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Segeberg Gewalt an Kindern: Nicht wegschauen!
Lokales Segeberg Gewalt an Kindern: Nicht wegschauen!
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18:29 23.12.2017
Kinder, die in kindeswohlgefährdeten Umständen aufwachsen, sind auf die Aufmerksamkeit des Umfelds angewiesen. Quelle: Foto: Dpa, Nam
Bad Segeberg

„Körperliche Gewalt an Kindern ist meist ein Zeichen von Überforderung der Eltern“, sagt Silke Ohrtmann. „Oder sie haben nicht anders gelernt mit Konflikten umzugehen.“ Ob aber ein Kind in der Nachbarwohnung brüllt, weil es Zähne putzen soll oder geschlagen wird, ist durch Wände nicht immer erkennbar. Ohrtmann rät deshalb, die Nachbarn im Verdachtsfall anzusprechen. „Wenn man sich traut.“

Gewalt gegen Kinder ist trauriger Alltag. Das BKA weist in der Kriminalstatistik 3621 Fälle von Kindes-Misshandlung in 2016 auf. „Und das ist nur das Hellfeld“, sagt Psychologin Silke Ohrtmann vom Kinderschutzbund. Sie wünscht sich mehr Zivilcourage. „Genau hinschauen“ sei wichtig.

Das Spendenkonto

Empfänger: Deutscher Kinderschutzbund Segeberg gGmbH Konto: Sparkasse Südholstein

DE42 2305 1030 0510 5092 68 Verwendungszweck:

Spendenaktion „Hilfe im Advent“

Die Namen der Spender werden in den LN veröffentlicht soweit bei der Überweisung der Spende nicht „anonym“ angegeben wird.

Nicht konfrontativ, sondern wertschätzend, zum Beispiel: „Ich will dir nichts Böses, aber mir ist aufgefallen, dass das Kind viel schreit. Wenn du Unterstützung brauchst, steh ich zur Verfügung.“ Nie anklagen, das sei wichtig, rät Ohrtmann. Vielleicht gebe es eine ganz einfache Erklärung für das Geschrei. „Selbst wenn das Kind geschlagen wird, kann es helfen, wenn der Nachbar die Eltern anspricht. Zumindest merken sie: ,Oh, wir müssen vorsichtig sein.’ Und vielleicht schlagen sie ihr Kind nicht mehr.“

Wenn die Angesprochenen „dicht machen“, abblocken, oder keine Erklärung liefern können, könne man sich jederzeit an das Kinderschutzzentrum des Kinderschutzbundes in Bad Segeberg wenden oder an das Jugendamt. Angst vor einem falschen Alarm brauche man dabei nicht haben, betont Ohrtmann. „Niemandem wird ein Kind weggenommen, weil ein Nachbar einen Verdacht äußert. Dafür müsse das Jugendamt selbst eine Kindeswohlgefährdung feststellen – also eine dauerhafte Beeinträchtigung der Entwicklungsmöglichkeit.

Das bestätigt Segebergs Jugendamtsleiter Manfred Stankat. „In der Regel nehmen wir das Kind nicht mit.“ Aber: „Im Verdachtsfall auf Kindeswohlgefährdung stehen wir noch am gleichen Tag auf der Matte.

Das ist eine Dienstanordnung und hat Vorrang vor allen anderen Aufgaben.“ In den allermeisten Fällen könnten die Menschen gut einschätzen, wann Eltern die Rechte ihrer Kinder verletzen. Da habe sich in den letzten Jahren einiges getan im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Auch das Vertrauen in die Behörde sei gestiegen, glaubt Stankat. Zumindest steigen seit Jahren die Zahlen der Hinweise. So wurden dem Segeberger Jugendamt 2014 noch 134 Verdachtsfälle auf Kindeswohlgefährdung gemeldet, in 2016 gingen 204 Hinweise ein und in 2017 waren es bis Mitte Dezember bereits 301 Meldungen. In zehn Prozent der Fälle stellte das Jugendamt tatsächlich eine akute Kindeswohlgefährdung fest und musste umgehend reagieren – gegebenenfalls auch mit der Herausnahme des Kindes. In 21 Prozent der Fälle wurde eine latente Gefährdung festgestellt. Das heißt, die Situation musste weiter abgeklärt werden. Bei 34 Prozent der Hinweise bestand zumindest Unterstützungsbedarf. Beim Rest, 35 Prozent, sah das Jugendamt keinen Anlass für weitere Unterstützung. Trotz der erhöhten Aufmerksamkeit muss davon ausgegangen werden, dass viele Fälle von Misshandlung nicht bei den Behörden landen. „Insbesondere bei Fällen, die schwer zu erkennen sind und bei sexueller Gewalt“, so Stankat.

