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Segeberg Extremsport gegen die Hektik des Alltags
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23:45 09.08.2014
Dirk Ehling liebt Marathonstrecken auf dem Fahrrad. Quelle: Fotos: Fuchs
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Norderstedt

Er ist schon zweimal nonstop von Paris bis Brest und wieder zurück geradelt, was 1200 Kilometer auf einem schmalen Sattel bedeuteten. Er hat zu zweit und zu viert über jeweils 2200 Kilometer Österreich mit dem Fahrrad umrundet. Und jetzt bewältigte der Extrem-Radsportler Dirk Ehling, 43, aus Norderstedt wieder in einem Rutsch eine 1100 Kilometer lange Strecke quer durch Tschechien und Österreich, für die er knapp 55 Stunden mit einer zweistündigen Pause brauchte.

Seit zehn Jahren hat sich Ehling, der zweiter Vorsitzender des 160 Mitglieder zählenden Radsportclubs Kattenberg in Kaltenkirchen ist, dem Radsport-Marathon verschrieben. Die körperliche Anstrengung dieser Touren, die jeden Hobbyradler überfordern, gebe ihm einen gewissen Kick und völlige geistige Erholung, sagt er. Der Kopf wird frei. „Ein Tag auf dem Rad ist wie eine Woche Mallorca“, versichert Ehling und strahlt übers ganze Gesicht. „Ich kann beim Radfahren total abschalten und alle Alltagssorgen vergessen.“

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In dieser Tretmühle gebe es nur den nächsten Kilometer zu schaffen. „Das ist mein Ausgleich zum hektischen Alltag. Kein Fax, kein Telefon, keine E-Mail stören mich dabei.“ Der Parforce-Ritt von Bennewitz bei Leipzig durch Tschechien, Österreich, Bayern und wieder zurück nach Sachsen habe ihn zwar körperlich stark gefordert und auch erschöpft, gibt Ehling zu. „Aber ich bin vollkommen erholt und geistig topfit nach Hause gekommen.“

Der Norderstedter fühlt sich als Extrem-Radsportamateur wie ein „Ritter der Landstraße“, wie er sagt. Solche Langstreckenfahrten würden im Französischen Brevet genannt. Und wie eine Diplomprüfung komme ihm dieser Pedalmarathon oft auch vor. So war die Tschechien-Österreich-Rundfahrt für ihn eine Vorqualifikation, um nächstes Jahr erneut, zum dritten Mal, von Paris bis an den Westrand der Bretagne radeln zu können.

Dirk Ehling ist vor zehn Jahren erst relativ spät zum Radsport gekommen. Doch er ist keiner, der sich wie manche Möchtegern-Marathonläufer in einem sechswöchigen Crashkurs auf so lange Strecken wagen. Ehling ist Radfahrer aus Leidenschaft. Er fährt mit dem Rad täglich zur Arbeit nach Hamburg rein und wieder nach Hause, egal ob es regnet oder schneit. Das allein sind 56 Kilometer Radfahren jeden Tag, sagt er stolz. Mit dem Wellenritt durch die Holsteinische Schweiz (220 Kilometer), der Rundfahrt an der Mecklenburger Seenplatte (300 Kilometer), dem Rhön-Radmarathon (220 Kilometer) oder den 600 Kilometern durch das Fichtelgebirge, die er dieses Jahr vor der Tschechien-Österreich- Tour geradelt ist, komme er auf rund 18 000 Kilometer auf seiner 2500 teuren Rennmaschine im Jahr.

Seine jahrelange Erfahrung mit Rad-Torturen hat Ehling inzwischen zu einem anerkannten Helfer werden lassen. Bei den Cyclassics in Hamburg, die am 24. August wieder gut 20 000 Hobbyradler auf die bis zu 150 Kilometer lange Jedermann-Strecke jagen, ist Ehling ebenso wie beim Velothon-Schwesternrennen in Berlin einer der 50 ausgewiesenen „Safer-Cycling-Guides“. Er hilft den Anfängern auf der Strecke und gibt ihnen gute Ratschläge und wenn es nur der ist, ausreichend zu trinken während der Fahrt. „Das vergessen die meisten und schon sind sie dehydriert und völlig fertig.“

Das war Ehling auch einmal kurz auf seiner Tschechien-Österreich-Tour. Nach 40 Stunden fast pausenlosen Tretens wurde er plötzlich müde und brauchte dringend etwas Schlaf. „Wenn man dann weiterfährt, kriegt man komische Visionen und schmiert ab.“ Im Vorraum einer Sparkassenfiliale in Waldsassen in der Oberpfalz suchte er Unterschlupf und fand zwei Mitfahrer, die sich dort schon zum Ausruhen hingelegt hatten. Als sie dann zwei Stunden später aufwachten und weiterwollten, schloss er sich ihnen an. „Die hatten ein Navi dabei und ich keine Lust mehr, mich wieder zu verfahren.“ Gut 50 Kilometer war der Norderstedter von der Strecke abgekommen, weil er keine vernünftige Karte oder ein Navi dabei hatte. Das kostete ihn zwei Stunden Umweg. Doch am Ende machte es nichts. Er blieb mit 54,5 Stunden eine halbe Stunde unter seinem selbst gesteckten Ziel. Von 25 Teilnehmern.

Aber die Zeit sei ihm beim Radfahren nicht wichtig, beteuert Ehling. „Mein Wahlspruch lautet immer: Erlebnis vor Ergebnis.“ Für ihn gebe es auch keine falschen Wege. „Manchmal irrt man sich nur in der Richtung.“

Sein großes Ziel, um seine Extremsport-Karriere abzurunden, sei die „Race-across-America“, die weltweit längste Strecke, die in einem Stück auf dem Fahrrad zu bewältigen ist. Das wären 5000 Kilometer nonstop auf dem Rad von Kalifornien bis nach New York City. „2016 will ich diese Tour de France für jedermann unbedingt angehen“, gibt Dirk Ehling als Perspektive an. Wenn er dann bis dahin das Startgeld von 7000 Euro beisammen hat.

„Das ist mein Ausgleich zum Alltag. Kein Fax, kein Telefon, keine E-Mail stören mich.“
Dirk Ehling, Sportler

Burkhard Fuchs