Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Geplantes Industrie- und Gewerbegebiet in der Kritik
Lokales Segeberg Geplantes Industrie- und Gewerbegebiet in der Kritik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:10 08.03.2018
Ökologisches Problem Flächenfraß: Dazu zählen auch Wohn-Neubaugebiete am Stadtrand wie dieses in Wahlstedt.
Ökologisches Problem Flächenfraß: Dazu zählen auch Wohn-Neubaugebiete am Stadtrand wie dieses in Wahlstedt.
Wahlstedt

„Industriestadt im Grünen“ lautet der Slogan, mit dem Wahlstedt für sich wirbt. Doch wie viel Industrie verträgt die Stadt? Da scheiden sich am aktuellen Vorhaben zwischen Bahnhaltepunkt und Autobahn 21 die Geister.

Gewerbesteuern und Jobs, die versprechen sich Politik und Verwaltung vom Gewerbe- und Industriegebiet am Wahlstedter Stadtrand. Naturschützer und Bürger dagegen sorgen sich um Natur und Umwelt angesichts des Flächenfraßes und befürchten Nachteile für die Lebensqualität.

Etwa 36 Hektar groß ist das betreffende Plangebiet für Gewerbe und Industrie. Derzeit durchziehen artenreiche, dichte Knicks die Feldlandschaft. Zwerg-, Mücken- und Breitflügelfledermaus, der Abendsegler, die Fransen- und die Rauhautfledermaus sind nachgewiesen – drei der Arten gelten als gefährdet. Die Haselmaus ist hier zu Hause, zu den 28 nachgewiesenen Brutvogelarten gehören die in Schleswig-Holstein gefährdeten Feldlerchen, Wacholderdrosseln und das Braunkehlchen. Hier brüten mit Baumpieper, Bluthänfling, Star und Feldschwirl vier bundesweit gefährdete Arten.

Für das Vorhaben müssen mehr als 900 Meter Knick gerodet und 54 prägende Bäume gefällt werden. Im Gegenzug sollen 770 Meter Knick im Westen des Plangebiets neu angelegt und 20 Bäume gepflanzt werden – das geht aus den Entwürfen hervor. Gleich mehrere Flächen bei Klein Gladebrügge hat die Stadt gekauft, um hier weiteren Ausgleich zu schaffen.

„So ein Ausgleich ist eine Farce. Eine über die Jahrhunderte gewachsene Knicklandschaft geht verloren, erhaltene Knicks verlieren ihre Wertigkeit. Das ist ein Scheinausgleich“, kritisiert Herwig Niehusen von der Kreisgruppe Segeberg des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Ausgleich an anderer Stelle helfe vor Ort nicht, zumal es Jahrzehnte dauern dürfte, bis solche Maßnahmen das kompensierten. „Aber es ist gesetzeskonform. Stellungnahmen werden weggewischt, weil wir keine Handhabe haben, weil alles formal rechtens ist“, bedauert er.

„Die Situation ist mehr als unerfreulich, weil überall das Bedürfnis danach herrscht zu wachsen. Gewerbesteuern und Jobs sind das Totschlagargument“, sagt Niehusen. Dabei sei der Flächenfraß

anhaltend hoch und somit ein großes ökologisches Problem. Das habe die Landespolitik zwar erkannt und beteuert gegenzusteuern, „aber das Gegenteil ist der Fall“. Aus Niehusens Sicht sind das lediglich Lippenbekenntnisse.

Rückendeckung kommt von Wahlstedtern. „Für Tiere, Pflanzen und Menschen ist das eine Katastrophe. Das Umweltgutachten ist nicht richtig gewichtet. Aber es geht nicht nur um den Flächenverbrauch, sondern um die Lebensqualität“, betonen Eva und Albert Holm. Besonders schwer wiegt aus ihrer Sicht das als Industriegebiet ausgewiesene Areal. Hier werde Firmen Tür und Tor geöffnet, die andere Gemeinden nicht haben wollen.

„Da bekommen wir die Katze im Sack.“ Gestank, Krach und zunehmender Verkehr: Die Wohnqualität bleibe durch Lärm- und Geruchsimmission auf der Strecke, befürchtet auch Werner Fürste. „Das wird eine Gesamtbelästigung.“ Aus Sicht der drei Wahlstedter werden zudem Abstandsrichtlinien nicht eingehalten. „Da darf 25 Meter und noch höher gebaut werden. Allein vom veränderten Landschaftsbild wird man erschlagen“, kritisiert Eva Holm.

Das Misstrauen gegenüber Stadt und Politik sei sehr groß. Auch die Nachbarschaft sei mehrheitlich empört, sagen die Holms, die gerade einen Einwand formulieren und mit anderen zusammen Unterschriften gegen das Vorhaben sammeln wollen. Die Bürger zeigen sich kämpferisch: „Wenn das Gewerbegebiet nicht verhindert werden kann, dann wenigstens das Industriegebiet.“

Bis Freitag, 16. März, können Interessierte die Pläne zum neuen Gebiet (B-Plan 32) im Rathaus einsehen und gegebenenfalls Einwände (schriftlich) vorbringen.

Von Heike Hiltrop