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Segeberg Ein Borsteler mit Leib und Seele
Lokales Segeberg Ein Borsteler mit Leib und Seele
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23:06 01.03.2014
Wilhelm Sager hat zusammen mit Wilfried Möller über 700 alte Fotos zusamengetragen und die besten veröffentlicht. Quelle: Spreer
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Sülfeld-Borstel

Borstel ist kein Dorf wie jedes andere“ — diesen Spruch stellt Wilhelm Sager seinem Buch über sein Heimatdorf voran. Dieser Satz ist für den 71-Jährigen mehr als nur ein Statement. Er kommt aus seinem Innersten: In Borstel ist er geboren, dort hat er seine Kindheit verbracht und die hat ihn geprägt. Er sagt: „Ich bin da groß geworden, und das lässt mich nicht los.“

Borstel ist eigentlich gar kein Dorf. War nie eines. Es war eigentlich stets ein großes Gut, und es ist neben Tönningstedt auch nur ein Teil von Sülfeld. Okay, räumt Sager ein. „Aber es ist der wichtigste Teil“ — darauf besteht er. „Borstel war immer der geistige Mittelpunkt der Gemeinde — und ist es heute noch“, betont Sager. In Sülfeld dagegen sei neben der Kirche stets nur das Gemeindebüro gewesen. Mit  einer Ausnahme: In der Zeit, in der sein Vater Bürgermeister war. „Da hat er das Gemeindebüro nach Borstel verlegt.“

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Als alter Borsteler, der dort vor 71 Jahren geboren wurde und bereits ein Buch über das Gut verfasst hatte, nahm er die Aufforderung eines anderen Ur-Borstelers, Wilfried Möller, gern auf, gemeinsam eine Zeitreise durch ihren Heimatort zusammenzustellen. Möller fragte so ziemlich jeden Bürger dort nach Fotos. Sager: „Der ging den Leuten richtig auf den Wecker.“ Mit Erfolg: Möller trug Unmengen von alten Fotos zusammen. Auch Ilse Führmann sammelte ordentlich mit. Die Drei hatten rasch 700 alte Fotos zusammen — mehr als genug für das Buch „So war das damals — Borstel: eine Zeitreise von den 1930er bis in die 60er Jahre“.

Sager und Möller haben sich bewusst auf diese Zeitspanne konzentriert. In dieser Zeit gab es mehrere interessante „Brüche“, wie er das nennt. Das Gut, das in rascher Folge mehrere Eigentümerwechsel hinter sich gebracht hatte, wurde 1932 aufgesiedelt. So entstanden viele Kleinbauernstellen mit vielen Kindern. Eine Schule wurde gebaut. Sager senior wurde der erste Lehrer. Die ersten Trecker lösten die Arbeitspferde in der Landwirtschaft ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg strömten Flüchtlinge nach Borstel. Sager: „Wir haben zeitweise mit fünf Familien im Lehrerhaus gewohnt.“ 1947 wurde das Tuberkuloseforschungsinstitut gegründet — die Wissenschaft kam nach Borstel. Und mit ihr eine völlig andere Klientel. Und schließlich setzte 1960 der Konzentrationsprozess in der Landwirtschaft ein.

Die Zahl der Höfe nahm wieder ab, dafür nahm ihre Größe zu. Die „allmähliche Industrialisierung der Landwirtschaft“ begann. Die Zahl der Kinder sank rapide, so dass die Schule in den 60er Jahren wieder geschlossen wurde.

Eines hat sich aber bis heute nicht geändert, so Sager: „Das Herrenhaus ist die Keimzelle.“ Dort zogen ab 1947 Ärzte, Physiker, Chemiker, Techniker und andere studierte Leute ein. Sager: „Die bildeten eine Welt für sich.“ Sie lebten zumeist auf dem Gelände und kapselten sich ab. Ein Zaun trennte sie von den richtigen Borstelern. Aber der junge Wilhelm durfte als Sohn des Lehrers dazugehören. Die „normalen“ Borsteler Kinder nicht. Sager: „Der Zaun wurde von den Kindern der Höfe als Grenze respektiert.“ Die Trennung ging sogar so weit, „dass die Kinder der Mitarbeiter bis in die 50er Jahre mit einem eigenen Bus zu den weiterführenden Schulen nach Bad Segeberg gefahren wurden“, schreibt Sager, der längst Bad Segeberger ist, in seinem Buch. Die Trennung zwischen Höfen und Schloss blieb also lange bestehen. Eine Vermischung gab es nicht. „Im Schloss waren alle meine Freunde, es war mein Spielplatz.“ So betrachtet, war Sager ein privilegierter Dorfjunge. Und er liebt sein Dorf immer noch. Als Sülfelder habe er sich nie gefühlt: „Sülfeld ist ‘n Kaff, im Innersten bin ich immer noch Borsteler.“

Wer ein Buch kaufen möchte (es kostet 20 Euro), kann sich an Wilhelm Sager, Telefon 0 45 51/8 76 57, oder an Ulrich Bärwald, Telefon 0 45 37/79 03, wenden. Das Buch hat zirka 150 Seiten mit rund 300 Abbildungen.

Christian Spreer