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Segeberg Jede Krankheit hat ihre eigene Sprache
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09:00 06.01.2019
Oberarzt Dr. Ali Ekber Kaya Quelle: Burkhard Fuchs
Rickling

Ihre Leidensgeschichten sind vielschichtig. Sie haben oft Krieg, Folter und Flucht überstanden, mussten traumatisches Erlebnisse verarbeiten, leiden an Depressionen, akuten Schmerzen, Angststörungen und sind suchtabhängig geworden. Doch weil sie die deutsche Sprache nicht gut beherrschen und erst recht nicht verstehen, haben sie hier in ihrer neuen Heimat nicht die richtige medizinische Hilfe erhalten. Ihre Krankheit manifestierte sich, sie ist chronisch geworden.

Diese Migranten und Flüchtlinge mit schweren seelischen Problemen finden jetzt professionelle Hilfe bei der Interkulturellen Psychiatrie, die das Psychiatrische Zentrum des Landesvereins für innere Mission in Rickling bei Bad Segeberg Ende 2010 eingeführt hat. „Es ist bundesweit einmalig“, sagt Oberarzt Dr. Ali Ekber Kaya, der mit seiner neuen Behandlungsmethode nach dem Motto: „ein Stück Heimat in der Fremde“ bislang rund 1600 Patienten erfolgreich therapieren und gesund wieder nach Hause schicken konnte.

Kein Wunder, dass den Facharzt für Neurologie, der selbst aus der Türkei stammt, jedes Jahr 10 000 Anfragen aus ganz Deutschland für diese neue Therapieform erreichen. 2500 Menschen stehen zurzeit auf der Warteliste für die stationäre Klinik, deren Plätze gerade von zehn auf 25 Betten erweitert worden ist. „Unser langfristiges Ziel ist es auch, diese Interkulturelle Psychiatrie auch in unserer Tagesklinik in Norderstedt zu etablieren“, erklärt Chefarzt Dr. Nikolas Kahlke.

Ärzte und Betreuer sprechen sechs Sprachen

Das Besondere und völlig Neue an dieser Behandlungsmethode ist der komplett interkulturelle Ansatz. „Wir holen die Patienten da ab, wo sie sind“, erklärt ihr Begründer, Oberarzt Dr. Kaya, der bundesweit zu wissenschaftlichen Vorträgen eingeladen wird, um zu erklären, wie er das geschafft hat. So spricht das Betreuerteam aus Ärzten, Psychologen, Ergotherapeuten, Sozialarbeitern und Pflegekräften fünf bis sechs Sprachen. So können die Patienten, die überwiegend aus der Türkei, Kurdistan, Russland, Armenien, Aserbaidschan oder dem arabischen Raum kommen, endlich einem Fachmann in ihrer Heimatsprache ihr Leid und die Symptome ihrer Krankheit schildern. Das war ihnen vorher nicht möglich.

Menschen, die an Depressionen litten, falle es ohnehin schon schwer, über ihre Krankheit mit jemandem zu sprechen, erklärt Dr. Kaya. Wer noch dazu aus einem völlig anderen Kulturkreis komme und womöglich noch bildungsfern aufgewachsen sei, könne sich erst recht nicht öffnen und einem Arzt, der ihn ja sowieso nicht zu verstehen scheint, anvertrauen, erläutert Dr. Kaya das Dilemma. „Es ist erwiesen, dass ein neuronaler Stresszustand, wie ihn eine posttraumatische Störung auslöst, es für Migranten noch schwieriger macht, ihre Gefühle in einer anderen als der gelernten Heimatsprache auszudrücken.“

Das habe zumeist zur Folge, dass bei ihnen die falsche Diagnose gestellt wird und sie dauerhaft Medikamente verschrieben bekommen, die ihnen nicht hülfen und das Krankheitsbild oft noch schlimmer machten. Dr. Kaya: „Wie soll auch ein Arzt, der den Patienten nicht versteht, die richtige Diagnose stellen?“. Das sei unmöglich.

