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Segeberg Grab-Bier und geweihtes Regenwasser: Segebergs historische Begräbnisrituale
Lokales Segeberg Grab-Bier und geweihtes Regenwasser: Segebergs historische Begräbnisrituale
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16:33 24.11.2019
Auf diesem historischen Foto ist die alte Gruft vor dem Altarraum zu sehen, bevor sie mit Sand verfüllt und durch eine Betondecke verschlossen wurde. Quelle: KG Segeberg
Bad Segeberg

Die Begräbniskultur wandelt sich. Die Zahl der Einäscherungen steigt, die Zahl der „normalen“ Begräbnisse sinkt. Außerdem werden immer mehr Urnen in Ruheforsten beigesetzt oder im Meer bestattet. Es muss nicht mehr unbedingt der Friedhof neben der Kirche sein. In den vergangenen Jahrhunderten war das noch ganz anders. Da führte der unbedingte Wunsch in das Himmelreich zu kommen aus heutiger Sicht sogar zu skurrilen Auswüchsen. Die Bad Segeberger Marienkirche von 1156, die älteste Backsteinkirche des Nordens, ist dafür das beste Beispiel. Der Kampf um einen Platz im Himmel begann schon zu Lebzeiten der Segeberger, und zwar schon bei der Grundsteinlegung und dem Bau der Kirche. „Die Grundsteinlegung war hier wörtlich zu nehmen, da brachte jeder Besucher mindestens zwölf möglichst große Steine mit. Und als es später an den Bau ging, haben die Menschen, wenn auf den Feldern im Sommer nichts zu tun war, kostenlos an der Kirche gebaut“, erzählt Günther Gathemann, Experte für die Bad Segeberger Marienkirche. Warum? „Sie wollten ein Werkzeug Gottes sein und so ihre – salopp gesagt – Bonuspunkte sammeln, um später nach dem Tod ein gutes Leben im Paradies zu führen.“

Das Grab musste möglichst nah an der Kirche sein

Das Begräbnis spielte dabei ebenfalls eine zentrale Rolle. Die Grundregel: Umso näher an der Kirche, umso besser. Bis ins 19. Jahrhundert hinein begann der Friedhof deshalb direkt an der Kirchenmauer.

Über die Jahrhunderte sollen so zwischen 50 000 und 70 000 Menschen direkt auf der Wiese vor der Bad Segeberger Kirche bestattet worden sein. Erst 1959 wurden die Gebeine von dort umgelagert. Aber auch auf der Kirchenwiese waren nicht alle Plätze gleich. „Tatsächlich waren die Gräber unter dem Dachrand besonders begehrt, denn damals gab es noch keine Regenrinnen, und das Wasser, das vom Kirchendach tropfte, war automatisch geweihtes Wasser“, berichtet Gathemann.

Bis in das 19. Jahrhundert waren die Gräber direkt vor der Marienkirche. Quelle: KG Segeberg

Gruft unter St. Marien

Die richtig Wohlhabenden gingen ganz auf Nummer sicher und ließen sich direkt in der Kirche bestatten. So gibt es direkt unter dem Boden vor dem Altarraum immer noch uralte Gruftgewölbe. Die wurden nur irgendwann mit Sand verfüllt und dann wurde eine Betondecke darüber gelegt. „Durch das Begräbnis in der Kirche wollten die Menschen noch als Tote den Gottesdiensten beiwohnen“, erklärt Gathemann. Wer es sich leisten konnte, spendete noch eine Kanzel wie der Ritter Markwart von Pentz, dessen Gebeine ebenfalls noch irgendwo unter Kirche liegen könnten. „Insgesamt haben hier in der Kirche wohl an die 200 Bestattungen stattgefunden“, sagt Gathemann. Es sind jedoch nicht mehr alle Überreste unter dem Boden versteckt. Vieles wurde auch bei früheren Sanierungen und Umbauten gefunden. „Die Knochen wurden dann auf den Friedhof umgebettet und dort nachbestattet“, so der Kirchenfachmann.

Noch heute finden sich viele der Grabplatten in dem Kirchenboden, auch wenn sie nicht mehr an den Originalstellen liegen. Meist sind die Inschriften so abgelaufen, dass sie nicht mehr lesbar sind. Bis auf die Grabplatte der Familie Griese. „Dieser Stein und Stätte gehört Hans und Judith Griesen laut Kirchenbuch anno 1659 den sechsten September“, steht dort in historischen Buchstaben, bei den unter anderem das U noch als V geschrieben wurde. „Da diese Grabstätten damals für die Ewigkeit vergeben wurden, hätten Nachkommen der Familie eigentlich sogar das Recht, sich hier heute noch bestatten zu lassen“, sagt Gathemann mit einem Schmunzeln.

Stundenlanges Trauergeläut und tagelange Trinkgelage

„Im Barock wurden die Beerdigungen dann noch prunkvoller“, so Gathemann. Wer es sich leisten konnte, buchte für drei Taler gleich noch ein stundenlanges Trauergeläut dazu. All das sollte Pluspunkte bringen, wenn man später vor der Himmelspforte steht. Beim Tode des Königs Christian VIII im Jahr 1848 wurde sage und schreibe 32 Tage geläutet. Dafür wurden 74 Reichstaler bezahlt.

Gathemann kann die Menschen im Mittelalter gut verstehen, man müsse sich einfach ihr damaliges Leben vor Augen führen. „Das Sterben war damals allgegenwärtig, die Hälfte der Kinder sind nicht erwachsen geworden, eine kleine Verletzung konnte tödlich sein“, sagt Gathemann. Zudem sei das Leben damals sehr karg und beschwerlich gewesen. Jedes Gewitter sei als Zorn Gottes für die eigenen Sünden verstanden worden. „Da waren die Menschen eben sehr bemüht sich abzusichern, damit sie wenigstens nach ihrem Tod ein schönes Leben im Paradies haben konnten. Die Bibel hat ihnen da die nötige Sicherheit gegeben. Jetzt ging es allein darum, Gott zu gefallen.“ Obwohl, ein wenig Freude im Diesseits organisierten sich die Segeberger dann schon selbst, und zwar auch wieder auf den Beerdigungen. So war es im 18. Jahrhundert üblich ein „Grab-Bier“ nach der Beendigung einer Bestattung in den Segeberger Wirtschaften auszugeben. Gathemann: „Das gab erhebliche Probleme mit dem Alkoholkonsum, denn Leute aus den Dörfern feierten tagelang in den Kneipen. Immer in der Erwartung, dass der nächste, der in ihrem Dorf schwer krank darniederlag, beerdigt würde.“

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