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Segeberg Die Mammut-Aufgabe von Boostedt
Lokales Segeberg Die Mammut-Aufgabe von Boostedt
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12:31 03.12.2015
Nicht alle der zu behandelnden Flüchtlinge können im Praxisgebäude warten, berichtet Dr. Andre Kröncke (48). Unterm Zelt ist es zwar kalt, aber trocken.
Boostedt

Faiza entblößt nur so viel von ihrer Schulter, dass Krankenpfleger Michael Karck (32) ihr die Spritze geben kann. Ihr Kopftuch und das lange Gewand behält sie bei der Untersuchung an, denn es sind fremde Männer im Raum. Rücken an Rücken sitzt sie mit ihrem Ehemann Zahid, der von einem anderen Mediziner zeitgleich geimpft wird. Es muss schnell gehen. Im Wartezimmer wartet eine bunte Schar von Menschen verschiedener Hautfarben und Kulturen. Die Meisten haben Schmerzen, gezeichnet von einem tausende Kilometer währenden Rennen um ihr Leben. Jetzt kommen die kleinen Kinder des Paares an die Reihe.

Zügig bereiten weitere Mitarbeiter im Behandlungsraum Dutzende Injektionen vor. Ohne sich vom Gewusel ablenken zu lassen, lässt die Flüchtlingsfamilie die Impfung, die Blutprobe und auch die Suche nach Kopfläusen im Sprechzimmer geduldig über sich ergehen. Nicht nur aus Erschöpfung. Für sie ist der Arztbesuch nach Wochen der Angst, des Hungerns und des Frierens ein erlösender Schritt zurück in die Zivilisation, berichten sie. Wie ihnen geht es vielen der 1800 Flüchtlinge, die in die von der Notarzt-Börse aus Pogeez (Kreis Herzogtum-Lauenburg) betriebenen Ambulanz in der Boostedter Erstaufnahme kommen.

„Am Anfang hat mich das sehr getroffen“, berichtet Dolmetscher Reza (56), der in den Sprechstunden dabei ist. Er spricht offen über seine Eindrücke, wenn man ihn in einer ruhigen Ecke des Flures, von dem Wartezimmer, Rezeption und diverse Behandlungsräume abgehen, befragt. Er berichtet zum Beispiel, wie ein elfjähriger Junge mit zahllosen Knochenbrüchen in die Praxis kam. Trotz schwerer Verletzungen beim Sturz im türkischen Gebirge flüchtete die Familie mit ihm bis nach Deutschland. „Ich wäre gestorben vor Schmerzen auf der Reise“, sagt der Dolmetscher mit traurigen Augen.

Er hat in drei Jahren Arbeit in Erstaufnahmen viel gesehen und weiß, dass Pauschalisierungen über Flüchtlinge nur in der Theorie bestehen. Allein unter den Muslimen sieht er große Unterschiede: Etwa konservative Familien, in denen nur der Mann das Sagen habe. Aber auch starke Frauen, die schick gekleidet seien, kein Kopftuch trügen und selbstbewusst durchs Leben gingen. Nicht immer geht es ruhig zu. Das sei den provisorischen Wohnbedingungen geschuldet. Streit gibt es immer wieder. So wie jetzt, als zwei junge Männer sich am Eingang des Praxisgebäudes vordrängeln und die Security sie höflich zurück in die Schlange vor dem Gebäude in der Rantzau-Kaserne bittet.

Wer den Blick durch die Einrichtung schweifen lässt, vergisst die Debatte aus den Medien — die Zahlen, die Ängste und die organisatorischen Probleme. Vor dem roten Ziegelgebäude warten 50 Menschen unter einem Zelt, auf das der kalte Herbstregen prasselt. Bohrende Zahnschmerzen, Kleinkinder mit Durchfall, Füße voller Blasen. Das sind noch die kleinsten Wehwehchen, mit denen die Ärzte zu tun haben. Kaum ein Beobachter kann sich dem Mitgefühl verschließen.

Für die Mitarbeiter des ärztlichen Dienstes kommt dazu noch ein anderes Gefühl: Die Gefahr drohender Infektionen ist allgegenwärtig. Tuberkulose, eine Krankheit, die hierzulande eigentlich keine Bedeutung mehr hat, ist ein Thema. Die Notarzt-Börse hat die medizinische Versorgung vieler Tausend Flüchtlinge in vier Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes übernommen. Sie ist damit nicht mehr nur Vermittler von Medizinern, sondern ein wichtiger Träger für die medizinischen Herausforderungen des Landes.

Die Pogeezer und ihre Mitarbeiter müssen täglich bis zu 200 Patienten in Notfällen versorgen und die gesetzlich vorgeschriebene Erstuntersuchung gewährleisten. Eine Mammut-Aufgabe. „Wir haben es immer wieder mit Mumps und Masern zu tun“, berichtet Andre Kröhnke (48), Chef und Gründer der Notarzt-Börse. 85 Prozent der Bewohner in der Boostedter Einrichtung seien jedoch gesund. Ansonsten bereiten dem medizinischen Personal bekannte Parasiten Probleme: „Wir haben ständig mit Kopfläusen zu tun“, berichtet etwa Dr. Peter Marks (38), Facharzt für Chirurgie. Das passiere einfach, wenn Menschen auf engem Raum zusammenleben und komme auch in Kitas häufig vor.

Marks reizen die Herausforderungen der Flüchtlingsbetreuung. Er sieht Krankheiten, mit denen er sonst selten zu tun hat. Sein vom Land erteilter Auftrag ist die Notfallversorgung — vor allem bei Schmerzen. Die gelingt meist. Doch bei traumatischen Folgen der Flucht, die oft erst durchkommen, wenn die Menschen endlich ein Bett haben und zur Ruhe kommen, ist er machtlos. „Das kann schon hart sein, wenn ein gestandener Mann plötzlich zusammenbricht und weint“, sagt er bedeutungsschwer. In der „medizinischen Hausbetreuung“ der Erstaufnahme seien längere Therapien nicht vorgesehen. Dafür ist der Medikamenten-Schrank stets gut gefüllt.

Gefahrenabwehr
Laut Dr. med. Renee A. J. Buck, Abteilungsleiterin Gesundheit im Kieler Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie und Gleichstellung, wurden in Schleswig-Holstein bisher fünf Fälle von Tuberkulose unter 10 000 Asylbewerbern gezählt. „Wir haben insgesamt 60000 Flüchtlinge in diesem Jahr nach Schleswig-Holstein bekommen“, erklärt Buck. 13 000 davon befänden sich derzeit in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes. Der Rest sei bereits auf die Kommunen verteilt worden.



Magdalena Drywa, Sprecherin des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten, erklärt, dass die medizinische Erstuntersuchung der „Gefahrenabwehr dient“. Die Ausbreitung von Infektionskrankheiten unter den Flüchtlingen und der heimischen Bevölkerung solle verhindert werden. Dazu wird unter anderem der Impfschutz aufgebaut, es werden Stuhl und Blutproben genommen.

Florian Grombein

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