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Segeberg Cybermobbing: Bedroht und verleumdet
Lokales Segeberg Cybermobbing: Bedroht und verleumdet
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00:08 12.10.2013
Ein zweijähriger Albtraum: Die Cybermobbing-Attacken sind dokumentiert und abgeheftet. Quelle: Domann
Bad Segeberg

Die digitale Welt ist für viele zum Lebensraum geworden. Und wie in der realen Welt begegnen einem dort Freunde und Feinde, mit dem Unterschied, dass Feinde mehr Möglichkeiten haben, unerkannt zu bleiben, so dass Opfer von sogenanntem Cybermobbing den Tätern oft hilflos gegenüberstehen. Um vor allem Kinder und Jugendliche auf die Gefahren der Internets aufmerksam zu machen, schildert Frank (48,*Name von d. Red. geändert), ein betroffener Segeberger, seine Erfahrungen.

Im März 2011 kam der erste Eintrag bei Facebook, er sei als pädophiles Schwein bezeichnet worden, er solle die Stadt verlassen, sonst geschehe ihm und seiner Freundin etwas. Er druckte das Schreiben aus, ging zur Polizei und erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Die Beamten dort seien zuversichtlich gewesen, die Täter zügig zu fassen. Doch die sind bis heute nicht ermittelt worden. „Das sähe anders aus, wenn wir die Datenvorratsspeicherung hätten“, sagt Frank. Doch die wurde 2010 vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt, weil unter anderem mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. So ist die Nachverfolgung der Täter langwierig, schwierig, manchmal unmöglich. Was Internet-Provider jedoch speichern dürfen, ist die Internetprotokoll (IP)-Adresse ihrer Kunden. Allerdings beträgt die Speicherfrist maximal sieben Tage, bei einigen nur 48 Stunden. „Der Geschädigte war gut vorbereitet, es hätte ein schneller Ermittlungserfolg sein können. Doch Probleme sieht man erst während der Ermittlung“, sagte Stefan Jung, Pressesprecher des Landeskriminalamtes Kiel, gegenüber den LN. Werde ein Fall von Cybermobbing angezeigt, befrage die Polizei den Provider nach dem Absender-Account. Doch nach Ablauf der Speicherfrist seien der Polizei die Hände gebunden. Ein weiteres Problem sei das Verschlüsseln der IP-Adresse. Technische Hilfsmittel ermöglichten eine Anonymisierung der Adresse. „Dann kommen wir an die Daten nicht mehr heran“, betonte Jung.

Doch damit will sich Frank nicht zufrieden geben. Er arbeitet mit einem Profiler zusammen und ist sicher, dass die Täter irgendwann auffliegen. Zuviel Schlimmes ist passiert: Drohungen, Beleidigungen, Verleumdungen. Hat er seinen Namen gegoogelt, erschien dieser mit dem Anhang „Kinderschänder“. Es dauerte lange, bis sein Anwalt eine Löschung dieses Eintrages erreicht hatte. Unter seinem Namen haben die Täter Waren im Internet bestellt, Kontaktanzeigen aufgegeben, andere beleidigt oder ein Kaufinteresse fingiert. „An einem Tag hat mein Telefon 600 Mal geklingelt.“ Sein Kundenstamm — er ist künstlerisch tätig — hat sich dezimiert, seine Freundin und er werden therapeutisch behandelt. Auch der Freundeskreis ist klein geworden. Nicht zu vergessen die Angst, auf fremde Menschen zuzugehen. Jeden rettenden Strohhalm hat er ergriffen und sich dreimal an verschiedene Fernsehsender gewandt. Im Nachhinein rate er davon ab. Was er aber jedem Opfer rät, ist, sich nicht zu Hause einzuschließen: „Hintern hoch und Zähne auseinander.“ Er hat über Umzug oder Auswanderung nachgedacht, doch das Internet vergisst nicht. Immerhin hat er sich aus sozialen Netzwerken abgemeldet.

Auch an Bundespolitiker hat er geschrieben: an die Kanzlerin, den Bundespräsidenten, an den Innen- und Justizminister, den Generalbundesanwalt, den Petitionsausschuss des Bundestages und das Bundeskriminalamt. Das Ergebnis: negativ. Es kam entweder keine Antwort oder eine nichtssagende. Auf Nachfrage bei der Bad Segeberger Polizeisprecherin Sandra Rüder zum Sachstand hieß es: Der Fall ist abgeschlossen. Für Frank allerdings noch lange nicht.

Kontakt: Um seine Erfahrungen weiterzugeben, hat der Segeberger eine Cybermobbing-Selbsthilfegruppe beim Awo-Kreisverband Segeberg eingerichtet.

Das nächste Treffen ist am 14. Oktober ab 18.30 Uhr. Eine Anmeldung unter der Rufnummer 0 45 51/30 05 ist erforderlich. sd

Silvie Domann