Ricklinger Team bringt tief verschüttete Geheimnisse ans Licht

Dafür ist Rosa, die jüngst aufgenommene Patientin auf seiner Station, ein gutes Beispiel. Die heute 42 Jahre alte Mutter ist als Jesidin in Armenien aufgewachsen, die dort ohnehin seit Jahrhunderten religiös verfolgt werden. Mit 13 wurde sie an einen viel älteren Mann zwangsverheiratet, der sie mit 14 zur Mutter machte und jahrelang schwer misshandelte und vergewaltigte. Vor sieben Jahren hielt die Frau ihr Schicksal nicht mehr aus und flüchtete mit drei Kindern zunächst nach Tschechien, später nach Deutschland. Zwei ihrer Kinder wurden hier wieder abgeschoben, eines lebt in München. Den Kontakt zur Familie nach Hause musste sie abbrechen, weil sie auch noch zum Christentum konvertiert ist, was bei den Jesiden ein unentschuldbarer Tabubruch sei, berichtet Kaya. „Das bedeutete für sie den Ausstoß aus der Gesellschaft. Nur ihre Mutter hält noch Kontakt zu ihr.“

Diese ganze tragische Leidens- und Familiengeschichte hat Rosa aber erst nach einigen Tagen in der Interkulturellen Psychiatrie in Rickling beschrieben. Die vier Ärzte und drei Kliniken, die sie vorher in Deutschland stationär behandelten, wussten nichts davon. So konnten sie sich natürlich auch nicht erklären, warum die dreifache Mutter an schweren Angststörungen leidet und bereits mehrere Suizidversuche hinter sich hat. Erst Dr. Kayas Team konnte das tief in ihrem Innern verschlossene Geheimnis lüften und allmählich zu Tage fördern. „Traumatisierte Menschen brauchen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, um sich fremden Menschen anvertrauen zu können.“ Rosa, die anfangs kein einziges Wort gesprochen hat, sagt: „Ich brauche Hilfe und hoffe, dass ich die Chance bekomme, hier zu bleiben.“

Patriarchalisch erzogene Männer lernen zu kochen

Zur Genesung der Patienten tragen diese aber auch selbst und ihr multikulturelles Zusammenleben in der Klinik bei. So kochen, musizieren, lachen und tanzen sie zusammen. Die gemischtgeschlechtliche Unterbringung sorgt dafür, dass manche Migrantinnen zum ersten Mal in ihrem Leben mit Männern unter einem Dach leben, die nicht ihre Väter oder Ehemänner sind. Patriarchalisch erzogene Männer müssen hier im wöchentlichen Rhythmus plötzlich lernen, was es heißt, jeden Tag ein mehrgängiges Menü auf den Tisch zu bringen. „Das kostet sie alles Energie und Gehirnschmalz, die sie von ihrer Krankheit ablenken und sie sogar ihre alten Geschlechterrollen und Erziehungsstile überdenken lassen.“

Zudem sei immer viel los auf der Station. In orientalischen Kulturen könne ein Kranker nur dann wieder gesund werden, wenn die ganze Familie an seinem Leid Anteil nimmt. Und so bevölkern immer zahlreiche Besucher der Migranten die Klinik, was ihnen natürlich auch zu Gute komme. „Ihre Lebenskultur besteht darin, alles miteinander zu teilen – auch das Leid“, erklärt Dr. Kaya.

Jeden Tag werde gemeinsam gekocht und anschließend musiziert und getanzt, erzählt er. Da spielen sich dann manchmal in der Küche rührende Geschichten ab, wie jüngst, als Ismet (48) nach sechs Wochen Therapie vor allen eine fast frei gesprochene Rede hielt und allen Ärzten und Patienten für seine Genesung dankte. Das sei fast ein Wunder gewesen, weil Ismet wegen seiner Depression jahrelang seine Wohnung in Itzehoe nicht verlassen und mit kaum jemandem gesprochen hätte, berichtet Krankenschwester Inayet Ay, die selbst aus Kurdistan stammt.

Auch Güven Cenkaya aus Wittenborn ist dank Dr. Kayas interkultureller Therapie wieder geheilt. Nach zwei Firmenpleiten hatte er elf Jahre lang schwere Depressionen, „keine Lust auf Leute“ und Selbstmordgedanken. „Jetzt fühle ich mich wieder stark.“

Angesichts der vielen Menschen, die in den letzten vier Jahren nach Deutschland geflüchtet sind, werde eine psychotherapeutische Versorgung immer wichtiger, die den Patienten wirklich hilft, sieht Dr. Kaya auch einen ökonomischen Sinn in seinem medizinischen Tun. „Ansonsten werden unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem in den nächsten Jahren massive Probleme bekommen.“

Burkhard Fuchs

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