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Segeberg Wie die Computer-Spielsucht das Leben eines Schülers aus Bad Segeberg belastet
Lokales Segeberg Wie die Computer-Spielsucht das Leben eines Schülers aus Bad Segeberg belastet
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15:10 21.01.2020
Flucht in virtuelle Welten: Rollenspiele auf dem Computer oder im Internet können abhängig machen. Quelle: dpa-tmn
Bad Segeberg

Als Marcel K. (Name geändert) neun Jahre alt ist, fängt er an, Videospiele zu spielen. Kurz vor seinem 18. Geburtstag sieht sein Tagesablauf fast immer gleich aus. Er kommt von der Schule nach Hause, isst etwas, und dann verschwindet er auf sein Zimmer, um vor seinem PC in Online-Welten abzutauchen. Gegen 21 Uhr macht er den Computer wieder aus.

An einem Februartag im vergangenen Jahr eskaliert die Situation. Marcel K. leidet auch unter einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS). Als die Medikamentenwirkung nachlässt, kommt es zum so genannten Rebound-Effekt, das heißt, die Symptome kommen besonders stark zurück. Dazu kommt Stress in der Schule und zu Hause. „Da habe ich das ganze Obergeschoss auseinandergenommen“, beschreibt der junge Mann die Folgen. Nach einem langen Gespräch mit seinem Vater willigt er ein, zu einem Suchtberater zu gehen. Marcel K. wird krankgeschrieben, kommt vorübergehend in das Psychiatrische Krankenhaus in Rickling und lebt heute in einer Wohngemeinschaft der Ambulanten und Teilstationären Suchthilfe (ATS) Segeberg. Seine Diagnose: Computerspielsucht.

Die Zahl der Fälle steigt

Die Sucht nach Videospielen gehört zur „Mediensucht und Medienabhängigkeit“, zu der neben der problematischen Nutzung von Computerspielen auch eine Social-Media-Abhängigkeit zählt. „Mediensucht ist ein großes, neues Thema, und die Zahl der Fälle steigt ganz klar“, sagt Jessica Prieß, Regionalleiterin der ATS.

Fast eine halbe Million Jugendliche gefährdet

Erstmals hat die Krankenkasse DAKin ihrem aktuellen Gesundheitsreport das Thema „Gaming“, also das Spielen von Computerspielen sowohl im Internet als auch offline, untersucht. Nach der gemeinsamen Studie mit dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen gehören von den drei Millionen Jugendlichen, die regelmäßig an Computer, Smartphone oder der Konsole spielen 15,4 Prozent zur Risikogruppe. Das sind 465 000 Jugendliche.

Social Media nutzen 85 Prozent der Zwölf bis 17-Jährigen täglich. Etwa 2,6 Prozent, das sind etwa 100 000 Jugendliche, erfüllen die Kriterien einer Social-Media-Störung.

Zu den Risikospielern gehören vor allem Jungen, Mädchen sind hingegen stärker in den sozialen Netzwerken unterwegs.

Ein Schwerpunkt lag bei der DAK-Studie auch auf den Auswirkungen auf die Arbeitswelt. „62 Prozent der Arbeitnehmer im Norden spielen Computerspiele“, sagt Nils Junker von der DAK. 6,5 Prozent aller Erwerbstätigen würden als „riskante Gamer“ gelten, also ein auffälliges Nutzungsverhalten zeigen. Jeder Vierte davon würde auch während der Arbeitszeit Computerspiele spielen. Trotz der alarmierenden Zahlen bleibt im Vergleich der Alkohol das Suchtproblem Nummer eins. Mit ihrem Trinkverhalten setzen sich bundesweit rund vier Millionen Erwerbstätige Risiken aus, krank oder abhängig zu werden. „Die Zahl der Betroffenen macht uns Sorgen. Der riskante Umgang mit Alkohol bleibt ein zentrales Problem in unserer Gesellschaft, das auch gravierende Folgen in der Arbeitswelt hat“, sagt Junker.

Private Probleme steigern Suchtrisiko

Dabei sind es zwei Dinge, die eine Sucht entstehen lassen. Auf der einen Seite stehen die Spiele und sozialen Medien selbst. „Der Zugang zu sozialen Netzwerken und auch das Spielen über mobile Endgeräte macht Anwendungen stets griffbereit. In Onlinespiele integrierte Gewinnspiele und Formate, die das Viel-Spielen oder auch den Geldeinsatz der Nutzer belohnen, steigern das Suchtrisiko“, weiß Judith Schaum, Sozialpädagogin bei der Fachstelle Medien der ATS. Wenn der Spieler dann noch private Sorgen hat, ist das Risiko, in eine Sucht zu geraten, besonders groß. „Wir beobachten bei den Betroffenen häufig, dass eine Sehnsucht nach Alltagsflucht besteht“, sagt Prieß.

