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Segeberg Filmprojekt mit Schülern: Wer holt uns aus dem Karton?
Lokales Segeberg Filmprojekt mit Schülern: Wer holt uns aus dem Karton?
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18:55 13.12.2018
Die Jugendlichen vom BBZ und dem Städtischen Gymnasium haben sich die Filmszenen selbst ausgedacht und entwickelt. Das Kulturprojekt wird von der Mercator-Stiftung gefördert. Quelle: Wolfgang Glombik
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Bad Segeberg

 „Achtung wir drehen!“ In der Pausenhalle des Städtischen Gymnasiums in Bad Segeberg ist ein wohl bislang einmaliges Projekt in Arbeit. „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ heißt die Schüler-Arbeitsgemeinschaft mit Lehrerin Traute Roggon. Sie alle setzen zusammen mit Berufsschülern aus dem Berufsbildungszentrum (BBZ) eine spannende Idee um – in vielen künstlerischen Facetten. Für Roggon geht es dabei um das Thema Einstieg, Neuanfang.

Wie ist so etwas für Kinder und Jugendliche von Flüchtlingsfamilien möglich? Es ist eine Art kulturelle Bilanz, drei Jahre, nachdem zahllose Flüchtlinge hierher kamen und sich zurechtfinden mussten. – „Still! Kamera läuft.“ Schüler bringen einen Riesenkarton vor die Kamera. Dort krabbelt ein Mensch heraus. Wie ein Geschenk aus der Verpackung. „Du musst ganz überrascht sein!“, lautet die Regieanweisung an die Beschenkte. Zwei Kameras zeichnen die Szene auf. Es wird gelacht, gealbert und dann wieder konzentriert gedreht.

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Die Kisten sind in allen Variationen Thema, berichtet Anne Ipsen, die als pädagogische Kraft bei den Dreharbeiten mithilft. „Wir haben bei den Interviews fast den ganzen Tag zusammen verbracht. Die sprechen fast alle fließend Deutsch“, sagt sie voller Anerkennung. Erkennbar Regisseurin und mittendrin im Trubel, am Filmset, ist Daniela Herzberg. Sie ist eigentlich „Radiomacherin“ und nicht Filmemacherin. Das mit dem Filmen habe sie sich angeeignet. Zumal Jugendliche lieber Filme drehen, als Hörspiele aufnehmen. Daniela Herzberg schreibt und realisiert sonst Hörspiele und Features für den Deutschlandfunk, Radio Bremen und den WDR. Dieses von der Mercator-Stiftung finanzierte Projekt betreut sie quasi als Kulturvermittlerin. Sie habe sich um den Kontakt zu Flüchtlingen am BBZ gekümmert. „Wir dachten erst, da kommen Männer, die ein paar Brocken Deutsch sprechen. Und wer kam tatsächlich? Meist junge Frauen, die innerhalb von drei Jahren gelernt haben, sehr gutes Deutsch zu sprechen.“

So können die Jugendlichen vom Städtischen Gymnasium und BBZ sehr gut „auf Augenhöhe“ kreativ arbeiten. Ursprünglich sei das Thema „Erster Schultag“ an der neuen Schule gewesen. Doch das war nur ein Aspekt. Es ging um die ersten Schritte im neuen Leben der Flüchtlingskinder. „Darum kreisten auch unsere Interviews“, berichtet Herzberg. Die Flüchtlinge fühlten sich erst „als Außerirdische“ in einer deutschen Umgebung. Wichtig sei es damals gewesen, einen einheimischen Menschen zu finden, an dem man „andocken konnte“. Deshalb auch das Bild von dem großen Karton im Film. Irgendeiner packt einen aus. Die Pädagogen selbst sind erst unschlüssig gewesen, erinnere das Bild doch zu sehr an traumatische Erfahrungen der Enge in Containern oder Verstecken auf Lkw-Ladeflächen. Aber die Jugendlichen hätten das als passend empfunden, erzählt Daniela Herzberg. Sehr negativ in Erinnerung haben sie die Zeit in den Sammelunterkünften, als sie noch nicht in die Schule gehen konnten, komplett isoliert im Trubel waren.

Da haben die gefilmten Interviews mit den Jugendlichen viele Einsichten gebracht. Daniela Herzberg bespricht die Einstellung mit der jungen Kamerafrau. „Jetzt dichter rangehen.“ Es werden Spielszenen gedreht, die sich die Jugendlichen selbst ausgedacht haben. In Kombination mit den Interviews soll ein Film von etwa 15 Minuten entstehen, vielleicht als Vorfilm fürs Kino, hoffen dabei die Jungfilmer. Die Idee sei, den Film als Einstieg für eine Diskussionsveranstaltung zu zeigen. Vor drei Jahren kamen so viele Menschen. Welche Formen des Engagements sind jetzt notwendig? „Diese jungen Menschen hier sind nicht mehr hilflos“, ist eine der Erkenntnisse von Daniela Herzberg. Sie möchte die Rohfassung des Films bis zum Ende des Jahres mit den Jugendlichen aus dem BBZ und dem Städtischen Gymnasium schneiden. Im nächsten Frühjahr soll dann Uraufführung sein.

Wolfgang Glombik

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