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Segeberg Tabu-Thema Sterbebegebleitung
Lokales Segeberg Tabu-Thema Sterbebegebleitung
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17:00 22.10.2018
Ein Kinosaal hat für die vielen Besucher im Cineplanet 5 in Bad Segeberg nicht ausgereicht für den Film über Hospizverein Segeberg und Sterbebegleitung.
Ein Kinosaal hat für die vielen Besucher im Cineplanet 5 in Bad Segeberg nicht ausgereicht für den Film über Hospizverein Segeberg und Sterbebegleitung. Quelle: Heike Hiltrop
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Bad Segeberg

 Es ist ein Tabu-Thema. Eines, das in der heutigen Gesellschaft gerne totgeschwiegen wird: das Sterben. „Dabei sind wir alle mal dran“, sagt Nele Schlöke und lacht achselzuckend. Für sie ist das Sterben Teil des Lebens. Die 27-jährige Westerraderin, die sich im Hospizverein Segeberg engagiert, ist die jüngste in den Reihen der Sterbebegleiter. Und sie kommt wie ihre Mitstreiter in einem sehr berührenden Film zu Wort: „Verlass mich nicht, wenn ich schwach werde“, heißt er. Und er handelt von Ängsten und Nöten, Trauer, aber auch von ganz viel Hoffnung. Regie: Johannes Hoffmann, Filmemacher, Pastor, Autodidakt und Mann von Koordinatorin Elke Hoffmann. Musik: Jan Simowitsch. Hauptdarsteller: die ehrenamtlichen Sterbebegleiter mit ihrer Arbeit, ihren Gefühlen, ihrem Antrieb.

Filmemacher und Regisseur Johannes Hoffmann (v. l.) im Gespräch mit Jan Simowitsch (Musik) und Frank Häfner vom Kinocenter. Quelle: Heike Hiltrop

„Wir haben immer mal überlegt, etwas zu machen. Eigentlich war ein kurzer Schulfilm über die Hospizarbeit im Verein angedacht“, erinnert sich Hoffmann. Das war vor zwei Jahren. Ein grobes Konzept wurde erarbeitet. Von da an hat es ein weiteres Jahr gedauert, in dem Gespräche aufgezeichnet, Szenen aufbereitet, verschiedene Blickwinkel eingenommen wurden. 15 Stunden Filmmaterial sind dabei herausgekommen. Und die seien so vielversprechend gewesen, dass das Skript über Bord geworfen wurde, so Hoffmann. „Wir hatten den Luxus zu sagen: Wir machen die Geschichten, die wir entdeckt haben.“ Herausgekommen sind 45 Minuten, die das Publikum zur Sonntagspremiere im Kinocenter „Cineplanet 5“ in Bad Segeberg nachhaltig beeindruckt haben.

Und zwar nicht dadurch, dass Sterben, Tod und Trauer wie Blei über jeder Szene hängt. Im Gegenteil: Erfrischend offene, sehr authentische Interviews mit den Begleitern, aber auch Betroffenen lassen keinen Zweifel daran, dass es mehr als Zeit wird, Sterben als ganz normalen Teil des Lebens zu begreifen. Auch wenn einzelne Sequenzen von sehr symbolträchtigen Bildern - gedacht als Atempausen - unterbrochen sind. Nachtschwarze Vogelschwärme vor glutrotem Sonnenuntergang, stille Seen, in denen sich Wolken spiegeln, rote Rosenblätter auf kaltem Beton: Geschmackssache. Nötig hat der Film das nicht.

Hospizverein Segeberg

Der Hospizverein hat eine neue Koordinatorin bekommen: Heilpädagogin und Trauerbegleiterin Gina Krause ergänzt das Team, zu dem die beiden ebenfalls hauptamtlichen Koordinatorinnen Elke Hoffmann und Kirsten Schroeder gehören. Die 25-jährige, gebürtige Gelsenkirchenerin lebt in Kiel und engagiert sich bereits seit ihrem 15. Lebensjahr in der Hospizarbeit.

Das ist nicht die einzige Veränderung im Hospizverein Segeberg: Zurzeit werden neue, großzügige Räume an der Ecke Lübecker-/Kleine Seestraße hergerichtet, damit sie demnächst bezogen werden können. Kontakt per Mail unter info@hospizverein-segeberg, telefonisch unter 04551/9631945.

Sie sind vergessen, wenn die Sterbebegleiter – richtiger müsste es oft Familienbegleiter heißen - schildern, was ihre Arbeit bewirken kann, aber auch was sie mit ihnen macht. Häufig geht es einfach ums Zuhören und darum, das Unausweichliche, den Tod, anzusprechen, um die Angst davor abzubauen – auch bei Angehörigen.

 

Sterbebegleiter des Hospizvereins vor der Kamera

Wie bei Dinah Ford aus Bad Segeberg etwa. Ihre todkranke Freundin hatte sie um Hilfe gebeten, weil in der Familie das Gespräch über den nahen Tod gemieden wurde. Sie habe nicht gewusst, ob sie alles richtig gemacht hat, sagt die 73-Jährige im Nachhinein. „Alles war so chaotisch in mir. Darum habe ich nach ihrem Tod gedacht, dass ich etwas machen muss, um mich auf dieses Thema vorzubereiten“, erinnert sie sich, wie sie im Hospizverein mit der Ausbildung zur Sterbebegleiterin anfing. „Es ist so eine beglückende Aufgabe, so erfüllend.“ Eine Aussage, die sich wie ein roter Faden durch den sehenswerten Film zieht, der demnächst auf DVD (zehn Euro) zu haben sein soll.

Heike Hiltrop

22.10.2018
22.10.2018