhallen – von der Planung und Fertigstellung bis zur Montage. „Das ist, was wir den Auftraggebern immer wieder sagen: Sie müssen darauf achten, dass alles aus einer Hand kommt“, so Schareck. Die Branche boomt, die Nachfrage ist hoch. „Viele Gewerke müssen an einem Strang ziehen. Da hapert es oft. Das kostet Zeit und Geld.“ Und das sei nur ein Beispiel, warum die öffentliche Hand so lange warten muss. „Betriebe können bis zu einem gewissen Grad gehen. Aber bei 100 Prozent Auslastung, wie in den vergangenen Jahren, müssten Auftraggeber eben warten.“ Die Vorlaufzeit für den Baustart liege im Schnitt bei über vier Monaten. Bei Holzbauer Pagels muss man derzeit rund drei Monate bis zum Baubeginn warten, sofern die Genehmigung vorliegt.

Obwohl es also Arbeit ohne Ende gibt, hapert es. „Betriebe könnten doppelt so viel machen, aber es klappt nicht“, gibt Schareck zu, trotz massiver Umsatzsteigerungen. Buchholz wird deutlicher:

„Betriebe stocken nicht auf, obwohl sie Leute einstellen und auch bezahlen könnten. Und das nicht nur, weil keine gefunden werden. Sondern weil sie Angst haben, sie nicht wieder loszuwerden.“ Firmen scheuen sich, falls die Auftragslage wieder einbricht. Und sie wollen ihre Leute flexibel einsetzen können. Obendrauf kommen der Ruf des Handwerkers und der Fachkräftemangel, das wird im Gespräch gestern deutlich. „Früher war das Handwerk angesehener. Jetzt hat man manchmal den Eindruck, es sei ein Bild von Bier trinkenden, auf Baustellen herumlungernden Menschen entstanden“, sagt Marcus Pagels. „,Mit Abitur und Studium fängst du an, etwas zu sein. Alles andere ist dirty.’ Dass diese Aussage falsch ist, hat die Politik verschuldet“, räumt der Minister ein. Bei den Eltern sei das aber noch nicht angekommen, das brauche Zeit.

Die Firmenrunde absolvierten die Herren am Freitag als Motorradtour. Ihr Ziel: Anliegen der Betriebe verstehen und sehen, wo Politik helfen kann. Nach Bad Segeberg ging es zu einem weiteren Vorzeige-Unternehmen in der Branche; zum Massivhausbauer Kage in Hohenlockstedt.

Von Irene Burow