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Segeberg Café Elend: Tradition trifft Zukunft
Lokales Segeberg Café Elend: Tradition trifft Zukunft
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16:35 05.04.2019
Gesellin Katja Sick (22) bestreicht Tortenböden mit Schokolade. Quelle: Heike Hiltrop
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Bornhöved

 „Konditorei“ und „Café Elend“ steht von außen in roten, geschwungenen Buchstaben über den großen Fenstern am Haus mitten in Bornhöved. Die üppige Auslage des Tresens macht Appetit. Sahneweiß, Nussnougat-, Karamell- und Schokoladenbraun bestimmen das Farbkonzept. Hier ist der Gegenpol zur kalorienfreien Zone. Hier gib’s Hüftgold pur, direkt aus der Backstube.

In der ist Jürgen-Dieter Elend seit 1991 Chef zwischen Ofen, Rührmaschinen, Tortenringen, Schneebesen, Teigen und Füllungen. Zusammen mit seiner Tochter Christiane Elend-Langeloh (38), wie ihr Vater ein Meister ihres Fachs, und Junggesellin Katja Sick (22) managt er den Betrieb.

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Um 9 Uhr beginnt die Arbeit in der Backstube

Gegen 14 Uhr startet das Verkaufsgeschäft. Dann muss die Auslage stehen. Für die steht das eingespielte Team morgens ab neun Uhr in der Backstube. Der Duft von Schokolade und frischen „Schweineohren“ zieht durch das Café. „Meine Großeltern, Willi und Emma, haben hier bis 1928 eine Schlachterei betrieben.“ Elend wendet die goldgelben Öhrchen – in diesem Fall und schon lange nicht mehr tierisch, sondern ein traditionelles Blätterteiggebäck. Bis 1950 sei das Gebäude reines Wohnhaus gewesen. Dann habe sein Vater, der sich gegen eine Schlachter- und für eine Konditorenlehre entschieden hatte, neben der Landwirtschaft die Werkstatt für Pralinen, Torten und feines Gebäck eröffnet – und das Café. Damals noch mit Gartenterrasse.

Konditormeister Jürgen-Dieter Elend (72) mit einer Postkarte aus alten Tagen. Quelle: Heike Hiltrop

Das Elend zwischen König und Fürst

„Ich kenne das hier schon über 40 Jahre. Seine Mutter war auch eine sehr nette“, sagt Stammkundin Trude Klän (92) und lässt sich ihr Kaffee-Gebäck vom Chef persönlich sicher in der Tasche verstauen. Nein, Probleme mit dem Namen Elend habe es nie gegeben, sagt der 71-Jährige auf Nachfrage. Aber ein paar schöne Geschichten. Wie die von den beiden Kaufleuten im Ort. „Der eine hieß König, der andere Fürst, ,dazwischen wohnt das Elend’, haben die Leute im Dorf immer gesagt.“ Christiane Elend-Langeloh lacht: „Und wir hatten mal Auswärtige zu einer Beisetzung hier, die alles ganz besonders traurig fanden: Den Bestatter namens Hünemörder, die Pastorin Schwarz und zum Beerdigungskaffee ging es dann zu Elend.“

Eine der wenigen klassischen Konditoreien

Königs und Fürsts haben ihre Läden längst geschlossen. Elends sind geblieben und weit über Bornhöved hinaus bekannt geworden. „Wir sind eine klassische Konditorei. Davon gibt es in Schleswig-Holstein nicht mehr viele.“ Jürgen-Dieter Elend verlässt die Backstube, weil die Ladentür geschellt hat. Eine Kundin steht geduldig am Tresen und verlangt zehn Stücke Butterkuchen. „Oh, die habe ich nicht, aber wenn sie in einer Stunde wiederkommen, habe ich ihnen die frisch gebacken“, lautet die in Zeiten von Bäckerei-Ketten mit massentauglichen Produkten überraschende Antwort.

Alles wirkt, wie aus der Zeit gefallen

Lampen, deren beigen Schirmchen von goldener Brokatbordüre umsäumt sind, statt Illumination von der Decke. Breite, gepolsterte Flechtstühle aus dem vergangenen Jahrhundert zu üppiger Windbeuteltorte und Fürst-Pückler-Schnitte statt coole Sachlichkeit von der Stange zu Low-Carb-Knabbereien: Alles wirkt ein bisschen, wie aus der Zeit gefallen. Doch die Mannschaft ist auch außergewöhnlichen Gestaltungsideen gegenüber aufgeschlossen.

70 Jahre Konditoren-Handwerk

 

Erfolgreicher Nachwuchs im eigenen Haus

Den Kontrapunkt setzt das Konditorenteam selbst, zu dem die 22-jährige Katja Sick gehört. Dabei hat die Abiturientin bei der Berufswahl anfangs noch mit sich gehadert, hat nicht so recht gewusst, welche Richtung sie einschlagen sollte. „Aber ich backe gerne. Und wenn Klassenkameraden nur ’ne Fertigmischung bei Aktionen aufgerissen haben, habe ich mich hingestellt und alles selbst gemacht. So kam ich darauf, dass mir das gefallen könnte.“ Unlängst hat sie ihre Gesellenprüfung in Lübeck bestanden, als beste unter denjenigen, die die Ausbildung verkürzen durften. „Yggdrasil der Weltenbaum“ habe das Motto gelautet.

Das Konditor-Handwerk

22 Mitglieder zählt die Konditoreninnung Schleswig-Holstein. 40 bis 45 Konditoreien gibt es laut Innungsobermeister Peter Czudaj (62) aus Lübeck insgesamt im nördlichsten Bundesland. Mit 60 Azubis pro Ausbildungsjahre stehe das Handwerk gut da. Die Quote derer, die bei der Prüfung durchfallen, liege bei fünf Prozent. „Die, für die der Beruf gar nichts ist, steigen schon nach der Probezeit aus“, sagt Czudaj. „Das betrifft etwa 30 Prozent.“

Gut 50 Junggesellen meistern pro Jahr ihre Prüfung. Patisserien von Hotels, Kreuzfahrtschiffe, Angebote aus dem Ausland: Konditoren werden händeringend gesucht, weiß der Obermeister. Und der Beruf sei beliebt: „Wir partizipieren, wie auch die Köche, von den vielen Fernsehsendungen.“ Die Nachfolge in Betrieben gestalte sich jedoch mitunter problematisch. „Die jungen Leute gründen lieber gerne selbst, fangen klein an, das ist der Trend.“

Von der Junggesellin zur Meisterin

Im Herbst tritt sie zum Landesentscheid an, an dessen Ende der beste Nachwuchskonditor Schleswig-Holsteins gekürt werden soll. Bis dahin wird gebüffelt, denn die junge Frau schiebt gleich ihren Meister nach. Ein halbes Jahr lang dauert die Ausbildung bis zur Prüfung. Etwa 20 Konditoren seien im Familienbetrieb ausgebildet worden, „und kein einziger ist durchgefallen“, betont Jürgen-Dieter Elend und ergänzt stolz: „Katja könnte aus dem Stand einen Laden führen, die hat das Zeug dazu.“ Aber er freut sich auch, dass sie Teil des Elendschen Konditoren-Teams ist. Eine Feier zum 70. bestehen plant die Mannschaft nicht. „Ist ja auch erst nächstes Jahr und man weiß ja nie, was kommt.“

Heike Hiltrop

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