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Segeberg Das Geld von Vielen: Crowdfunding findet Weg in die Dörfer
Lokales Segeberg Das Geld von Vielen: Crowdfunding findet Weg in die Dörfer
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22:14 24.06.2018
Nicht nur in den Städten werden Projekte auf den Weg gebracht, mittlerweile auch in vielen Dörfern. SCREENSHOT: IB.SH SPENDENPLATTFORM
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Bad Segeberg

Jeder, der möchte, kann ein Projekt starten, sei es noch so klein: Bei der Bad Segeberger Lebenshilfe toben Kinder in einer Therapieschaukel, der Kinderschutzbund hat neue Kinderbücher gekauft, die Nabu-Fledermausschützer am Kalkberg vernetzten sich über einen neuen Computer, und die Norderstedter Pfadfinder sammelten über die Plattform der Investitionsbank für ein Zelt. Auch auf den Dörfern ist das Crowdfunding angekommen. In Westerrade haben sich Mütter erfolgreich für eine Rutsche auf dem Dorfspielplatz eingesetzt – mehr als 1800 Euro kamen in 30 Tagen zusammen. Die Kita Löwenzahn in Großenaspe hat mit mehr als 1500 Euro ihren Bauwagen renoviert und das Blunker Gemeindehaus jetzt bruchsichere Fenster, weil dort Kitakinder spielen.

Finanziell ausschwärmen: Online Geld zu sammeln, wird auch auf dem Land bekannter. Beim Crowdfunding spenden Viele größere oder Kleinst-Beträge für Vorhaben vor der Haustür. Elf wurden im Kreis Segeberg realisiert, sieben in Stormarn, zwölf im Herzogtum Lauenburg.

Ebenso in anderen Kreisen: Der Rümpeler Sportverein (Kreis Stormarn) hat zum Beispiel für 1700 Euro Holzspielzeug angeschafft, der Verein Vier Hufe in Barnitz sammelte für den blinden Hengst „Albert“, um einen Unterstand zu bauen; für Turnerinnen des TSV Trittau wurde ein Übungsholm schwarmfinanziert, und die Kanusparte des SV Hamberge hat auf diesem Weg die Rast- und Biwakstation Hamberge saniert. Im „Haus Arild“ in Bliestorf (Kreis Herzogtum Lauenburg) wurden für benachteiligte Jugendliche ein Kickertisch und eine Tischtennisplatte für draußen angeschafft; der Ratzeburger Jugendbeirat hat über diesen Weg 5000 Euro für eine schwimmende Riesenrutsche für den Aquapark an der Seebadestelle gesammelt.

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Weitere Plattformen

Das gemeinsame Spenden in Deutschland ist durch die Plattform www.kickstarter.com aus den USA populär geworden. Seit einigen Jahren haben sich neue Plattformen gegründet. www.startnext.com ist so eine; darüber sind zum Beispiel der verpackungsfreie Laden in der Lübecker Fleischhauerstraße unterstützt worden oder auch die neue Boulderhalle der Stadtaffen in Lübeck. Starthilfe für grüne Projekte gibt es über www.ecocrowd.de, auch www.indiegogo.com und www.visionbakery.com (Kreatives) sowie www.betterplace.org (Hilfsprojekte) werden in Deutschland genutzt. Die Volksbank hat im Kreis Stormarn 2016 zudem die Plattform vbstormarn.für-unsere-Region.de ins Leben gerufen, die auf ähnliche Weise für Initiativen im sublokalen Bereich funktioniert.

Unterstützt werden Vereine, Jugend, Umweltprojekte. „So soll es ja auch sein, dass nicht nur Firmen unterstützt werden. Wir wollen die breite Masse ansprechen“, sagt Birgit Rapior, Sprecherin der Investitionsbank Schleswig-Holstein, die die Plattform „wir-bewegen.sh“ betreibt. „Oft gibt es ganz tolle Initiativen, und man erfährt nichts davon.“ Auf der Plattform kann man sich Projekte nach Thema oder Region heraus suchen. „Viele Leute sind bereit, Geld zu geben. Aber es ist ihnen ganz wichtig zu wissen, wo das Geld hinkommt, dass es nicht in der Verwaltung versickert. Hier haben sie immer die Gewissheit, dass das Geld in dieses eine Projekt fließt.“

