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Segeberg Bündnis gegen Alkoholismus: Die Macht der Droge
Lokales Segeberg Bündnis gegen Alkoholismus: Die Macht der Droge
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08:38 18.06.2013
Ilka Bandelow leitet eine Selbsthilfegruppe in Norderstedt, Klaus Hox eine in Kaltenkirchen. Beide sind trockene Alkoholiker.
Ilka Bandelow leitet eine Selbsthilfegruppe in Norderstedt, Klaus Hox eine in Kaltenkirchen. Beide sind trockene Alkoholiker. Quelle: Foto: Burkhard Fuchs
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Norderstedt

Ein Bündnis gegen Alkoholismus hat die Ambulante und Teilstationäre Suchthilfe (ATS) der Diakonie, die Beratungsstellen in Norderstedt, Bad Segeberg, Henstedt-Ulzburg und Kaltenkirchen unterhält, mit den Selbsthilfegruppen geschlossen, die seit vielen Jahren Betroffene beraten und unterstützen. „Schleichend ist der Alkoholismus eine tödlich verlaufende Krankheit, wenn sie nicht gestoppt wird“, sagt ATS-Suchttherapeutin Daniela Willrodt über diesen Zusammenschluss. Das Bündnis war jetzt im Rahmen der bundesweiten Suchtwoche „Alkohol? Weniger ist besser!“ geschlossen worden.

„Gerade Betroffene aus Sucht-Selbsthilfegruppen wissen um die Macht der Droge“, erklärt ATS-Suchttherapeut Hauke Behnk. Allein die Entscheidung zu einer abstinenten Lebensform kann sie wieder zurück zu einem ausgewogenen Alltagsleben führen. „Um das zu erreichen, müssen aber die Betroffenen und ihre Angehörigen viel Arbeit leisten“, weiß Behnk.

„Die suchtkranken Menschen bleiben ihr Leben lang psychisch abhängig.“

Ds können Klaus Hox und Ilka Bandelow dick unterstreichen. Beide waren selbst viele Jahre vom Alkohol abhängig und leiten inzwischen in Zusammenarbeit mit der ATS Suchthilfe für das Blaue Kreuz Selbsthilfegruppen. „Ich bin trockene Alkoholikerin“, sagt Ilka Bandelow, die jeden Donnerstag um 19.30 Uhr zur Gesprächsrunde in das Gemeindehaus der Falkenbergkirche in Norderstedt einlädt.

Sie fing an zu trinken, um den Stress durch die Arbeit zu ertränken, der ihr auch kein Privatleben mehr ließ, erzählt sie. „Ich hatte keine Familie, keine Freunde, habe nur für den blöden Job gelebt.“ Eine Flasche Wodka habe sie am Ende jeden Abend in sich hineingeschüttet. Das habe 20 Jahre irgendwie funktioniert, bis sie schließlich auf der Straße zusammenbrach und einen Entzug in einer Hamburger Klinik machte. „Da erfuhr ich dann auch zum ersten Mal, dass es eine Suchthilfegruppe in meiner Bank gegeben hätte.“

Ähnlich erging es Klaus Hox, der schon in seiner Lehre als Radio- und Fernsehtechniker in den Gastwirtschaften mit hartem Alkohol in Berührung und davon lange nicht wieder loskam: „Zwischen 20 und 30 war ich jeden Abend voll.“ Er sei ein Spiegeltrinker gewesen, sagt er. Sobald er unter ein bestimmtes Level kam, griff er wieder zur Flasche.

Dann war er 18 Jahre trocken und wurde wieder rückfällig, weil seine Ehe zerbrach und er bei seinem Job als Verkaufsleiter von aufstrebenden jüngeren Kollegen gemobbt wurde. „Ich habe drei stationäre und zwei ambulante Suchttherapien, drei Führerschein-Entzüge und mehrere Krampfanfälle hinter mir“, sagt der heute 69-Jährige, der vor sechs Jahren seine eigene Selbsthilfegruppe gegründet hat. Sie trifft sich auch jeden Donnerstag um 19.30 Uhr in der Von-Bodelschwingh-Straße 1a in Kaltenkirchen. Zweimal im Monat berät Hox auch andere Leidensgenossen im Trockendock in Rickling. „Bei uns gibt es nicht diese formalen Regeln und Rituale, wie sie einige andere Anbieter praktizieren.“ In der Selbsthilfegruppe erführen Betroffene, wie sie die nächste Familienfeier ohne Alkohol überstehen und auch sonst im Leben klarkommen können. Dass es praktisch keine Feier gibt, bei der nicht der Alkohol im Strömen fließt, zeigten gerade wieder Meisterschafts- und Pokalsiegfeste im Hochleistungssport, die das Fernsehen sogar als große Ereignisse zelebriert. „Wer in unserer Gesellschaft nicht Alkohol trinkt, ist ein Exot und gilt als Spaßbremse“, sagt Ilka Bandelow.

Selbsthilfegruppen des Blauen Kreuzes in Norderstedt, Ilka Bandelow, Telefon 040/27148625, und Kaltenkirchen, Klaus Hox, Telefon: 041 91/75 64. ATS Suchtberatungsstelle Bad Segeberg, Telefon 0 45 51/8 43 58

Burkhard Fuchs