Hier gibt es Hilfe

Auf www.suchtonline.de können Betroffene oder Angehörige sich im Internet in einem Chat zu bestimmten Sprechzeiten auch anonym persönlich beraten lassen. Es handelt sich dabei um ein Projekt der Ambulanten und Teilstationären Suchthilfe (ATS).

Für persönliche Gespräche oder Telefonate kann man sich im Kreis Segeberg auch an die Suchtberatungsstellen der ATS in Bad Segeberg, Kaltenkirchen, Bornhöved oder Norderstedt wenden. Im Kreis Stormarn übernimmt die Therapiehilfe e.V. im Norden und die Südstormarner Vereinigung für Sozialarbeit im Süden die Beratung. Beratungsstellen gibt es in Bad Oldesloe, Ahrensburg und Reinbek. Die Therapiehilfe bietet aber auch Beratungen in Bornhöved und Trappenkamp an.

Anerkennung in der Online-Welt

So war es auch bei Marcel K. „In der Schule wurde ich gemobbt“, erzählt er. Seine Mitspieler in der anonymen Online-Gemeinschaft, die selber irgendwo in Deutschland vor ihrem Rechner saßen, mobbten ihn nicht. Marcel K. begann, sich in die Online-Welt zurückzuziehen. „Oft sind die Menschen gut in den Spielen und bekommen dort dann die Anerkennung, die ihnen sonst vielleicht fehlt“, sagt Jessica Prieß.

Jessica Prieß (l.) und Judith Schaum von der ATS helfen Betroffenen. Quelle: Sven Wehde

Aggressionen oder Depressionen als Folgen

Die Folgen sind für viele Süchtige immens. „Dazu gehören oft schulischer Leistungsabfall, soziale Isolation, Konflikte in der Familie oder auch aggressives Verhalten sowie die Entwicklung von Depressionen“, sagt Schaum. Oft hilft dann nur eine Verhaltenstherapie. Marcel K. arbeitet derzeit mit einem Ampelsystem. Es gibt Medien, die auf Grün stehen, die darf er konsumieren. Computerspiele, die auf Rot stehen, sind tabu. Auf Orange stehen die Medien, deren Nutzung geprobt wird. „Während es bei Alkoholabhängigkeit ja um eine vollkommene Abstinenz geht“, sagt Prieß, gehöre die Nutzung von Medien ja zum Leben dazu. Und es gelte, das richtige Maß zu finden und den Umgang damit neu zu erlernen.

Der Test: Ab wann ist man videospielsüchtig?

Auf wen fünfder folgenden Kriterien zutreffen, gilt als videospielsüchtig. Treffen zwei bis vier der Kriterien zu, handelt es sich laut DAK bereits um eine „riskante Nutzung von Videospielen“. Das umfasst sowohl Handyspiele, Internetspiele, Computerspiele und Konsolenspiele.Die Kriterien:– Übermäßige Beschäftigung mit Videospielen (auch Gedanken drehen sich immer wieder um das Spielen)– Entzugssymptomatik, wenn das Spielen wegfällt (Reizbarkeit, Ängstlichkeit oder Traurigkeit)– Toleranzentwicklung (zum Beispiel Bedürfnis nach zunehmend längeren Spielzeiten)– Erfolglose Versuche, das Spielen zu kontrollieren– Interessenverlust an früheren Hobbys und Freizeitbeschäftigungen– Fortgeführtes exzessives Spielen trotz der Einsicht in die psychosozialen Folgen– Täuschen von Familienangehörigen, Therapeuten und anderen bezüglich des Umfangs des Spielens– Nutzen von Spielen, um einer negativen Stimmungslage zu entfliehen oder sie abzuschwächen (zum Beispiel Gefühl der Hilflosigkeit, Schuldgefühle, Ängstlichkeit)– Gefährdung oder Verlust einer wichtigen Beziehung, der Arbeitsstelle oder Ausbildungs- oder Karrieremöglichkeit aufgrund der Spiele

Ausbildung als Ziel

Marcel K. ist auf einem guten Weg. Er besucht häufig seine Familie, die ihm wichtig ist und die ihn unterstützt. Er arbeitet ehrenamtlich und wird jetzt bald eine Ausbildung anfangen. „Die will ich schaffen, das ist jetzt erst einmal mein Ziel“, sagt Marcel K.

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Von Sven Wehde

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