Wird das Ziel nicht innerhalb von 30, 45 oder 60 Tagen erreicht, geht selbst der kleinste Betrag an den Absender zurück. „Ehrenamtler zu sein, heißt nicht automatisch, dass auch die technischen Möglichkeiten vorhanden sind“, nennt Birgit Rapior Vorteile für Projektstarter. Größere Aktionen brauchen Werbung, sie brauchen Geld. Das Handling der Plattform ist denkbar einfach. „Es ist ein ganz simpler Weg, ein Projekt einzustellen und öffentlich zu machen“, sagt Bente Wohler, Leiterin des Jugendzeltplatzes Wittenborn. Ihr ist erst kürzlich die Summe von 5000 Euro für ein Kajak übergeben worden. 23 Unterstützer machten es in 60 Tagen möglich. Und nicht nur für Initiatoren ist es spannend: Unterstützer verfolgen den Status während der Laufzeit genauso. Es ist ein Mitfiebern: Wird das Ziel erreicht? „Das Spenden hat einen Schneeballeffekt. Man merkt, wie gut die Ehrenamtler untereinander vernetzt sind“, sagt Jana Möglich, die die Plattform koordiniert, Aktionen prüft und begleitet. Geldgeber können anonym bleiben oder Kommentare hinterlassen, dabei Argumente als Motivation hervorbringen – oder nichts sagen. Doch meist ist es ein Anfeuern, Dabeisein, das Hinterlassen eines Fingerabdrucks – die Fördergemeinschaft 2.0. Es ist die Tippgemeinschaft, die sammelt, der Stammtisch oder der Erlös einer Weihnachtsfeier. Zum Ende wollen schließlich alle, dass es gelingt.

Dann sprudeln noch mal die Summen. „Gemeinsam kann man richtig viel bewirken“, sagt Birgit Rapior. Oft wird der gewünschte Betrag übertroffen. „Wir sind überzeugt vom Alles-oder-nichts-Prinzip. Sind zwei Drittel erreicht, dann wird das was“, ist die Erfahrung von Jana Möglich. „Die Projekte, die nichts werden, sind auch von Anfang an eher schlecht gestartet.“

Die Initiative ist noch jung. In drei Jahren wurden rund 375000 Euro ausgezahlt, 184 von 255 Projekten waren erfolgreich. Das entspricht einer Quote von 72 Prozent. „Wir haben Geld für alles Mögliche, nur nicht für Werbung. So dauert es seine Zeit, bis so ein Instrument bekannter wird“, erklärt Rapior. „Wir werden die Plattform wieder nutzen“, sagt jedenfalls Bente Wohler. Und wird dabei sicher hin und wieder auch andere Aktionen verfolgen. Denn zusammen sind sie was. Aus vielen wird ein Ganzes – ein Schwarm, der sich fortbewegt. Auch abseits größerer Städte.

Viele Projekte deutlich überspendet

LN: 72 Prozent der Projekte erreichen das Spendenziel. Wie schätzen Sie diese Quote ein? Birgit Rapior, Sprecherin der Investitionsbank: Im Bereich der Crowdfunding-Plattformen ist das eine sehr gute Quote, auf die wir auch stolz sind. Wir führen das hauptsächlich auf intensive Beratung zurück. Wir geben Tipps zu Darstellung und Vermarktung. Unser „Alles-oder-nichts-Prinzip“ begünstigt zusätzlich den Erfolg, da Spender eher bereit sind, dem Projekt zu den anvisierten 100 Prozent zu verhelfen, da die Beiträge sonst zurückfließen.

Oft werden mehr als 100 Prozent der Summe erreicht. Was passiert mit dem Überschuss? Wir bitten die Projektstarter bereits vorher, die Verwendung etwaiger Überspenden zu erläutern. Denn wenn beispielsweise eine neue Rutsche für den Kindergarten angeschafft werden soll, können Überschüsse schwer in denselben Zweck fließen. Es gab bereits zahlreiche Projekte, die deutlich überspendet wurden. Die Investition des Überschusses ist transparent zu kommunizieren.

Was war der Auslöser für diese PlattformGemeinnützige Projekte haben häufig Finanzierungsprobleme. Private Spender kennen die Projekte nicht, und öffentliche Gelder stehen nicht immer in ausreichendem Umfang zur Verfügung. Die Plattform ist eine Bühne für förderungswürdige Projekte im Land. Erstmals erhalten Spendenwillige einen landesweiten Überblick mit räumlicher oder thematischer Auswahl von Projekten. Jede Spende fließt in ein klar umrissenes Vorhaben. Viele einzelne Spenden ermöglichen letztlich die Umsetzung.

Von Irene Burow