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Segeberg Gülle-Proteste vor Discountern
Lokales Segeberg Gülle-Proteste vor Discountern
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14:48 11.08.2015
Landwirt Claus-Dieter Lempfer aus Hamdorf bekommt 27,5 Cent für einen Liter Milch — zu wenig. Darum kann er die Wut der Kollegen verstehen.
Kisdorf

„Kuh-Bauer — leben unterm Limit“, steht in dicken Buchstaben auf einem Schild vor dem Eingang am Aldi-Markt in Kisdorf. Schwarze Kreuze sollen den Untergang der Milchbauern symbolisieren. Ausgegossene Gülle, Milch und Stroh unterstreichen den stummen Protest auch vor dem Discounter in Nahe. „Das ist nur der Anfang. Wir wollten die Verbraucher auf unsere miese Situation hinweisen“, sagt Landwirt Andreas Scherrer.

Beim Discounter, der massiv die Niedrigpreise seiner Milchprodukte bewirbt, bekommt der Kunde einen Liter Milch derzeit für 55 Cent. „Das ist weniger als manches Mineralwasser kostet. Das steht in keinem Verhältnis“, wettert einer der Bauern. Aktuell bekomme er gut 26 Cent für einen Liter seiner Milch. Viel zu wenig. „Wir müssten 40 Cent haben, um davon leben zu können“, ergänzt er. Andere liegen bei 27,5 Cent, so wie Landwirt Claus-Dieter Lempfer aus Hamdorf, der die Wut seiner Kollegen gut verstehen kann, auch wenn er an der Protestaktion nicht beteiligt war: „Die Marge wird immer geringer“, sagt er und schaut auf den fast fertigen Kuhstall gegenüber dem bestehenden. Um 20 Tiere auf 90 wollte er vergrößern, doch „jedes Tier, was ich nicht aufstalle, spart Geld“, zieht er ein düsteres Fazit.

Die Stimmung unter den Kollegen sei sehr getrübt, so Lempfer und rechnet vor, dass Futter, Tierarzt, Pflege, Besamung und so weiter ja auch bezahlt werden müssen. Und wenn er eine Vollkostenrechnung aufstelle, dann wären sogar 40 Cent pro Liter nicht einmal genug. „Landwirte mit Mitarbeitern trifft es momentan besonders hart, vor allem, wenn sie auch noch investiert haben.“

Es gärt unter den Milchbauern, und offenbar gehen die Proteste demnächst erst richtig los. Dann nämlich, wenn die Ernte eingefahren ist. Das bestätigt Kirsten Wosnitza. „Es geht in vielen Betrieben um die Wurst“, so Schleswig-Holsteins Landesvorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). Die Dumpingpreise beim Discounter empfänden die Landwirte als Affront, aber man müsse sich die Frage stellen, warum Aldi und die anderen das können: „Es geht nur, weil die Molkereien keine Alternative haben. Der Markt ist dermaßen gesättigt, das Molkereien ihre Milch einfach nicht loswerden. Aldi und andere wissen das — jetzt passiert Markt, damit musste man rechnen.“

Sie zeichnet ein ähnlich düsteres Bild wie Claus-Dieter Lempfer. „Es ist die dritte große Krise seit 2009“, so Kirsten Wosnitza. Viele Betriebe hätten aus den Problemen in den Vergangenheit heraus keine großen Rücklagen bilden können. Zur Nachfrageschwäche, die alle Milcherzeuger in Europa getroffen habe, komme hinzu, dass der Fall der Milchquote bisher nicht den erhofften Erfolg gebracht habe. „So haut diese Krise richtig ‘rein“, fasst die BDM-Landesvorsitzende zusammen und nimmt gleichzeitig die Endverbraucher in Schutz: „Ich kenne keinen Kunden, der sagt, ich bezahle nur 55 Cent für einen Liter Milch.“ Eine LN-Umfrage in Bad Segeberg bestätigt das. „Die ganz billige Milch kaufe ich gar nicht. Für so ein wichtiges Grundnahrungsmittel zahle ich gerne auch 80 Cent“, sagt Rita Müller. „Ich habe überhaupt nicht auf den Preis geachtet“, räumt auch Maik Schmidtke aus Schieren ein, während er fünf Liter im Auto verstaut. „Ein paar Cent mehr oder weniger fallen mir gar nicht auf. Ich bin da wie viele auch bequem: Für Milch fahre ich nicht auch noch woanders hin.“

Dabei sah es zwischenzeitlich einmal gar nicht so schlecht für die Milchbauern aus, räumt Kirsten Wosnitza ein, und macht das am Beispiel der Meierei Schmalfeld fest: Bekam ein Bauer 2014 hier noch noch 37 Cent pro Liter, sind es nun 27. „Und die Molkereien haben schon angekündigt, dass die Preise weiter sinken könnten“, ergänzt sie. Das bedeute alleine in Schleswig-Holstein einen wirtschaftlichen Verlust von 280 Millionen Euro, rechnet sie vor.

Der BDM sieht die Länder in der Pflicht und fordert ein Krisenmanagement, das im Kern ein verbindliches Runterfahren der Milchproduktion beinhaltet (siehe Infokasten). Kirsten Wosnitza: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Nachfrage springt an oder die Produktion geht runter. Und wenn man auf Selbstregulierung hofft, dann heißt das Ausstieg von Betrieben.“

Krisenplan gefordert
Um in Krisenzeiten reagieren zu können, fordern Milchbauern eine allgemeinverbindliche Regulierung der europäischen Milchmenge. Die sollte, anders als die nach 30 Jahren am 31. März 2015 ausgelaufene Milchquote, keine starre Zuweisung, sondern ein flexibles Werkzeug sein. Der erste Schritt dahin sei mit der Markt-Monitoringstelle der EU getan, so die BDM-Landesvorsitzende Kirsten Wosnitza. „Die wissen, was los ist und könnten ab einer bestimmten Preis-Abwärtsbewegung sofort reagieren.“ Stufe zwei sei ein Programm der Regulierung auf freiwilliger Basis bei gleichzeitiger Entschädigungszahlung. Wenn das nicht ausreiche, müsse Stufe drei greifen: Eine allgemeine Milchproduktions-Senkung um fünf Prozent, an die sich alle verbindlich halten müssen. Wer dies nach Kontrollen nicht einhält, der müsse eine Strafe zahlen, aus der sich beispielsweise die Entschädigungszahlungen aus Stufe zwei tragen ließen.



Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, starten Deutschlands Milchbauern mit ihren Schleppern am 24. August eine Sternfahrt Richtung München. Auch aus den 4000 Milchviehbetrieben in Schleswig-Holstein werden einige dabei sein (sie starten von Hohenwestedt aus). Am 1. September wollen sie dort ankommen. Am 7. September ziehen die Milchbauern Richtung Brüssel, dort tagt wegen der Milch-Krise ein Sonder-Agrarrat. hil

Heike Hiltrop