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Segeberg Der Fall Hakopjan: Bericht untermauert schwere Vorwürfe
Lokales Segeberg Der Fall Hakopjan: Bericht untermauert schwere Vorwürfe
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23:07 07.04.2014
Zahlreiche Menschen setzen sich inzwischen für Artak und Karine Hakopjan und ihre Söhne Erik (12), Karen Alex (11) und Roman (7) ein. *Fotos: spr
Zahlreiche Menschen setzen sich inzwischen für Artak und Karine Hakopjan und ihre Söhne Erik (12), Karen Alex (11) und Roman (7) ein. *Fotos: spr
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Nahe

Wie ging es zu in der Wohnung der Hakopjans? Wie ging es weiter auf dem Flughafen Fuhlsbüttel? Die Abschiebebeobachterin der Hamburger Diakonie, Astrid Schukat, hat die von ihr miterlebten Vorkommnisse auf dem Airport einem internen Kreis, dem sogenannten Forum, geschildert. Ihm gehören Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche, von Pro Asyl, amnesty international, dem UNHCR, der Bundespolizei und der Innenministerien Hamburgs und Schleswig-Holsteins an. Ihr Bericht liegt den LN vor.

Artak und Karine Hakopjan, die seit 13 Jahren in Deutschland leben, und ihre drei Söhne Erik (12), Karen Alex (11) und Roman (7) sollten am 31. Januar aufgrund eines Gerichtsbeschlusses abgeschoben werden (wir berichteten). Die Vorgehensweise der Ausländerbehörde des Kreises Segeberg soll nach Angaben der Familienmitglieder und Beobachtern aus Nahe rüde gewesen sein.

Der betont nüchtern gehaltene Bericht von Astrid Schukat bestätigt das: „Da sind ganz viele Verhältnismäßigkeiten überschritten worden.“ Zum Beispiel die Tatsache, dass Frau Hakopjan im Schlafanzug zum Flughafen gebracht wurde. Die Ausländerbehörde hatte dies gegenüber den LN bisher abgestritten. Astrid Schukat: „Wenn mir jemand weinend im Schlafanzug gegenüber sitzt, dann kriege ich die Krise.“ Jemanden derart gekleidet abschieben zu wollen, sei „ein absolutes no go, das ist menschenunwürdig“. Auch dass die fünfköpfige Familie lediglich 15 Euro bei sich hatte, sei ein Unding gewesen.

Der Vater war gefesselt, die Mutter ruhiggestellt

Und dass nach 13 Jahren in Deutschland die Familie lediglich zwei Handgepäckstücke dabei gehabt habe (fünfmal je 20 Kilo wären zulässig gewesen), „ist überhaupt nicht zu verstehen“. Einen Koffer hätten die Kinder selber packen müssen (was sehr ungewöhnlich sei), den anderen habe ein Sachbearbeiter für die Eltern gepackt. Der Vater war zu diesem Zeitpunkt gefesselt gewesen, die Mutter soll gegen ihren Willen von einem Arzt mit Medizin ruhiggestellt worden sein. Das habe sie aber nicht selber gesehen, schränkte Astrid Schukat ein, dies sei ihr berichtet worden.

„Die Kinder waren geschockt, der Große hatte Tränen in den Augen“ — so habe sie die Kinder in Fuhlsbüttel erlebt. Unüblicherweise seien die Hakopjans sehr früh, um 6 Uhr, zu Hause aufgesucht worden.

Sie hätten noch geschlafen. Dabei sollte das Flugzeug nach Jerewan erst um 12.20 Uhr starten. Der zwölfjährige Sohn habe ihr berichtet, es hätten Polizisten an seinem Bett gestanden, als er aufgewacht sei. Er habe sich sehr erschrocken.

Die Abschiebebeobachterin traf erst um 8 Uhr auf dem Flughafen ein. Da sei die Familie schon dort gewesen. Schukat: „Das war ungewöhnlich, denn meist sind die Abzuschiebenden erst etwa zwei Stunden vor Abflug am Flughafen“ und würden von ihr in Empfang genommen. Wie berichtet, hatte der Anwalt der Familie bis zuletzt versucht, die Abschiebung noch zu stoppen. Dies sei ihm auch gelungen, nachdem sich vier Richter an diesem 31. Januar mit dem Fall befasst hätten, so Astrid Schukat. Auch dies sei ungewöhnlich. Vermutlich habe keiner der Richter die Entscheidung allein treffen wollen.

Um 11.50 Uhr wurde die Familie aufs Rollfeld gebracht, ihr Gepäck war schon in der Maschine — sie sollte um 12.20 Uhr abheben. Schukat: „Wir standen um 12 Uhr mit dem Auto vor dem Flugzeug, da kam die Nachricht, dass die Maßnahme abgeblasen wird. Es war wie im Krimi.“ Das Gepäck der Hakopjans sei erst elf Tage später wieder in Hamburg gewesen. Als sie es der Familie bringen wollte, habe ihr niemand geöffnet. Als sie dann ihr Auto besteigen wollte, habe Frau Hakopjan sie auf dem Parkplatz erkannt und die Tür doch geöffnet. „Sie entschuldigte sich dafür und sagte, dass sie seit dem Morgen Angst habe, die Tür zu öffnen. Jede Nacht um 4.30 Uhr werde sie wach und könne vor Angst nicht mehr schlafen“, beschrieb Astrid Schukat. Auf die Frage, wie sie die Aktion der Behörden beschreiben würde, sagte sie: „Diese Behandlung von Abzuschiebenden ist in meinen fast fünf Jahren im Amt einmalig gewesen. Ein Negativbeispiel vom Härtesten — ich war an diesem Tag völlig fertig.“

„Viele Verhältnismäßig- keiten wurden überschritten.“
Astrid Schukat, Abschiebebeobachterin

Christian Spreer