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Segeberg Eltern kämpfen für ihre Tochter Alma
Lokales Segeberg Eltern kämpfen für ihre Tochter Alma
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12:11 29.10.2019
Alma (3) leidet an einer Hörbehinderung und sehr schweren Sprachentwicklungsstörung. Quelle: privat
Henstedt-Ulzburg

Carolin und Dennis Terrey wissen sich nicht mehr anders zu helfen. Ihnen läuft die Zeit davon. Ihre Tochter Alma kann nicht sprechen und hört nur wenig. Das Mädchen, seine Eltern und Geschwister brauchen jemanden, der die Gebärdensprache beherrscht. Doch das ist teuer. „Sie ist isoliert. Sie kann keine Streits ausfechten oder sagen, dass sie Hunger hat“, erklärt ihre Mutter Carolin.

Bei den zuständigen Behörden, die über Fördermaßnahmen entscheiden, kämpfen die Eltern seit Monaten gegen Windmühlen. „Der Kreis Segeberg und das Jugendamt Henstedt-Ulzburg sind verantwortlich, Hilfe zu leisten. Doch sie stellen sich quer. Es ist ein Wahnsinn, was die mit uns machen“, so die 34-Jährige. Nun stehen Eilentscheidungen vor Gericht an. „Uns ist bewusst, dass das ein besonderer Fall ist. Aber wir haben absolut kein Verständnis mehr, dass alle es einfach nur aussitzen.“

Mädchen nimmt Gebärdensprache an

Denn gerade jetzt sei die Zeit, in der das Mädchen den Zugang zur Sprache finden würde – und damit zur gesamten Umgebung. Den Weg zur Lautsprache finde sie jedoch nicht, den zur Gebärdensprache aber schon, sagen ihre Eltern: „Dieses Fenster schließt sich um ihren vierten Geburtstag“, sagt die dreifache Mutter. „Ihre Zeit läuft.“

Familie Terrey aus Henstedt-Ulzburg kämpft für ihre behinderte Tochter Alma (3). Quelle: privat

Deshalb ziehen Carolin und Dennis Terrey nun alle Register – und gehen an die Öffentlichkeit: Eine Homepage wurde entwickelt, eine Facebookseite ins Leben gerufen. Auf Youtube erzählen sie ihre Geschichte. Freunde und Bekannte helfen. Fachleute kommen zu Wort.

Die Resonanz nach zehn Tagen ist groß: Auf Facebook wurde das Video 150 000 mal aufgerufen und knapp 4000 mal geteilt. „Damit haben wir so schnell nicht gerechnet“, sagt die Gymnasiallehrerin. Sie und ihren Mann, der beim Radio arbeitet, „erreichen Nachrichtenfluten“. Die Menschen äußern ihr Mitgefühl und geben Tipps. „Jedoch ist nichts dabei, was wir noch nicht versucht haben.“

Sie wollen Alma eine Stimme geben

Auch wenn sie mit dieser Entwicklung kaum hinterherkommen: „Wir wählen bewusst den Weg der Öffentlichkeit, um Alma eine Stimme zu geben und um anderen betroffenen Familien Mut zu machen. Denn Alma ist kein Einzelfall.“

Das Mädchen leidet seit Geburt an einer Hörbehinderung und einer sehr schweren Sprachentwicklungsstörung. Im Herbst 2018 beantragen die Eltern einen integrativen Kindergartenplatz. Doch auch nach eineinhalb Jahren intensiver logopädischer Behandlung kann Alma nicht sprechen und ihr Umfeld nur unvollständig verstehen. Ihnen wird klar, dass es mehr braucht. „Da wussten wir noch nicht, was für Rechte und Möglichkeiten es gibt“, erinnert sich die Mutter.

Auf Anträge und Nachfragen habe man behördenseitig nur schleppend reagiert. Im Juni nehmen sie sich schließlich einen Anwalt und werden konkreter. „Jetzt wissen wir es besser: Dass uns gesetzlich eine passgenaue Eingliederungshilfe zur Verfügung gestellt werden muss.“

Kreis gewährt Kita-Platz und Assistenz

Wie der Kreis Segeberg auf Anfrage bestätigt, wird „das Mädchen mit einer intensiven Maßnahme vom Kreis unterstützt. Es erhält heilpädagogische Leistungen im Umfang eines Integrationsplatzes und zeitweise eine zusätzliche Assistenz aufgrund des individuellen Förderungsbedarfs.“ Aufgrund des Datenschutzes und laufender Gerichtsverfahren dürften jedoch keine genaueren Angaben gemacht werden.

Den Eltern ist das nicht genug. Sie wollen eine Kindergartenassistenz, die die Gebärdensprache beherrscht sowie je einen Hausgebärdensprachkurs für das Kind und sie als Eltern. Wie sie berichten, konnte Alma kurz vor dem Kindergarten im Rahmen einer Frühförderung einige Gebärdenzeichen lernen. „Es war für uns eine riesengroße Freude erleben zu dürfen, wie sie durch erste Gebärden endlich begann, ihre Bedürfnisse mitzuteilen“, erinnert sich Almas Vater Dennis Terrey. „Sie saugt Gebärden förmlich auf.“

Doch nach sechs Besuchen war Schluss, bedauert Carolin Terrey-Creutz. „Mit Eintritt in den integrativen Kindergarten im August hat das Sozialamt die Frühförderung aberkannt und verwehrt uns weiteren Unterricht der komplexen Gebärdensprache.“

Über Kommunikation entwickelt sich alles

Der Kreis rechtfertige die Entscheidung damit, dass der Bedarf erschöpft sei. Das Kind könne überfordert werden. Das Gegenteil sei der Fall: Einige Worte, einige Stunden würden nicht reichen, so die Mutter. „Ein Kind lernt Sprache rund um die Uhr. Nur über Kommunikation entwickeln sich auch alle anderen Bereiche. Wir haben mega Angst, dass sie nicht zu einem eigenständigen Mensch werden darf.“

In anderen Bundesländern würden Kindern langfristig Dolmetscher zur Seite gestellt. „Es geht also. Wir wollen keine Delfintherapie, sondern etwas, das hier möglich ist. Und dafür sind die Behörden verantwortlich. Das ist das Skandalöse daran.“ Die Eltern sind sich sicher, dass es ums Geld geht. Denn für knapp 40 Stunden pro Woche, wie sie es sich wünschen, kämen schnell mehr als 10 000 Euro im Monat zusammen.

Sie klagen jetzt gegen die Eingliederungshilfe Segeberg und das Jugendamt Henstedt-Ulzburg. Ihr Anwalt macht zunächst wenig Hoffnung. „Über einstweilige Verfügungen muss nach vier bis fünf Wochen entschieden werden. Es zieht sich ungewöhnlich in die Länge“, so die Mutter. Der Fall sei so selten, dass die Gerichte zögern. „In nächster Instanz ist er sich sicher, dass wir Recht bekommen“, sagt sie. „Das macht uns Mut. Wir tun alles, was wir können.“

Mehr Infos: www.gebaerdensprache-fuer-alma.de

Von Irene Burow

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