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Segeberg Demo in Bad Segeberg: „Weil ihr uns die Zukunft klaut!“
Lokales Segeberg Demo in Bad Segeberg: „Weil ihr uns die Zukunft klaut!“
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16:18 24.05.2019
Als Teil des globalen Klimastreiks in 121 Ländern am 24. Mai gehen Schüler und Erwachsene in Bad Segeberg auf die Straße. Quelle: Irene Burow
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Bad Segeberg

Rund 150 Schüler und Erwachsene sind im Zuge des Globalen Streiks in Bad Segeberg auf die Straße gegangen. Zunächst sah es nicht nach großer Beteiligung aus. Doch durch den Weg vorbei an den Schulen gesellten sich weitere Schüler dazu.

„Für unsere erste Demo bin ich begeistert“, sagt Organisatorin Dominique Swoboda. Auch wenn sie traurig ist, dass es nicht mehr geworden sind. „Ich hatte mit größerer Beteiligung gerechnet.“ Aber man müsse auch realistisch bleiben: Am Freitag wurden Abiturprüfungen geschrieben. „Andere sind sicher zum Streiken nach Kiel oder Hamburg gefahren.“

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Aktivisten vor Ort streiken mit Fridays for Future weltweit

Teil eines weltweiten Streiks

Die Demonstranten sind Teil des bisher größten Klimastreiks. Auf der Welt sind laut Fridays for Future am gleichen Tag Menschen in rund 1600 Orten in 120 Ländern fürs Klima auf die Straße gegangen. „Wir sind hier, wir sind laut – weil ihr uns die Zukunft klaut“, schallte es aus dem Megafon in Bad Segeberg.

Doch dafür, dass die Stadt in dieser Woche den Klimanotstand zur offiziellen Sache hat werden lassen, hätten es durchaus mehr Aktive sein können. „Ich hätte mir mehr Vertreter aus der Politik gewünscht“, sagt der einzige, der sich stellvertretend blicken ließ: Michael Ehlers von der Freien Wählergemeinschaft BBS. „Ich finde es großartig, was hier passiert. Auch wenn es heute nicht ganz so viele geworden sind.“

Munter beäugt wurde die Menge auch aus Fenstern und vom Straßenrand. Beim Streiken vs. Schuleschwänzen für das Klima scheiden sich die Geister. „Jetzt sind sie hier, und im Sommer fliegen sie dann in den Urlaub“, glaubt Silvia Renatus aus Bad Segeberg. „Die sollen lieber zur Schule gehen.“ Andererseits, sagt sie, müsse jemand anfangen. „Sie haben recht, die Welt geht kaputt.“

Stille Demo vorm Kreishaus in Bad Segeberg. Quelle: Irene Burow

Elke Hansen, die sie begleitet, ergänzt: „Große Tanker laden den Müll im Meer ab. Alte Autos werden nach Afrika verschifft. Dieses ganze System ist ein Widerspruch in sich. Herrscht in Afrika ein anderes Klimaproblem? Ich denke nicht.“ Andere sind ebenso zwiegespalten. „Es ist doch schon zu spät“, sagt eine Dame auf dem Marktplatz. Politik und Wirtschaft hätten es in der Hand. „Konzerne mit ihrer Massenproduktion und Billigmärkte an jeder Ecke – dort muss sich etwas ändern.“

Forderungen müssen konkreter werden

Grundsätzlich sei die Initiative der Schüler gut, findet Kai Wacker aus Bad Segeberg. „Wer ist nicht für das Klima? Doch wenn ich dann die Leute mit Kaffeebechern aus den Geschäften laufen sehe...“ Die Forderungen müssten konkreter werden. Ein Tunnel unter der B206 zum Beispiel, wegen der ewigen Staus in Segeberg. Oder bessere Radwege in der Region. Tatsächlich twitterte der ADFC Schleswig-Holstein am Mittwoch, dass Bad Segeberg beim Radwegeausbau zu den Schlusslichtern im Land gehört.

Ohnmacht des Einzelnen

„Meine Kinder dürften auch mitstreiken“, sagt Bettina Sommerburg aus Lübeck. „Sinn macht das schon. Aber freitags schwänzen finde ich nicht gut“, sagt hingegen eine andere Frau in der Fußgängerzone. „Es fallen durch den Lehrermangel sowieso schon so viele Stunden aus.“ Peter Nemeth ist sogar verärgert – wegen der Ohnmacht des Einzelnen.

„Wir kaufen im Supermarkt mit Tupperware ein. Wir kaufen Glasflaschen. Wir sammeln Müll und nutzen Dinge aus zweiter Hand“, sagt der Reha-Techniker. „Die Demo ist hochaktuell. Jeder denkt, es betrifft ihn nicht. Doch das Problem ist überall: Jeder Scheiß ist in Plastik verpackt, und alle Unternehmen machen mit.“ Es sei ein Lauf im Hamsterrad: „Keiner kommt dagegen an, solange die Verpackungs-Lobby so groß ist.“

Ganzer Jahrgang beteiligt sich

Halt machten die Demonstranten vor den Schulen in der City. Vor der Dahlmannschule und der Gemeinschaftsschule am Seminarweg gab es keine große Regung. Eine Überraschung gab es vor dem Städtischen Gymnasium, als der zehnte Jahrgang den Demonstrationszug auf einmal verdoppelte. Schulleiter Frank Ulrich Bähr hatte die Zeit als offizielle Veranstaltung deklariert, weil das Thema im Wipo-Unterricht nachgearbeitet wird.

„Schüler haben sich im Vorfeld zu Wort gemeldet und er hat gesehen, dass es ihnen wichtig ist. Bevor also die Schüler einzeln den Unterricht verlassen hätten, haben wir beschlossen, gebündelt zu gehen“, erklärt Fachlehrerin Lena Krämer, während die Probleme durch den Klimawandel durchs Megafon drangen. „Vielleicht geht es ja, dass die Karl May Spiele auch ohne Feuerwerk auskommen“, hieß es etwa. Oder dass ein Großteil aller Masthähnchen in der Metropolregion Hamburg aus dem Kreis Segeberg kämen.

Eine stille Demo für dem Segeberger Kreishaus zeigte am Ende insofern Wirkung, als dass der stellvertretende Landrat Hendrik Schrenk sowie die Klimaschutzbeauftragten des Kreises, Heiko Birnbaum und Sabrina Guder, sich blicken ließen, um mit der Menge ins Gespräch zu kommen. Sie informierten über die vielfältigen Projekte, die es zum Klimaschutz bereits gibt.

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