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Segeberg Haben Windkraft-Lobbyisten den Rotmilan vertrieben?
Lokales Segeberg Haben Windkraft-Lobbyisten den Rotmilan vertrieben?
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15:14 26.05.2017
Pronstorf

Bei den einen herrschte Freude, bei den anderen blankes Entsetzen, als die Pläne für einen Windpark zwischen Strenglin und Diekhof bekannt wurden (die LN berichteten). Hoffnung bei den unmittelbaren Anwohnern schürte ein Rotmilan, der mit einem Schutzradius von 1,5 Kilometern die Windkraftanlagen in unmittelbarer Nähe verhindern könnte. Am Waldrand hatte der geschützte Vogel einen Horst gebaut. In diesen Tagen hätten dort die ersten Küken schlüpfen müssen. Doch nun ist der Rotmilan weg, sein Gelege hoch oben in den Baumwipfeln verlassen.

 

Bernd Nowak (l.) zeigt dem Polizisten Sven Martin den verlassenen Horst. Er hat Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz gestellt. Quelle: Fotos: Dreu (2), Maxwitat (1)

„Das ist eine Riesensauerei. Da hat jemand nachgeholfen,“ ist Falkner Bernd Nowak überzeugt. Er steht fassungslos mit Jäger Till Schulte vor dem Baum, den sich der Vogel für seine Brut ausgesucht hatte. Sie haben die Windkraft-Lobby in Verdacht. Am 23. Mai hatte er den Horst verlassen vorgefunden. Unweit davon entfernt lag ein schwerverletzter Kolkrabe. Auch dieser könnte Opfer von Störaktionen geworden sein, mutmaßt der Falkner. Beobachtungen von zwei Zeugen untermauern seine Vermutung.

„Am 11. Mai habe ich zum ersten Mal ein Klopfen im Wald gehört“, erzählt Anwohner Michael Schulze, der abends immer noch eine Runde mit seinem Hund dreht. „Ich konnte das überhaupt nicht zuordnen und habe zuerst an einen Specht gedacht“, sagt Schulze. Zwei Tage später – und ein drittes Mal am 17. Mai gegen 21 Uhr – soll das Klopfen abermals zu hören gewesen sein. Dieses Mal konnte er genauer bestimmen, aus welcher Richtung das Geräusch kam. „Es hörte sich an, als würde jemand mit Holz gegen einen Baum schlagen. Als ich dem Geräusch näher kam, konnte ich noch zwei Männer in grünen Jacken sehen, die sich eilig in die andere Richtung davonmachten“, erzählt Schulze. Erst später habe er erfahren, dass genau dort, wo er die Männer offenbar gestört hatte, der Rotmilan brütete.

Eine andere Beobachtung will ein Jagdkollege von Till Schulte gemacht haben, der am 21. Mai auf einem Ansitz saß. „Er hat gegen 21 Uhr ein Auto gesehen, das durch das Waldgebiet Kuhkoppel fuhr.

Eine Stunde später fuhr das gleiche Auto durch das Waldgebiet Köhlen. Der Kollege hat mich angerufen und gesagt: ,Da stimmt was nicht‘“, erzählt Schulte. Bei dem Fahrzeug soll es sich um einen kleinen Geländewagen mit Stollen-Reifenprofil und einer weißen Reserveradbox gehandelt haben.

Das waren jedoch nicht die einzigen Störaktionen. „Am 29. April haben zwei Männer aus Lübeck immer wieder ihre Quadrocopter über der alten Ziegelei kreisen lassen. Im Turm brütete damals ein Turmfalke, auf dem Boden ein Uhu“, erzählt Bernd Nowak, der erst kürzlich auch Crossfahrer zur Raison bringen musste, die zuvor knatternd durch den Wald geprescht waren. „Einen konnte ich anhalten.

Als ich nach seinem Nummernschild sehen wollte, hat er Gas gegeben. Ein Nummerschild gab es gar nicht“, sagt Nowak.

Im Wald zeigt er den beiden Polizeibeamten Peggy Bandelin und Sven Martin den Baum, auf dem noch vor wenigen Tagen der Rotmilan brütete. Eine Strafanzeige gegen Unbekannt ist inzwischen gestellt.

„Andere Fälle im Kreis Segeberg sind uns nicht bekannt, aber auf jeden Fall handelt es sich dabei um eine Straftat nach dem Bundesnaturschutzgesetz“, stellt Sven Martin klar. Streng geschützte Arten – wie der Rotmilan – dürfen nämlich nicht gestört werden. Der Umweltschutztrupp der Polizei ermittelt jetzt weiter.

Die Vorfälle in Pronstorf überraschen Ingo Ludwichowski, Geschäftsführer des Nabu-Landesverbandes, nicht: „In vielen Fällen bemerkt man solche Störaktionen nicht. Irgendwann sind die Vögel einfach weg.“ Dass es für den Bau von Windkraftanlagen Störaktionen gegen Großvögel gibt, weiß auch Rüdiger Albrecht vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume: „Deshalb hat das Land vorgesorgt, um Anreize für solche Aktionen zu verhindern.“ Er bestätigt, dass es im Bereich Pronstorf mehrere Rotmilan-Horste gibt, die alle kontrolliert wurden. Albrecht: „Erst wenn dort drei Jahre hintereinander keine Brut mehr erfolgt ist, wird er gestrichen. Konsens im Land ist, dass in unmittelbarer Nähe solcher Horste keine Windkraft erwünscht ist.“

Ein ähnlicher Fall

In diesem Monat wurden im nordhessischen Kreis Waldeck-Frankenberg zwei Männer dabei beobachtet, wie sie minutenlang mit Stöcken gegen den Stamm eines Brutbaums geschlagen haben, um Rotmilane zu vertreiben. Gemäß des Genehmigungsbescheides hätte der benachbarte Windpark bei einer aktiven Brut von Rotmilanen vom 1. Mai bis 31. Juli tagsüber stillstehen müssen. Der Naturschutzbund zeigte daraufhin den Betreiber und Flächenverpächter an. pd

 Petra Dreu