Kindeswohlgefährdung kann viele Ursachen haben. Das muss nicht unbedingt ständige körperliche Gewalt sein, das können häusliche Umstände sein oder mangelnde medizinische Versorgung. Möglich ist auch psychische Gewalt, dazu gehört etwa das systematische Niedermachen eines Kindes; „dass ihm zum Beispiel ständig erzählt wird, zu nichts nutze zu sein“, erklärt Ohrtmann. Nur leider sei diese Art von Gewalt ganz schwer nachzuweisen. „Und das macht mit Kindern manchmal sicher mehr als körperliche Gewalt.“ Die Folgen reichten bis zu psychosomatischen Erkrankungen oder sogar Selbstverletzung.

Wer sich unsicher ist, ob ein Kind im Umfeld misshandelt wird, der sollte beobachtete Vorfälle und Verdachtsmomente dokumentieren. „Das rate ich auch dem Fachpersonal“, so Ohrtmann. „Manchmal hat man ja einen Fokus auf etwas und sieht nichts anderes mehr.“ Und erhärtet sich der Verdacht, liegen schon erste Fakten vor.

Kinder, die in kindeswohlgefährdeten Umständen aufwachsen, sind auf die Aufmerksamkeit des Umfelds angewiesen. Wenn nicht beide Eltern für die Umstände verantwortlich sind, sei es nicht selten, dass ein Partner den anderen deckt, weiß Ohrtmann. Dabei spielten häufig Abhängigkeiten eine große Rolle oder die Angst, dass die ganze Familie zerbricht.

„Ich würde mir wünschen, dass die Menschen mehr Zivilcourage haben – ohne zu dramatisieren“, sagt Ohrtmann. „Ich finde es toll, wenn ein Nachbar hier sitzt und fragt, was er jetzt machen soll und sich nicht nur um seine kleine Welt kümmert.“ Auch das Jugendamt rate dazu, besser einmal öfter Bescheid zu sagen, als einmal zu wenig. „Ich fahre lieber einmal mehr in die Schule oder Kita. Und wenn dann nichts dran ist, bin ich umso glücklicher“, sagt sie. „Dann habe ich nicht das Gefühl umsonst hingefahren zu sein. Dann ist es einfach geklärt.“

Großer Dank an die LN-Leser

Mit der Aktion „Hilfe im Advent“ unterstützen Sie, liebe Leserinnen und Leser, diesmal die Arbeit des Kinderschutzbundes Segeberg. „Wir freuen uns sehr über die bisher erreichte Spendensumme und bedanken uns recht herzlich bei den Menschen, die für uns gespendet haben“, sagt Lars Petersen, Geschäftsführer der Kinderschutzbund Segeberg gGmbH. „Wir verstehen dies auch als Ausdruck von Vertrauen und Wertschätzung für unsere Arbeit. Die Spendengelder werden wir anteilig für das geplante Kreativprojekt sowie für den Erhalt der beiden Young-Carers-Gruppen in Bad Segeberg und Bad Bramstedt einsetzen. Die Spenden helfen uns, als Lobby für Kinder und Jugendliche mehr zu tun.“

Die LN-Spendenaktion „Hilfe im Advent“ geht auch nach Weihnachten weiter. Am Mittwoch stellen wir die ambulante Familienberatung des Kinderschutzbundes vor.

Die Spender

Kurt und Hannelore Werner 30 Euro, Almut Henze 25 Euro, Rosemarie Palinski 50 Euro, anonym 15 Euro, Maren Les 100 Euro, anonym 20 Euro, Monika Kaap-Wetzstein 5 Euro, Susanne Jusko-Plaumann 50 Euro, Lara Zolling 25 Euro, Hermann Koth Ingenieurbüro GmbH & Co KG 500 Euro, Christiane Kues 50 Euro, Regina Beer 30 Euro.

Aktueller Spendenstand:

6958 Euro

Gewalt an Kindern

138 Kinder und 114 Jugendliche wurden allein 2016 gewaltsam getötet laut Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts (BKA). Gewalt an Kindern (unter 14 Jahren) ist trauriger Alltag in Deutschland.

3621 Misshandlungen an Kindern weist die Statistik für 2016 auf. In fast 44 Prozent der Fälle waren Frauen die Tatverdächtigen. Die Fallzahlen sind seit Jahren hoch, 2015 wurden 3441 Kindes-Misshandlungen registriert. Noch erheblicher sind die angezeigten Fälle sexuellen Missbrauchs an Kindern: 2016 waren es laut BKA bundesweit 12019, im Jahr davor 11808.

Nadine Materne

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