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Segeberg Mit dem „Polizeitrick“ nahmen sie Senioren ihr Vermögen ab
Lokales Segeberg Mit dem „Polizeitrick“ nahmen sie Senioren ihr Vermögen ab
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12:35 10.07.2019
Das Landgericht Kieler Schützenwall. Quelle: LN-Archiv
Kiel/Bad Segeberg

Beide hatten einen festen Job und ihr Auskommen, träumten aber von teuren Autos: Zwei Wachmänner auf Abwegen erbeuteten bei zehn Auftritten als falsche Polizeibeamte rund 260 000 Euro von älteren Menschen in Schleswig-Holstein. Im Betrugsprozess vor dem Kieler Landgericht legten die 25 und 27 Jahre alten Männer Geständnisse ab.

Als Diensthundeführer in Uniform sicherten die Angeklagten im Schichtdienst einen Luftwaffen-Stützpunkt der Bundeswehr. Im Nebenjob schlüpften sie in die Rolle ziviler Kripobeamter und brachten Senioren mit dem „Polizeitrick“ um ihre Ersparnisse. In vier von zehn Fällen blieb es beim Versuch. Knapp die Hälfte der Gesamtsumme stammt aus dem Kreis Segeberg. Die bis zu 92-jährigen Geschädigten sind teilweise nicht mehr in der Lage, vor Gericht auszusagen.

Jobangebot verlangte eine „kriminelle Ader“

Laut Vorwurf der Staatsanwaltschaft handelten die Angeklagten im sechswöchigen Tatzeitraum im Winter 2018/19 gewerbsmäßig im Rahmen einer Bande. Die bis zu neun Mitglieder kommunizierten fast ausschließlich über soziale Medien. Über eine Facebook-Seite hatte der 25-jährige die Hintermänner in der Türkei kontaktiert. Dort lockte ein Jobangebot mit Einkünften bis 40 000 Euro.

Wer schnelles Geld verdienen wolle, sollte eine „kriminelle Ader“ mitbringen, hieß es auf der Internetseite. Trotzdem wollen die beiden Deutschen ohne Migrationshintergrund anfangs an unverfängliche Transportaufträge gedacht haben. „Ich sollte irgendwas abholen“, sagt der Jüngere, der bald seinen Kumpel mit ins Boot holte. Man habe nur ausgeführt, was die Drahtzieher vorgaben.

Die Freunde hatten ihr geregeltes Einkommen, träumten aber von teuren Autos. So wollte sich der 25-Jährige in der Tuning-Szene mit einem PS-starken Toyota Supra profilieren. „Wir hatten ein wunderbares Leben, aber ich bekam den Hals nicht voll und wollte dieses blöde Auto“, schrieb er nach seiner Festnahme an seine Freundin. In dem Brief aus der U-Haft bekundet er Reue, ihre gemeinsame Zukunft „an die Wand gefahren“ zu haben.

Opfer hatte 100 000 Euro für ein Wohnmobil gespart

Auch der Hauptgeschädigte lebte für einen Traum auf vier Rädern: Der Mittsechziger aus dem Kreis Segeberg hatte in 30 Arbeitsjahren 100 000 Euro für ein Wohnmobil angespart, um im Ruhestand auf Reisen gehen zu können. Für den Fahrzeugkauf hatte er die Summe zuhause bereitgelegt. Am 11. Dezember 2018 riefen angebliche Kripo-Beamte bei ihm an, fragten nach Bargeld und warnten vor litauischen Einbrechern.

Der verunsicherte Zeuge nahm das Angebot der Hintermänner an, die 100 000 Euro kurzfristig in Verwahrung zu nehmen. Vor Gericht schildert er die Übergabe der Summe an den 27-jährigen Geldabholer und berichtet eindringlich von der Verzweiflung nach dem Verlust seines Vermögens. Er habe versucht, sich das Leben zu nehmen.

Die Angeklagten reagieren betroffen auf die hochemotionale Aussage. Sie entschuldigten sich inzwischen bei mehreren Opfern und beteuern, sie würden die Taten gerne rückgängig machen. Der 27-Jährige hatte früher ein soziales Jahr in einer Reha-Einrichtung für Senioren abgeleistet. Beide Täter wollen sich beim Geldabholen abgewechselt und zusammen nicht mehr als 10 000 Euro bekommen haben.

Von Hintermännern unter Druck gesetzt?

Der 25-Jährige erklärt, von den Hintermännern unter Druck gesetzt worden zu sein. Ihnen habe er ein Foto seines Personalausweises geschickt. „Sie wussten auch, wo meine Freundin arbeitet.“ Sein Verteidiger hebt den Beitrag zur Ermittlung weiterer Tatbeteiligter hervor. In Verständigungsgesprächen mit Staatsanwalt und Gericht hielt er eine Bewährungsstrafe für vertretbar.

Doch ein Deal kam nicht zustande. Zu weit klaffen die Vorstellungen über das Strafmaß auseinander. Nachdem die Kammer Strafobergrenzen von dreieinhalb Jahren beziehungsweise vier Jahren und vier Monaten ins Spiel gebracht hatte, lehnte ein Verteidiger das Gericht wegen Befangenheit ab. Sein Antrag wurde zurückgewiesen. Der Prozess wird fortgesetzt.

Thomas Geyer

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